Köln

Der Kölner Administrator wird laut

Im Erzbistum Köln heizen Äußerungen von Weihbischof Steinhäuser Spekulationen über die Zukunft Kardinal Woelkis an.
Bußgottesdienst im Zuge der Aufarbeitung sexueller Gewalt
Foto: (HA Medien & Kommunikation) | Glaubt man den Darstellungen Weihbischof Steinhäusers, so hätte Woelki nach seiner Auszeit eine Art Probezeit zu absolvieren.

Im Erzbistum Köln steigt die Betriebstemperatur. Ein katholischer Priester hat sich derzeit wegen Missbrauchsvorwürfen vor dem Kölner Landgericht zu verantworten. Der 70-Jährige soll in den 1990er Jahren seine drei Nichten missbraucht haben. Dass der Fall durch den heutigen Erzbischof Kardinal Rainer Woelki neu aufgerollt wurde, ist zwar als Fortschritt für die Missbrauchsaufarbeitung zu bewerten. Dennoch stiftet die Politik des Kölner Diözesanadministrators seit Tagen Verwirrung. Weihbischof Rolf Steinhäuser, der das Erzbistum während der viermonatigen Auszeit von Kardinal Woelki leitet, ließ mehrere Regionalzeitungen wissen, es sei unmöglich, das Erzbistum Köln zu befrieden. Damit gab er eine Antwort auf eine Frage, die ihm die Gläubigen insgesamt so nie gestellt haben. Die Basis rechnet mit einem Comeback des Kardinals im März.

Probezeit klingt nach Befristung

Glaubt man jedoch den Darstellungen Weihbischof Steinhäusers, so hätte Woelki nach seiner Auszeit eine Art Probezeit zu absolvieren. Nun klingt der Begriff Probezeit im Deutschen eindeutig nach Befristung. Auch der Administrator deutet an, dass es trotz fehlender kirchenrechtlicher Voraussetzungen für eine Probezeit "faktisch" offen sei, ob Woelki bleibe. Die Pointe der Botschaft knallt erst richtig in den Boulevardmedien. Hängt Woelkis Zukunft nun von Volkes Gnaden ab? "Kölns Katholiken entscheiden mit", war inzwischen zu lesen. Auf welcher rechtlichen Grundlage dieses Procedere beruhen soll, bleibt ebenso nebulös wie so vieles an den Äußerungen des redseligen Administrators, der sich Mitte November als "Chef der Täterorganisation Erzbistum Köln" bezeichnete.

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In der Berliner Nuntiatur weiß man nichts von einer Sonderregelung für Köln und rechnet auch nicht mit einer "Lex Woelki". Der Schweizer Kirchenrechtler Martin Grichting weist gegenüber dieser Zeitung darauf hin, dass die Funktion des Apostolischen Administrators als vorübergehender Leiter eines Bistums im kirchlichen Gesetzbuch, dem "Codex Iuris Canonici" (CIC), nicht geregelt sei. Das weise darauf hin, dass hier eine Ausnahmesituation vorliege. Im "Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe" von 2004 finde sich sodann ein Passus über den Apostolischen Administrator, der vom Apostolischen Stuhl eingesetzt werde, also dann, wenn der Bischofsstuhl nicht vakant ist. Es heißt dort jedoch lediglich, der Diözesanbischof solle, soweit es ihm zukomme, an der vollen, freien und friedlichen Erfüllung des Auftrags des Apostolischen Administrators mitarbeiten.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?

Da im Erzbistum Köln die Dauer der Tätigkeit des Apostolischen Administrators zeitlich definiert wurde, gilt Grichting zufolge ferner die Vorgabe, wonach bei Ablauf der vorher festgesetzten Frist der Amtsverlust eintritt, wenn er von der zuständigen Autorität mitgeteilt wurde. Danach trete automatisch wieder der Diözesanbischof in alle Rechte und Pflichten seines Amtes ein. Wörtlich erklärt Grichting: "Eine anschließende ,Probezeit' für den Diözesanbischof ist nicht vorgesehen. So etwas zu postulieren, verdankt sich eher weltlichem Denken und könnte im vorliegenden Fall den Effekt einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung haben." Weihbischof Steinhäuser sei gemäß dem kirchlichen Gesetzbuch zufolge gehalten, nach der Rückkehr des Diözesanbischofs in Dienst und Gesinnung in Übereinstimmung mit diesem zu handeln.

Dass Steinhäusers Handlungsspielräume bereits abgesteckt werden mussten, hat er selbst freimütig eingeräumt. Der Vatikan habe ihm klare Grenzen aufgezeigt, als er gefragt habe, ob er Woelkis Generalvikar Markus Hofmann entlassen könne. Ob die Informationspolitik des Administrators auf Unerfahrenheit oder Kalkül beruht, sei dahingestellt. In jedem Fall schafft sie für Kirchenaustrittsgefährdete neue Anreize, weil sie den strengen Geruch klerikaler Ambitionen verbreitet. Für den Versuch, verloren gegangenes Vertrauen in die Kirche zurückzugewinnen, sind Weihbischof Steinhäusers Plaudereien alles andere als hilfreich.

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