Der Ermöglicher

Zum neunzigsten Geburtstag des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano. Von Guido Horst
Angelo Sodano
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Kardinaldekan Angelo Sodano am 11. März 2013 im Vatikan.

Rom (DT) Was ist ein „possibilista“? Dieser italienische Ausdruck, den man im Deutschen mit „Ermöglicher“ übersetzen könnte, meint jemanden, der trotz fester Grundsätze vor allem darauf schaut, was sich von den hehren Zielen angesichts der real existierenden Verhältnisse umsetzen lässt. Ist es in deutschen Kirchenkreisen üblich, Protagonisten je nach Couleur einem rechten oder linken Lager zuzuordnen oder in „Konservative“ oder „Progressive“ einzuteilen, so hilft das im Vatikan oft nicht weiter, wenn man Persönlichkeiten wie Kardinal Angelo Sodano charakterisieren will.

Der langjährige Staatssekretär unter Johannes Paul II. ist ein „possibilista“. Der gebürtige Piemontese, Jahrgang 1927, ist als zweites von sechs Kindern in einem tief religiösen Umfeld aufgewachsen und wurde schon mit 22 Jahren in Asti zum Priester geweiht. Doch in Rom zum Doktor der Theologie und Doktor des Kirchenrechts ausgebildet, trat er 1959 in den diplomatischen Dienst des Vatikans ein und entschwand damit aus den Gefilden des ideologischen Richtungsstreit, wie er vor, während und nach dem Konzil manche innerkirchliche Auseinandersetzung prägte. Als einer, der schaut, was möglich ist, kam er 1988 nach Rom zurück und wurde, zunächst als rechte Hand von Kardinalsstaatssekretär Agostino Casaroli, ab dem 1. Dezember 1990 als dessen Nachfolger, zu einer der wichtigsten Gestalten der römischen Kurie.

Zuvor hatte er als Päpstlicher Nuntius in Chile in den Jahren 1978 und 1979 vermittelnd in den argentinisch-chilenischen Grenzstreit eingegriffen und auch den Priesterorden der Legionäre Christi kennengelernt, dem er später in Rom die Türen des Vatikans öffnen sollte. Die Lage in Chile war schwierig, es waren die Zeiten des Diktators Augusto Pinochet, doch nach seiner Rückkehr in das Staatssekretariat öffnete sich für Sodano das weite Feld der gesamten Außenpolitik des Heiligen Stuhls, die dann aus nächster Nähe den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Europa und den durchaus politisch auftretenden Johannes Paul II. begleitete.

Auf 53 Auslandsreisen hat Sodano den Papst aus Polen begleitet. Den Kurienapparat hatte der Kardinal im Griff, in den Jahren der Agonie von Papst Wojtyla kamen ihm mit Glaubenspräfekt Kardinal Joseph Ratzinger und Papst-Sekretär Stanislaw Dziwisz weitgehende Aufgaben zu, die über seine Pflichten als Kardinalstaatssekretär hinausgingen. 2005 feierte er die Ostermesse auf dem Petersplatz und verlas die Grüße zum Segen „Urbi et orbi“ in den verschiedenen Sprachen.

Den Legionären Christi und vor allem ihrem Gründer Marcial Maciel half er, ein Päpstliches Athenäum und später eine Europa-Universität vor den Mauern Roms zu eröffnen. Und er schaute eben, was möglich war, diesen Priesterorden zu unterstützen. Dass Kardinal Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Papst die Akte Maciel nochmals öffnen ließ, was dann die Entlarvung und Verurteilung des Gründers mit seinem Doppelleben zur Folge hatte, mag ihn in einen gewissen Gegensatz zum Glaubenspräfekten gebracht haben, wie Sodano bereits schon vorher beim Streit um die kirchliche Konfliktberatung in Deutschland ein Ohr hatte für den Konferenzvorsitzenden Kardinal Karl Lehmann und sich weniger konsequent hinter die von Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger verfolgte Linie stellte. Das hinderte aber Benedikt XVI. nicht daran, Sodano zunächst in seinem Amt als Staatssekretär zu bestätigen.

Im April 2005 von den Kardinalbischöfen zum Dekan des Kardinalskollegiums gewählt, folgte dann im September 2006 die Ablösung durch den Ratzinger-Vertrauten Tarcisio Bertone, des damaligen Kardinals von Genua, im Amt des Staatssekretärs. Dass er dessen Ernennung nicht schätzte, zeigte er nicht zuletzt dadurch, dass er Bertone monatelang warten ließ, bis sein Ruhestandssitz im Äthiopischen Kolleg in den Gärten des Vatikans fertiggestellt war und der Nachfolger endlich die Dienstwohnung des Staatssekretärs beziehen konnte.

Seither beschränkt sich Sodano, der heute noch so aussieht und einen nach wie vor so robusten Eindruck macht wie vor zehn, zwanzig Jahren, auf wenige, wichtige Auftritte. Er hielt die kurze Ansprache vor den Kardinälen und Benedikt XVI., als letzterer gerade seinen Rücktritt angekündigt hatte, er bereitete das Konklave von 2013 vor und steckte schließlich – alles immer in seiner Eigenschaft als Kardinaldekan – Papst Franziskus den Fischerring an. Selten erlebte man von Sodano spektakuläre Auftritte. Nur einmal, Ostern 2010, als der Fall Williamson und die Missbrauchsskandale schwer auf dem Pontifikat von Benedikt XVI. lasteten, ergriff er öffentlich das Wort und formulierte im Anschluss an die Ostermesse den Wunsch, Papst Benedikt möge sich nicht von dem „Geschwätz der vorherrschenden Meinungen beeinflussen lassen“. Mit diesem Ausdruck hatte er den Papst aus einer Ansprache vom Palmsonntag zitiert. Mancher aber bezog das „Geschwätz“ auf die Klagen der Missbrauchsopfer und der Vatikan musste Wochen später eine Klarstellung veröffentlichen.

Kardinal Sodano wird heute neunzig Jahre alt. Er gilt als unangefochten. Dass er es schließlich war, der dem Legionärs-Gründer Maciel und dessen Geldgaben den Weg zum Papst ebnete und bis zur Entlarvung freihielt, hat ihm bis heute niemand vorgeworfen. Auch das ist ein Zeichen für Macht.

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