Psychologie

„Der Pfarrer hat mir herausgeholfen“

Astrid Chase hatte nach einem therapeutischen Missbrauch die Gnade, einem guten Seelsorger zu begegnen. 
Astrid Chase
Foto: Privat | Astrid Chase hat nach leidvollen Erfahrungen wieder Lebensmut.

Dreißig Jahre lang trug sie ihre Geschichte mit sich herum. Heute möchte sie sie erzählen. Astrid Chase ist eine 68 Jahre alte Dame mit kurzen Haaren, roter Brille und einem humorvollen Zug um den Mund. Ihr offenes, wenn auch ein wenig zurückhaltendes Lächeln wird im Laufe des Gesprächs immer wieder von einem bitteren Zug überschattet. Auch nach Jahrzehnten lässt sie die Erinnerung an die furchtbaren Geschehnisse nicht los, die ihr Leben gezeichnet haben. Die Enthüllungen über sexuellen Kindesmissbrauch in der Kirche sind der Grund, warum sie der „Tagespost“ ihre Geschichte erzählt.

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Übergriffe von Psychologen

Der mediale Umgang mit der Kirche und den Missbrauchsfällen erscheint ihr sehr einseitig. „Ohne Frage sind die Kindesmissbräuche durch Kleriker, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind, ganz furchtbar. Ich selbst habe aber einen therapeutischen Missbrauch erlebt, aus dem mir gerade ein katholischer Priester herausgeholfen hat“, erzählt die Rentnerin. Wichtig ist ihr, zu betonen, dass sie kein Einzelfall ist. „Wie viele Menschen werden in Deutschland in Kliniken und Therapien missbraucht und haben nicht so viel Glück wie ich. Menschen, denen keiner hilft und deren Geschichte nie ans Licht kommt. Von ihnen spricht niemand.“ Tatsächlich geht das Deutsche Institut für Psychotraumatologie von jährlich mindestens 300 bis 600 Übergriffen in psychologischen Beratungen, Psychotherapien und Psychiatrien aus, wie eine kurze Recherche bestätigt.

Dass niemand von diesen Fällen spricht, liegt auch am perversen Vorgehen der Täter, wie Frau Chase zu berichten weiß. Ihr Peiniger habe ihr wiederholt klargemacht, dass niemand ihr glauben würde und er sie, sollte sie über das Vorgefallene sprechen, als psychotisch darstellen würde. In ihrem Fall, erzählt sie, handelte es sich um einen jahrelangen psychischen Machtmissbrauch, der ihre physische, psychische und geistige Gesundheit völlig zerrüttet hat. Am Ende bleibt für Astrid Chase nur noch die Selbsteinweisung in eine Entzugsklinik. Der medizinische Befund liegt der „Tagespost“ vor und lautet auf schwere Angststörung, Tranquillizer- und Alkoholabhängigkeit. Psychotisch sei sie nicht, versichert ihr damals die behandelnde Ärztin, zu der sie Vertrauen fasst und die ihre Geschichte glaubt.

Angstzustände

„Wenn ich das alles jetzt nochmal so erzähle, kann ich kaum verstehen, wie ich das alles durchgehalten habe.“ Trotzdem ist Frau Chase der Meinung, sie sei „noch glimpflich davongekommen“. Und zwar dank eines Priesters, der sie in Kindheit und Jugend begleitet hat. Dann beginnt sie, zu erzählen. Von ihrem frontgeschädigten Vater, der sie als kleines Kind mit seinen Kriegserlebnissen überfordert habe. Von einer herrschsüchtigen Mutter, die den Wunsch ihrer Tochter nach Bildung und einem eigenständigen Leben vehement ablehnte. Schon in der Grundschule, so erzählt sie, habe sie Angstzustände und Krankheitssymptome entwickelt, deren Herkunft kein Arzt festzustellen vermochte.

Schon damals seien ihr Tranquillizer verschrieben worden. Der tief gläubige Vater habe gegen den Willen der Mutter durchgesetzt, dass das Kind katholisch erzogen wurde. Das Pfarrhaus war eine fast tägliche Anlaufstelle für sie, um dem konfliktreichen Elternhaus zu entkommen, so erinnert sie sich. Der Pfarrer habe auch erreicht, dass Astrid Chase die Realschule besuchen konnte. „Auf seine Unterstützung habe ich immer zählen können, er hat mich in meinem Selbstvertrauen bestärkt und war einfach da.“ Als Ratgeber in Bezug auf familiäre Konflikte und Glaubensfragen habe er dabei niemals seine Kompetenzen überschritten und sie nie in irgendeine Richtung zu beeinflussen versucht.

Übergriffiger Therapeut

Mit dem Erwachsenwerden brach der Kontakt zum Pfarrer ab, die junge Frau zog weg und heiratete mit 24 Jahren einen amerikanischen GI. Ihr Mann sei psychisch krank gewesen. Ihre eigenen Symptome meldeten sich wieder, und Astrid Chase suchte die Hilfe eines Psychotherapeuten. „Die Behandlung schlug an! Ich fühlte mich völlig fröhlich, frei und gesund. Ich hatte mich in der Zwischenzeit scheiden lassen und konnte Pläne für meine Zukunft machen. Eigentlich hätte die Therapie hier zu Ende sein können.“ Doch dann geschah das für sie noch heute Unglaubliche:

Während einer Sitzung, so erzählt Frau Chase, habe der Therapeut plötzlich seinen Ehering abgezogen und gesagt, es sei Zeit, dass man sich persönlich näherkomme. Damit begann ein jahrelanges Ringen, bekennt die 68-Jährige, wobei ihr immer wieder Tränen in die Augen steigen. „Ich sei sein Werk, seine Schöpfung, hat er zu mir gesagt. Da gingen bei mir die Alarmglocken los: Mein Schöpfer ist Gott, nicht er“, erinnert sie eine Szene. Schritt für Schritt habe der Therapeut die positiven Effekte der vorherigen Therapie wieder rückgängig gemacht, bis ihr Selbstvertrauen völlig zerstört war und sie wieder medikamenten- und dazu alkoholabhängig wurde.

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Der Pfarrer half

Noch heute kann sie kaum glauben, dass der Mensch, der ihr aus ihren gesundheitlichen Schwierigkeiten herausgeholfen hatte, sie anschließend völlig zerstört habe. „In dieser Situation habe ich mich an meinen früheren Pfarrer erinnert, der zu dem Zeitpunkt bereits verstorben war.“ Immer öfter habe sie mit ihm in Gedanken Zwiesprache gehalten, was ihr die Kraft gegeben habe, sich gegen ihren Peiniger zur Wehr zu setzen und ihm intellektuell die Stirn zu bieten. Als der Therapeut nach jahrelang andauernden Grenzüberschreitungen der Beziehung ein Ende setzte, habe sie sich 1994 am Ende ihrer Kräfte in Gottes Hand gegeben und in eine Klinik einweisen lassen.

Ihr Weg zurück ins Leben war, dank der Erinnerung an ihren Pfarrer, auch ein Weg zurück in die Kirche. „Dass ich gesund wurde, habe ich Gott zu verdanken“, ist sich Astrid Chase sicher. Dabei unterscheidet sie sehr klar zwischen Psychologie und Theologie. Es ist ihr wichtig, die Ebenen nicht zu vermischen. Ihre eigene Geschichte hat sie jahrelang reflektiert. Sie redet sachlich und nüchtern über das Geschehene. Man merkt beim Zuhören, dass die Rückbindung ihrer Erfahrungen an die Wissenschaft ihr Halt verschafft.

Kein Kinderglauben

Aber sie weiß gleichzeitig, dass sie ihre Heilung nicht einem naiven Kinderglauben zu verdanken hat, sondern Gott, der Realität ist und keine psychische Stützkonstruktion.

„Das ist meine Geschichte, sie hängt mir hinterher, aber ich habe wieder zum Glauben gefunden, und das ist das Wichtigste“, schaut die Rentnerin heute auf ihr Leben zurück. Nach dem Entzug konnte sie wieder Fuß fassen, eine weitere Ausbildung machen und bis zur Rente als Fremdsprachensekretärin in einer universitären Einrichtung arbeiten. Bei der Verkündigung des Glaubens solle die Kirche mehr auf persönliche Erfahrungen setzen, sinniert Astrid Chase. „Meinen Glauben habe ich der persönlichen Begegnung mit diesem einen Pfarrer zu verdanken.“ Dass Glaube etwas ist, das sich über persönliche Begegnungen vermittelt, nicht durch abstrakte Denkfiguren? Frau Chase stimmt voll zu. „Nur Gott rettet. Aber in meinem Fall war der Priester sein Instrument.“

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