Das Verblassen Ratzingerianer

Die Gewichte im Vatikan haben sich verändert. Hohe Theologie und wache Bewahrung des Glaubensschatzes stehen nicht mehr im Vordergrund. Von Guido Horst

Dass sich im Laufe eines Pontifikats auch der „Typus“ der Hauptverantwortlichen im Vatikan ändert, ist nur eine Frage der Zeit. Jeder Papst prägt mit seinen Personalentscheidungen auch die römische Kurie. Und an der Schwelle zum fünften Pontifikatsjahr von Franziskus zeichnet sich allmählich auch ein anderes Profil der Einflussreichen hinter den heiligen Mauern ab. Das gilt nicht quer Beet, betrifft nicht jeden Einzelfall und Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber ein erstes Zwischenfazit lässt sich ziehen: weniger Theologie, dafür mehr Diplomatie.

Sichtbarster Ausdruck war dafür gleich zu Beginn des Pontifikats von Franziskus die Ernennung des langjährigen Vatikandiplomaten Pietro Parolin zum Staatssekretär und dessen Aufnahme in das Kardinalskollegium im Februar 2014. Parolin löste damit den Theologen Tarcisio Bertone ab, der sich vor seiner Zeit als Erzbischof von Genua als zweiter Mann der von Kardinal Joseph Ratzinger geleiteten Kongregation von 1995 bis 2002 mit Glaubensfragen beschäftigt hatte. Dass die Wahl Benedikts XVI. bei der Suche seines Kardinalstaatssekretärs auf seinen ehemals engsten Mitarbeiter in der Glaubenskongregation gefallen war, hatte einen klaren Grund: Indem der zum Papst gewählte Ratzinger von der obersten Glaubensbehörde des Vatikans in den Apostolischen Palast und damit in das Umfeld des mächtigen Staatssekretariats wechselte, geriet er in „feindliche“ Gewässer. „Feindlich“ nicht im Sinne einer Gegnerschaft, doch als Ausdruck einer oft anderen Interessenlage. Während die Glaubenskongregation in Grundsatzfragen die Unzweideutigkeit der Lehre hochhalten muss, denkt die vatikanische Diplomatie geschmeidiger und pragmatischer. Die unterschiedlichen Positionen des Glaubenspräfekten Ratzinger und des damaligen Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano zur Einbindung der Kirche in Deutschland in das staatliche Schwangerenberatungssystem waren so ein Fall, in dem die Glaubenskongregation anders „tickte“ als das Staatssekretariat. Nun im Apostolischen Palast einen Mann seines Vertrauens als „alter ego“ an seiner Seite zu haben, war Papst Benedikt wichtiger, als einen geschulten Vatikandiplomaten mit dem Posten zu betrauen, der die internen Abläufe in der Kurie und die auswärtigen Beziehungen des Heiligen Stuhls bestens kennt.

Doch Franziskus, der den engen Austausch mit Nuntien und Vatikandiplomaten schätzt und wieder zur Chefsache gemacht hat, griff auch bei der Besetzung anderer wichtiger Posten auf diesen Personenkreis zurück. Im September 2013 machte er Lorenzo Baldisseri zum – wie sich dann im synodalen Prozess zu Ehe und Familie zeigen sollte – einflussreichen Sekretär der römischen Bischofssynode und erhob ihn, und das war ein Novum, im ersten Konsistorium vom Februar 2014 in den Kardinalsstand. Baldisseri hatte fast vierzig Jahre lang im diplomatischen Dienst des Vatikans gearbeitet, zuletzt als Nuntius in Paraguay, Indien und Brasilien.

Auch der Präfekt der Kleruskongregation ist ein ehemaliger Nuntius. Franziskus übertrug dieses Amt ebenfalls im September 2013 Beniamono Stella, lange Jahre Nuntius, unter anderem auf Kuba und in Kolumbien, und zuletzt Präsident der Päpstlichen Diplomatenakademie in Rom. Kardinal Stella gehört heute zu den engeren Vertrauten von Franziskus, ebenso wie auch Kardinal Domenico Calcagno, der Präsident der Güterverwaltung des Heiligen Stuhls, der APSA, einem Finanz- und Immobilien-Manager im Dienst des Vatikans, der seine Nähe zum argentinischen Papst, nicht zuletzt bei zahlreichen gemeinsamen Mahlzeiten im Gästehaus Santa Marta, dazu nutzte, den Einfluss von Kardinal George Pell als Chef des Wirtschaftssekretariats wieder zurückzudrängen. Ursprünglich von Franziskus mit dem Ziel errichtet, die zentrale Finanzbehörde der Kurie zu sein, hat das Wirtschaftssekretariat inzwischen viel an Bedeutung verloren: Kardinal Pell ist für die lange Zeit seines Prozesses in Australien vom Dienst freigestellt, sein engster Mitarbeiter, der Wirtschaftsprüfer Libero Milone, wurde im vergangenen Juni zum Rücktritt gedrängt. Inzwischen kann die APSA wieder schalten und walten wie in alten Zeiten, vor allem hat sie die Kontrolle über die Vermögenswerte des Vatikans behalten.

Ein weiterer „Macher“ ganz nach der Vorstellung von Papst Franziskus ist Prälat Dario Edoardo Vigano, der kein Vatikandiplomat war, sondern Kommunikationswissenschaftler und zuletzt Leiter des Vatikanfernsehens CTV, bevor ihn Franziskus im Juni 2015 zum Präfekten des vatikanischen Sekretariats für Kommunikation machte. Es ist die personenstärkste und mit Abstand größte Behörde des Vatikans, unter deren Dach alle Medien des Heiligen Stuhls zusammengeschlossen werden. „Vatican News“, das zentrale digitale Informationsmedien der Kurie, das Radio Vatikan ablöste, ging jetzt zum Jahreswechsel auf Sendung. Bei der Umsetzung seiner Pläne, die unterschiedlichsten Vatikanmedien zu einem Pool zu verschmelzen, wo jeder Dienst mit dem anderen vernetzt ist, hat Vigano die volle Rückendeckung des Papstes.

Dass das Spitzenpersonal der römischen Kurie zum guten Teil aus eben jenen „Machern“ besteht, aus studierten Klerikern zwar, die sich aber in ihrer Zeit in vatikanischen Diensten zu Fachleuten entwickelt haben, die etwas von Politik, Diplomatie, Finanzen und Vermögenswerten oder den Medien verstehen, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Der Vatikan ist ein kleiner, souveräner Staat und die Leitung der Weltkirche, bei der er den Papst unterstützt, hat etwas mit Regieren zu tun. Da geht es oft nicht um spirituelle Höhenflüge, um ausgefeilte Theologie oder mystische Begabungen, sondern um Fähigkeiten, die auch einen Regierungspolitiker oder Manager eines großen Unternehmens auszeichnen sollten. Aber es gab doch immer eine gute Mischung. Auch große Theologen (Joseph Ratzinger), charismatische Gestalten (Kardinal Bernardin Gantin) oder beeindruckende Glaubenszeugen (Kardinal Nguyen Van Thuân) hatten an der Kurie ihren Platz und genossen Ansehen. Als zutiefst spiritueller Mensch von großer Frömmigkeit galt vielen Kardinal Mauro Piacenza, der Präfekt der Kleruskongregation. Er wurde sehr bald von Papst Franziskus auf den unauffälligen Posten des vatikanischen Großpönitentiars abgeschoben und durch den Vatikandiplomaten Beniamino Stella ersetzt.

Kein Mann der Kurie, aber ein einflussreicher Berater und Freund der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war Kardinal Joachim Meisner, auch er ein Mann mit spiritueller Ausstrahlung und großer Glaubenskraft. Mit dem Pontifikat von Franziskus begann sein Stern im Vatikan zu sinken, die letzte Audienz, die er beim Papst erbeten hatte, wurde ihm nicht mehr gewährt. Ihm ging es wie anderen Gestalten der Kurie, die man gelegentlich als „Ratzingerianer“ bezeichnet, weil sie Papst Benedikt und vorher vielleicht schon Johannes Paul II. sehr nahestanden, sich ihnen verbunden fühlten und das auch in der Öffentlichkeit bekannten. Kein Fall gleicht dem anderen, da lässt sich kein „Schema F“ konstruieren, aber allen ist gemeinsam, dass sie mehr und mehr in den Hintergrund traten. Einige aus Gründen des Alters, wie etwa der bald 87-jährige Kardinal Camillo Ruini, lange Zeit Kardinalvikar der Päpste für die Diözese Rom. Ein anderer, der spanische Kardinal Antonio Canizares Llovera, wurde sogar wegen seiner theologischen Nähe zu Benedikt XVI. „der kleine Ratzinger“ genannt und galt als dessen möglicher Nachfolger als Präfekt der Glaubenskongregation. Aber als Präfekt der Liturgiekongregation von 2008 bis 2014 machte er sehr wenig von sich reden, Franziskus schickte ihn, der bereits Erzbischof von Toledo gewesen war, zurück nach Spanien auf den Bischofssitz von Valencia. Auch Marc Ouellet, seit 2010 Präfekt der Bischofskongregation, trat nie als tönendes Schwergewicht der Kurie auf, aber er war ein Mann, auf den sich Papst Benedikt verlassen konnte. Unter Franziskus ist es nun ganz still um ihn geworden. Bis auf eine Solidaritätsadresse für Franziskus in Sachen „Amoris laetitia“ hat man in der letzten Zeit nichts mehr von ihm gehört. Und Kardinal George Pell, der sich in der kurzen Zeit an der Spitze des Wirtschaftssekretariats als ein Bewahrer des theologischen Erbes von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. profilierte, gerade in Fragen der Ehe- und Familienpastoral, hat die Vergangenheit eingeholt. Ob dem Prozess, dem er sich in Australien stellen muss, aber auch ein Schuldspruch folgt, muss abgewartet werden.

Wiederum andere haben sich selbst ausmanövriert. Kardinal Raymond Leo Burke, von Papst Franziskus 2014 als Präsident des Vatikangerichts der Apostolischen Signatur abgelöst und als Kardinalpatron an den Malteserorden weitergereicht, bleibt bis heute eine Erklärung schuldig, wie es denn aussehen soll, wenn, wie er fordert, Franziskus wegen der bekannten umstrittenen Passagen in „Amoris laetitia“ förmlich korrigiert werden soll. Auf ihn geht offensichtlich die Publizierung des Briefs der vier Kardinäle an den Papst mit den fünf Zweifeln, den „dubia“, zurück. Aber schon vorher war seine Kritik an Franziskus so harsch und öffentlich, dass er sich nur noch in seinen eigenen Kreisen bewegen kann. Und als der Papst jemanden brauchte, der – nach einer längeren Vorgeschichte – die Zeiten des Machtkampfs im Malteserorden zwischen dem alten Großmeister und seiner Ordensregierung beendet, schickte er als seinen Delegaten den Substituten im Staatssekretariat, Erzbischof Giovanni Angelo Becciu, zu dem Souveränen Ritterorden, obwohl das eigentlich die Aufgabe des Kardinalpatrons Burke gewesen wäre.

Papst Ratzingers Staatssekretär, Kardinal Bertone, war schon ausmanövriert, als er pro forma dieses Amt noch sieben Monate unter Franziskus ausüben konnte. Den Vorwurf, den man Bertone im Vatikan noch zur Amtszeit von Benedikt XVI. machte, fasste die Zeitschrift „Cicero“ schon im August 2012 mit dem Satz zusammen: „Bertone reise zwar als eine Art zweiter Papst über die Kontinente und spiele dort auch Papst – allerdings mit dem einzigen Ziel, ,bella figura‘ zu machen.“ Dass die Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe und unter diesen des Holocaust-Verharmlosers Richard Williamson zu einem Mediendesaster für den deutschen Papst und die ganze Kurie wurde, lag ganz in der Verantwortung des Staatssekretärs, der die öffentliche Wirkung des entsprechenden Dekrets der Bischofskongregation völlig falsch eingeschätzt hatte. Der Skandal um die Renovierung des Alterssitzes von Kardinal Bertone, die mit Geldern des vatikanischen Kinderkrankenhauses finanziert wurde, setzte dann schließlich einen Schlussstein unter die Karriere des einstigen Vertrauten von Papst Benedikt.

Die Kongregation für die Glaubenslehre sowie die für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung stellen vielleicht die beiden theologischsten Dikasterien des Vatikans dar. Beide gibt es noch und es wird sie weiter geben. Dass ausgerechnet ihre Präfekten, die sich ausdrücklich der Person und dem Denken Joseph Ratzingers und Papst Benedikts nahe und verpflichtet sahen und sehen, die Kardinäle Gerhard Müller und Robert Sarah, bei Papst Franziskus in Ungnade fielen, ist emblematisch für die Gesamtsituation in Rom. Kardinal Sarah ist noch Präfekt. Doch im Oktober 2016 hat der Papst zahlreiche neue Mitglieder der Kongregation ernannt. Dazu gehören der Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Charles Morerod, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat und Erzbischof Piero Marini, ehemals Zeremonienmeister Johannes Pauls II. Die Mitgliedschaft der Kardinäle Burke, Pell und Piacenza wurde nicht verlängert. Damit war der neue Kurs des Hauses abgesteckt, es ist nicht die Linie von Kardinal Sarah, dessen Plädoyer für eine „Reform der Reform“ der Liturgie der Vatikan offiziell über sein Presseamt eine Absage erteilt hat.

Kardinal Müller leitet die Glaubenskongregation nicht mehr. Sein Nachfolger, Erzbischof Luis Ladaria, ist ein klassisch gebildeter Theologe, aber auch Jesuit. Er wird neben dem Jesuiten-Papst Franziskus keine eigenen Akzente setzen. Vor der dann nicht ausgesprochenen Verlängerung Müllers im Präfektenamt hatten viele im Vatikan vermutet und auch laut gesagt, dass Franziskus zu Lebzeiten des emeritierten Benedikt diese Personalie nicht antasten werde. Hat er aber doch. Vielleicht das sinnfälligste Zeichen dafür, dass im Vatikan die Zeit der „Ratzingerianer“ zu Ende geht. Draußen in der Weltkirche gibt es sie noch. Aber in der Kurie sind jetzt die „Macher“ gefragt.

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