Kirche

Dem Vatikan laufen die Sponsoren weg

Die amerikanische Legatus Group verlangt Antworten auf ihre Fragen. Von Konstantin Stein
Wasserhahn

Für Schlagzeilen sorgt derzeit die Ankündigung der Legatus Group, der bedeutendsten Mitgliederorganisation für katholische Unternehmensführer in den USA, die Zahlung ihrer jährlichen Spende an den Vatikan in Höhe von 850 000 US-Dollar vorläufig auszusetzen. Der Gruppe gehören etwa 5 000 amerikanische Geschäftsleute mit einem Mindestjahresumsatz von 6,5 Millionen Dollar an. Hintergrund für die Entscheidung sind die Missbrauchs- und Finanzkrisen, in die Geistliche der katholischen Kirche, ja sogar hochrangige Stellen im Vatikan, verwickelt sind. Die Spenden will Legatus so lange zurückhalten, bis die Missstände aufgeklärt sind. Thomas Monaghan, der Vorsitzende der Organisation, forderte in seinem letzten Rundbrief die Mitglieder auf, auch weiterhin „für die Kirche und ihre Führungspersönlichkeiten“ zu beten, da es unübersehbar sei, dass die Aufarbeitung der aktuellen Krise in der Kirche noch Zeit brauche. Erst dann sei es vernünftig, die alljährliche Spende zu übergeben. Monaghan macht dies abhängig von „ausreichenden Mitteilungen im Hinblick auf die spezielle Rechenschaftspflicht, die sich auf die Verwendung dieser Spenden bezieht“. Der Brief wurde zwei Tage nach der dreitägigen Bischofsversammlung in Baltimore verfasst, die als gescheitert angesehen wird. Denn das Treffen begann mit der überraschenden Erklärung aus Rom, dass die Bischöfe keine verbindlichen Beschlüsse über sexuellen Missbrauch fassen könnten, was ja der eigentliche Grund ihrer Versammlung war. Schon im September, als Monaghan die Entscheidung über den Zurückbehalt der Spenden erstmals verkündete, sagte er, dass Mitglieder der Gruppe Auskunft über die Verwendung der finanziellen Mittel verlangt hätten. Das amerikanische Magazin „First Things“ bietet diesen Fragen in einem mehrseitigen Artikel breiten Raum. Darin legt Matthew B. O’Brien akribisch recherchierte Belege für eine Verstrickung des Vatikan und katholischer Bischöfe und Kardinäle in finanzielle Unregelmäßigkeiten vor. In den Mittelpunkt rückt dabei die Kontroverse über die Vergabe von Spenden durch die amerikanische „Papal Foundation“, die karitative Projekte finanziell fördert. Die Spenden gelangen über Rom und Mittelsmänner im Vatikan an die jeweiligen Empfänger. Zuletzt ging es um die von Papst Franziskus geforderte Unterstützung eines in Misswirtschaft und Korruption verwickelten römischen Krankenhauses mit 25 Millionen US-Dollar, eine Summe, die um ein Vielfaches höher liegt als die normalerweise pro Projekt von der Papal Foundation überreichten Spende. Kritisiert wird, dass – wie O’Brien darlegt – im Laufe ihres fast dreißigjährigen Spendensammelns und -verteilens „praktisch keine Verbuchungen oder Rechnungsprüfungen zur Bestätigung erfolgten, ob die einzelnen Zuschüsse die dafür vorgesehenen Nutznießer erreichten, nachdem die jährlichen Schecks an das Staatssekretariat des Vatikan geschickt wurden“. Darüber hinaus habe die Foundation keine systematischen Versuche unternommen, „zu bestätigen, dass die von den vorgesehenen Begünstigten erhaltenen Geldmittel für karitative Zwecke verwendet wurden“. Ihr geistlicher Vorstand, der aus 15 Kardinälen besteht, habe die karitativen Zuschüsse „offensichtlich in einer Weise verteilt, die diese außerordentlich anfällig für Unterschlagung und Veruntreuung machen. Dadurch scheint der Vorstand gegen seine eigenen Statuten und damit auch gegen das Zivilrecht Pennsylvanias verstoßen zu haben.“ Der von der Foundation ausgesuchte Partner zur Verteilung der Mittel, das vatikanische Staatssekretariat, habe – so O’Brien weiter – „einen langjährigen Ruf der finanziellen Misswirtschaft“. Zudem sei „kein Prälat in die Papal Foundation durchgängiger und vertraulicher involviert als McCarrick“, der 1988 mithalf, die gemeinnützige Organisation zu gründen. Der derzeitige Vorsitzende des Kontrollvorstands der Kardinäle ist Kardinal Wuerl, McCarricks Nachfolger als Erzbischof von Washington. Derzeitiger Präsident des Kuratoriums ist ein Protegé von McCarrick, Bischof Michael Bransfield. Wie sein Förderer steht auch Bransfield unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs. Bereits vor der Ankündigung des Heiligen Stuhls, die Vorwürfe zu untersuchen, war Bransfield jahrelang mit „Beschuldigungen des Missbrauchs und der Mittäterschaft bei von befreundeten Priestern verübter Vergewaltigung und sexueller Belästigung“ konfrontiert.

Benestad, Bransfield und McCarrick sind drei der wichtigsten Geistlichen an der Spitze der Papal Foundation gewesen, und alle werden des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Einige dieser Vorwürfe waren seit Jahrzehnten weithin bekannt, was sie jedoch nicht daran hinderte, „von einer kirchlichen Beförderung in die nächste aufzusteigen. Nutzten diese Männer die zuschussgewährende Macht der Papal Foundation dazu, sich um Wohlwollen und Huld bei vatikanischen Amtsträgern anzudienen und sich bei ihnen Protektion zu erkaufen?“, fragt O’Brien, „Ermöglichten sie die Veruntreuung von karitativen Zuwendungen der Foundation?“ Die einzige Möglichkeit, diese Fragen zu klären, sei „eine unabhängige Untersuchung der Papal Foundation, die mit einer juristischen Wirtschaftsprüfung ihrer früheren Finanzhilfen einhergeht“.

Maike Hickson, die bereits 2015 den „Offenen Brief einer besorgten amerikanischen Katholi- kin“ an Papst Franziskus verfasste, verteidigt den Beschluss der Legatus Group: Diese habe „hier die richtige Entscheidung gefällt, da ja nun einmal der Vatikan hier auch ganz tief mitverwickelt ist. So ist McCarrick beispielsweise immer noch nicht aus dem Klerikerstand entlassen worden, obwohl seine Missetaten der Öffentlichkeit mittlerweile in vielen erschreckenden Details bekannt sind. So ein Verhalten eines Klerikers ist eine Schande für die katholische Kirche. Aber er heißt immer noch Erzbischof McCarrick, was eine Herabwürdigung des Bischofsamtes darstellt.“ Zwar habe Papst Franziskus eine Untersuchung in Gang gesetzt, „aber bis heute gibt es keine veröffentlichten Ergebnisse. Der McCarrick-Skandal kam bereits im Juni ans Tageslicht – Rom ist also sehr langsam in der Aufarbeitung dieses Skandals.“ Ein Skandal, der unter den amerikanischen Katholiken Unruhe und Misstrauen verbreitet. Viele „konservative aber auch progressive Katholiken“ seien sich in den USA einig, so Hickson, „dass die Kirche das Missbrauchsproblem noch nicht gelöst hat“.

Welchen Ausweg aus der Krise gibt es? Das fragen sich derzeit Viele und geben unterschiedliche Antworten. Maike Hickson meint: „Kardinal Gerhard Müller hat es kürzlich ganz richtig gesagt. Wir müssen wieder mehr Gottes Willen tun und weniger den unsrigen. Viele Bischöfe haben Missbrauchstäter gedeckt und sich gegenseitig geschützt, was ja letztlich alles menschliche Ziele sind. Aber sie haben nicht auf die Rettung der Seelen geachtet und darauf, was Gott von diesen Taten denkt. Es ist eine Schwächlichkeit gegenüber der schweren Sünde in die Kirche gekommen, die viel Schaden anrichtet. Also: eine echte Wiederbelebung des Glaubens, ein Leben im Lichte des Übernatürlichen, eine Empfindlichkeit gegenüber der Sünde aus Liebe zu Gott und den Menschen wäre meiner Ansicht nach die Antwort. Der volle Glaube muss wieder gelehrt werden, ohne Abstriche, aber eben aus Liebe zu Gott. Ein lebendiger Glaube wird uns helfen, das richtige Maß zu finden.“

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