Kirche

Der „heilige Rest“

Es gibt sie noch, die bibeltreuen evangelischen Christen in Deutschland. Von Barbara Wenz
Ausschnitt Bibel

Mit dem vorläufig zu wertenden Beschluss der Württemberger Landessynode Ende November 2017, homosexuelle Partnerschaften weder zu trauen noch zu segnen, zählt diese Gemeinschaft zusammen mit der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und der evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe zu den drei EKD-Gliedkirchen, die dies bislang nicht ermöglichen – während in der badischen Landeskirche Trauungen seit letztem Jahr möglich sind. Widerstand gegen diese Beschlussfassung sowie gegen die Einführung der Gender-Ideologie leistet zum Beispiel nach wie vor der Bekenntniskreis Baden um Pfarrer Hans-Gerd Krabbe. Dem Nachrichtendienst Idea zufolge lautet dessen Vorwurf, die badische Kirchenleitung habe „das Eindringen von Irrlehre in die Kirche ermöglicht“. Bei der Beschlussfassung der Landessynode Württemberg spielte wiederum das Votum der „Lebendigen Gemeinde“ eine gewichtige Rolle – sie hat ihren Ursprung in einer vorwiegend pietistisch geprägten Bewegung, die bereits in den fünfziger Jahren um den Landeskirchentagsabgeordneten Julius Beck entstanden ist.

Namhafte Verteidiger der traditionellen Ehe zwischen Mann und Frau in den evangelischen Gemeinschaften sind vor allem in den Reihen der evangelikalen Bewegung zu finden. Der protestantische Missionstheologe Peter Beyerhaus. Er forderte vor vier Jahren in einem Offenen Brief den damaligen EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider zum Rücktritt auf angesichts des „Orientierungspapieres zu Ehe und Familie“. Es schreibt gleichgeschlechtlichen Partnerschaften den gleichen Wert zu wie der traditionellen Ehe und formuliert, dass die evangelische Kirche eben solchen Partnerschaften aus theologischen Gründen auch nicht den Segen verweigern dürfe. Beyerhaus zitierte auch den ehemaligen Verfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch mit seinem Ausruf „Es ist zum Katholischwerden!“. Bibeltreue evangelische Christen zögen diese Möglichkeit angesichts eines „intakten Lehramtes“ bei den Katholiken in Betracht, welches ihnen „geistlich-ethische Orientierung auf der Grundlage von Bibel und Tradition“ biete. Die EKD „beuge sich dem sittlichen Verfall“ mit der Verabschiedung dieses Papiers, welches eher zur Desorientierung geeignet sei, merkte Beyerhaus weiter an und verwies auf Gleichgesinnte wie Landesbischof Frank Otfried July, den emeritierten Militärbischof Hartmut Löwe, die Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, und der Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß.

Die Konferenz Bekennender Gemeinschaften, von Beyerhaus gegründet, ist die mitgliederstärkste. Sie vereinigt unter ihrem Dach unter anderem die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis und die SELK, die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche, zu deren prominentesten Vertretern Pfarrer Gottfried Martens, Träger des Stephanus-Preises 2016, gehört.

Zu den wertkonservativen evangelischen Christen gehört auch Pfarrer Ulrich Parzany mit seinem Netzwerk „Bibel und Bekenntnis“ beziehungsweise „Gemeindenetzwerk“, ein Dachverband verschiedener Arbeitskreise. „Die Zeit“ bezeichnete ihn als „Deutschlands schärfsten Kirchenkritiker“. Gerade die Debatte über die Trauung von Homosexuellen in der EKD zeige, so Parzany, dass die Bibel für die EKD keine Bedeutung mehr habe. Die Ehe für alle zu bejahen breche mit der Mehrheit der Christen weltweit. Diese Sicht teilt auch der evangelische Theologe Theodor Dieter insofern bereits im Jahre 2005, als er anlässlich des Sommerseminars des Instituts für Ökumenische Forschung Strasbourg in einer methodologischen Betrachtung zur Einheit der Christen feststellte, dass ethische Urteile dann kirchentrennend wirkten, wenn sie ein Verhalten begünstigten, welches dem Evangelium widerspreche.

Dass die römisch-katholische Kirche gemeinsam mit den orthodoxen Kirchen an der Ehe als „Akt der freien und treuen Liebe eines Mannes und einer Frau“, „besiegelt durch die Liebe“ festhält, bestätigten Papst Franziskus und Kyrill, der Patriarch von Moskau, im Februar 2016 auf Kuba. Dass einzelne katholische Hirten wie der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode eine Debatte über die Segnung homosexueller Partnerschaften anstoßen wollen, dürfte die ökumenischen Beziehungen mit der Orthodoxie allerdings nicht beflügeln.

In ihrem Brief an die Jugend stellten die orthodoxen Bischöfe in Deutschland im Dezember 2017 klar: „Da nach orthodoxem Verständnis das Mysterium der Ehe eine Verbindung zwischen Mann und Frau voraussetzt und über eine ausschließlich soziale Perspektive hinausgeht, ist die Eheschließung von homosexuellen Paaren in unserer Kirche nicht möglich. Offene Fragen in Bezug auf homosexuelle Menschen gehören in den Bereich der Seelsorge und der taktvollen Begleitung durch die Kirche. Denn alle Menschen sind nach dem Bild Gottes erschaffen.“

Bereits im Jahr 2003 brach die russisch-orthodoxe Kirche die Beziehungen zur anglikanischen Kirche in den USA ab; dann zu den lutherischen Kirchen in Skandinavien, vor zwei Jahren zu den schottischen Reformierten und den Vereinigten Protestanten in Frankreich. Nach der Einschätzung der evangelischen Theologin Gisa Bauer ist es nur eine Frage der Zeit, bis die russisch-orthodoxe Kirche auf die Anerkennung von Homo-“Ehen“ in Deutschland reagieren wird. Damit rücke leider ein bisher eher randständiges Thema in den Mittelpunkt und verdränge die primären konfessionellen Fragen, so Gisa Bauer in evangelisch.de

Inwieweit die Frage nach der Anerkennung der Ehe für alle als Marginalie innerhalb der ökumenischen Gespräche zwischen Reformierten und Orthodoxen oder auch römischen Katholiken zu verstehen ist, dürfte unterschiedlich beurteilt werden. Die Turbulenzen während der letzten Landessynode der Württembergischen Kirche zeigten, dass das Thema eine gewisse Sprengkraft birgt, allerdings nicht nur hinsichtlich der ökumenischen Gespräche mit den Orthodoxen, sondern auch für die EKD selbst: Die evangelikale Bewegung in Deutschland ist bislang noch überkonfessionell organisiert und beruft sich auf die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift als höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung. Allein an der jährlichen Gebetswoche der „Evangelischen Allianz“ nehmen mehr als 300.000 Christen teil. Darüber hinaus haben sich in Deutschland noch die Bekenntnis-Evangelikalen und die Pfingst-Evangelikalen als bedeutendste Gruppierungen herausgebildet – die Gesamtzahl aller Evangelikalen in Deutschland wird nach eigenen Angaben auf über eine Million Menschen geschätzt. Die Frage, ob die Bewegung in den Landeskirchen verbleiben oder austreten solle, wurde bereits diskutiert.

Dass Bischof Bodes Vorstoß die ökumenischen Hoffnungen bibeltreuer evangelischer Christen enttäuscht, liegt auf der Hand. Die Aussichten auf Spaltung oder manch neue Einheit bleiben angesichts der Brisanz des Themas weiter ungewiss.

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