Friedensbegriff

Der Friedensfürst braucht Kämpfer

Das Neue Testament fordert den Sieg über die Welt. Das setzt nicht nur die Bereitschaft zum Konflikt voraus, sondern den aktiven Widerstand im Geist Jesu Christi gegen das Böse in uns.
Menschen begeben sich auf die Suche nach dem Frieden in Christus.
Foto: Pascal Miller via www.imago-images.de | Menschen begeben sich auf die Suche nach dem Frieden in Christus.

Frieden ist die tiefste Sehnsucht des Menschen in Beziehung zu Gott und untereinander. Es ist ein Ideal und oft eine Mangelware als Folge des Bruchs zwischen Gott und Mensch, der im Garten Eden seinen Anfang nahm. Die gesamte Heilige Schrift ist ein Zeugnis für die Rückkehr des gefallenen Menschen zur Gemeinschaft mit Gott, in das wahre Wohlergehen und umfassende Heil, das im Alten Testament als Schalom bezeichnet wird und im Neuen Testament mit der Menschwerdung Gottes zur Erfüllung kommt. „Frieden“ und „Heil“ sind synonym zu betrachten. Frieden im biblischen Sinne ist nicht nur ein politischer Zustand und das Gegenteil von Krieg. Die Auseinandersetzung mit dem neutestamentlichen Friedensbegriff ist in den vergangenen Jahrzehnten oft einer ideologischen Verzerrung zum Opfer gefallen. Jesus wird als ein Pazifist im neuzeitlichen Sinne, als Revoluzzer, Befreiungskämpfer und Rebell charakterisiert. Aber wird dies dem Gottessohn gerecht, der die Tempelreinigung vornahm und Dinge sagte wie: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ (Lukas 20, 25)? Was bedeutet Frieden wirklich im Neuen Testament?

Inbegiff des Heils

Frieden wird verstanden als Inbegriff des messianischen Heils. Christus wird in den Evangelien gezeichnet als Fürst des Friedens, wie er durch Jesaja angekündigt worden ist. Er wird erwartet als ein Messias, der auf Wege des Heils führt, wie zum Beispiel im Lobpreis des Zacharias zum Ausdruck kommt (Lukas 1, 79). Als der Messias geboren wird, verkünden Engel den Frieden Gottes auf Erden (Lukas 2, 14). Jesus wird als der Frieden in Person betrachtet (Epheser 2, 14). Das Reich Gottes, das er mit dem Beginn seines öffentlichen Wirkens verkündet, ist ein Friedensreich, das nicht von dieser Welt ist (Johannes 18, 36). Davon ausgehend ist seine Botschaft als Evangelium des Friedens zu bezeichnen, wie auch die Briefe des Neuen Testaments reflektieren (Epheser 2, 17; 6, 15). In Jesu Gegenwart kehrt Frieden ein. Deshalb spricht schon Simeon, als er das göttliche Kind in seinen Armen hält: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden“ (Lukas 2, 29). Jesus sagt den Geheilten und Bekehrten zu: „Gehe hin in Frieden (Markus 5, 34; Lukas 7, 50; 8, 48)“. Wer Zeuge dieser Heilstaten des Friedensfürsten wird, sagt voller Staunen: „Er hat alles gutgemacht (Markus 7, 37)“.

Lesen Sie auch:

Als Nachfolger des Friedensfürsten ruft Jesus seine Jünger in der Bergpredigt zur Feindesliebe auf. Sie sollen die andere Wange hinhalten und aktiv aus der Rachespirale heraustreten. Dadurch sollen sie zu Friedensstiftern werden und den ersten Schritt tun, wie Jesus es in den Seligpreisungen erklärt (Matthäus 5, 9). Dies ist ihnen aufgetragen bis zum Weltende oder zum persönlichen Lebensende, wie im Gleichnis über die Versöhnung unterwegs zum Gericht umschrieben wird (Matthäus 5, 25). Frieden hängt eng mit Versöhnung und Vergebung zusammen. Paulus ruft deshalb dazu auf: „Lasst euch mit Gott versöhnen (2 Korinther 5, 20)“. Dieser Zusammenhang kommt insbesondere auch im Gleichnis vom König und Sklaven zum Ausdruck (Matthäus 18, 23–35). Frieden beginnt folglich in der Gottesbeziehung, bevor sie die Versöhnung untereinander zur Folge hat. Dies vermittelt Christus auch mit der Vaterunser-Bitte um Vergebung (Matthäus 5, 14–15).

Spaltung und Unfrieden

Der Frieden Christi ist nicht zu verwechseln mit Pazifismus im neuzeitlichen Sinne. Christus kündigt Spaltung und Unfrieden an und ruft zum Widerstand auf. Schonungslos und transparent vermittelt er stets seiner Zuhörerschaft, was sie in seiner Nachfolge erwartet – ein steter Kampf im Wesentlichen auf geistlicher Ebene. Es geht um einen Kampf zwischen Gott und den Mächten der Finsternis. Zu diesem Kampf ruft auch Paulus auf, wenn er im Epheserbrief die anzulegende Waffenrüstung beschreibt. Spaltung und Uneinigkeit sind deshalb vorprogrammiert, weil Christus stets zur Entscheidung drängt. Solange Menschen Christus ablehnen, wird Spaltung herrschen, selbst innerhalb einer Familie (Matthäus 10, 35; Lukas 12, 51). Das heißt nicht, dass Christus die Ablehnung ohne Trauer hinnimmt. Er weint über Jerusalem und klagt: „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Frieden bringt (Lukas 19, 42)“. Jesus plädiert nicht für einen faulen Frieden, sondern einen wahren Frieden, der in der Umsetzung manchmal schmerzhaft ist. In seiner Rede vom Salz der Erde sagt er nicht umsonst: „Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander (Markus 9, 50)“. Salz in der Wunde brennt bekanntermaßen, ist aber zugleich heilsam.

Christi Frieden ist kein politisches Ziel. Im Gegensatz zu den Zeloten, die mit Gewalt und politischen Mitteln das Reich Gottes herbeiführen wollen, spricht sich Jesus für einen unpolitischen Weg aus – den Weg der Umkehr und des Glaubens. Besonders verdichtet zeigt sich dies in der Gegenüberstellung der zwei Messiasse (Johannes 18, 40): Jesus gegen Barabbas, zu Deutsch „Sohn des Vaters“. Der wahre Gottessohn, der den Weg des Friedens aufzeigt und doch abgelehnt wird, und der Zelot, der bei einem Aufstand einen Menschen getötet hat und von der Menge gefeiert wird: Diese Szene führt uns vor Augen, wie sehr der wahre Frieden auf die Probe gestellt wird.

Frieden – nicht wie die Welt ihn gibt

Der Frieden Christi kulminiert im Osterereignis. Schon im Vorfeld erklärt Jesus in seinen Abschiedsreden, dass sein Frieden übernatürlichen Ursprungs ist: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch (Johannes 14, 27)“. Wahrer Frieden ist nicht menschlich herbeiführbar, auch wenn Menschen Mitarbeiter des Friedens sein sollen. Der Auferstandene wünscht den Aposteln am Ostertag den Frieden, gleichsam als Erinnerung daran, was er ihnen im Abendmahlssaal verheißen hat (Johannes 20, 19). Der Frieden der „Welt“ – das ist im Johannesevangelium immer wieder auf die gefallene Schöpfung zu beziehen – ist ein vorübergehender und unvollkommener Frieden. Im Sieg über die Welt erlangt der Mensch den wahren Frieden. Ganz konkret bedeutet dies, dass Christus den Tod besiegt hat. Als Auferstandener hat er wirklich den Frieden gebracht, „vereinigte die beiden Teile und riss die trennende Wand der Feindschaft in seinem Fleisch nieder“ (Epheser 2, 14) und hat deshalb schon in den Abschiedsreden über sein Erlösungswerk gesagt: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt (Johannes 16, 33).“ Paulus bezeichnet das Erlösungswerk Christi als Friedensstiftung (Epheser 2, 15; Kolosser 1, 20).

Anteil am Erlösungswirken

In Christi Nachfolge haben jene Anteil daran, die sein Erlösungswirken in der Taufe gläubig annehmen. In dieser Hinsicht reflektiert Paulus die Bedeutung der Taufe in seinen Briefen (Römer 5, 1; 2 Korinther 5, 17; Galater 6,15). Neugeboren zu einer neuen Schöpfung im Heiligen Geist (Titus 3, 5f; Johannes 3, 5f) sind die Getauften Erben des Friedensreiches. Dies ist kein Automatismus, sondern Auftrag, weshalb Paulus auch erklärt: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden (Römer 12, 18).“ Auch in den anderen Briefen ruft er die Empfänger immer wieder dazu auf, miteinander im Frieden zu leben (2 Korinther 13, 11; 1 Thessalonicher 5, 13). Es ist ihre Berufung durch die Taufe (1 Kor 7, 15). Die Berufung zu einem Leben in Frieden ist auch Thema in den anderen Briefen des Neuen Testaments (Hebräer 12, 14; 1 Petrus 3, 11). Dieser Frieden soll nicht aus eigener Kraft angestrebt werden, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes, dessen Frucht der Frieden ist (Galater 5, 22). Wer Frieden stiftet, wird schließlich Frieden ernten – das ewige Heil am Ende der Zeiten, aber auch schon im eigenen Leben (2 Thessalonicher 3, 16; Jakobus 3, 18).

Frieden muss in den Herzen beginnen und auf den Frieden mit Gott bezogen werden, bevor daraus ein umfassender Frieden mit dem Nächsten im Kleinen und im Großen entstehen kann. Letztendlich ist das Zeugnis des Neuen Testaments ein Weg des Herzens nach dem Sprichwort: „Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus (Sprüche 4, 23).“

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
In einer Osternacht hatte Joachim von Fiore eine Erleuchtung, die Geschichte machen sollte: Er erfand die „Zeit des Heiligen Geists“.
03.05.2022, 19  Uhr
Dirk Weisbrod
Eine spannende Spurensuche durch die Bibel hilft Kindern, den heiligen Josef kennenzulernen.
19.03.2022, 13  Uhr
Martin Linner
Themen & Autoren
Margarete Strauss Altes Testament Bergpredigt Friedensstifter Friedensstiftungen Jesus Christus Neues Testament

Kirche

Religionsunterricht weiter gut besucht. Kirchensteuer wird kritisch gesehen. Für katholische Schulen wäre eine zweckgebundene Spende eine gute Alternative.
25.05.2022, 08 Uhr
Vorabmeldung
Der Liturgiewissenschaftler und Priester Winfried Haunerland sieht in der Taufspende durch Laien die sakramentale Grundgestalt der Kirche in Gefahr.
24.05.2022, 14 Uhr
Meldung
Warum meine Namenspatronin für mich zum Vorbild der Christusnachfolge geworden ist.
25.05.2022, 07 Uhr
Therese Dichgans
Nach 55 Jahren der Feindschaft und Trennung anerkennt Serbiens Orthodoxie die Autokephalie der mazedonischen „Kirche von Ohrid“.
24.05.2022, 19 Uhr
Meldung