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Das Phänomen Fulton Sheen

Eine Seligsprechung des amerikanischen Erzbischofs und Medienstars wird immer wahrscheinlicher - dazu passend steigt auch wieder seine Popularität unter den Gläubigen. Von Stefan Meetschen
Fulton John Sheen vor Seligsprechung
Foto: CNS

Jetzt scheint es Schlag auf Schlag zu gehen: Kaum sind die sterblichen Überreste von Erzbischof Fulton Sheen (1895–1979) von der New Yorker St. Patrick's Kathedrale in seine Heimatdiözese Peoria überführt worden, da meldet sich auch Rom wieder zu Wort. Papst Franziskus hat, wie der Vatikan laut Agenturberichten am Samstag mitteilte, ein auf Fürsprache von Sheen erwirktes Wunder anerkannt. Das ist nicht nur ein großer Schritt nach vorn für den Seligsprechungsprozess des unvergessenen amerikanischen TV-Evangelisten und Buchautors, der durch die Anerkennung des heroischen Tugendgrades bereits 2012 offiziell begann, es wird mit Sicherheit dazu beitragen, dass Sheen im deutschsprachigen Raum noch an Popularität zulegt. So wie in anderen Ländern, etwa Polen, wo bunt gestylte Neuauflagen seiner Bücher den katholischen Buchmarkt erobern.

Ein schönes Phänomen, aber warum passiert es eigentlich? Schließlich gibt es auch jede Menge andere heroische Glaubensgestalten, bei denen ein Potenzial zur Heiligkeit vorliegt.

1. Geschliffene Rhetorik

Die erste Erklärung für die neu belebte Anziehungskraft von Erzbischof Fulton Sheen liegt auf der Hand. Egal, ob er beim Radiosender NBC die „Catholic Hour“ schlagen ließ oder im Fernsehen im Rahmen von „Life Is Worth Living“ auftrat: Sheen erklärte Millionen von Menschen in einfacher, leicht verständlicher Weise die Grundwahrheiten der Heiligen Schrift und des Katholizismus. Er machte als Redner eine gute Figur: mit markanter Stimme, aufmerksamem Blick und eleganter Statur. Er sprach frei, eindringlich und humorvoll, als würde ihm der Heilige Geist als Teleprompter dienen. Aber auch mit Autorität. Solche Prediger sind selten geworden.

2. Klarheit der Lehre

Nicht nur seine Rhetorik war klar – auch die Inhalte. Fulton Sheen, der am 8. Mai 1895 in El Paso (Illinois) geboren wurde, biederte sich nicht – wie so viele populistische Hirten von heute – dem Zeitgeist oder einer kulturell dominanten Weltanschauung an. Wenn es um die katholische Lehre ging, machte er keine Kompromisse. Auch im Privatleben, wie seine zahlreichen Bekehrungserfolge belegen. Ein gefallenes Mädchen rüttelte er durch seine Worte im Beichtstuhl so wach, dass sie Ordensschwester wurde. Dabei trat er nie als griesgrämiger Fanatiker oder militanter Eiferer auf, sondern als Mann mit Stil und Weltläufigkeit. Doch die Entscheidung für Christus, das wusste Sheen, verlangt Umkehr, lässt sich nicht mit einem permanenten Sowohl-als-auch vereinbaren. Irgendwann steht der Mensch vor der Entscheidung: was liebe ich mehr – Gott oder die Welt? Jesus oder mein Ego? Die Sakramente oder Geld und Diamanten?

3. Bildung

Sheen, der am 20. September 1919 zum Priester und 1951 zum Bischof geweiht wurde, war ein Mann mit langjähriger akademischer Formation und Erfahrung. An der Katholischen Universität im belgischen Löwen hatte er in Philosophie promoviert, am Angelicum in Rom promovierte er in Theologie. Mehr als 20 Jahre wirkte Fulton Sheen als Professor an der Katholischen Universität von Amerika in Washington. Dieser wissenschaftliche Background war auch bei seinem Verkündigungsdienst hilfreich und spürbar. Er entwickelte seine evangelistischen Gedanken und Appelle stets kohärent und logisch. Dabei griff er auf Beispiele und Bilder aus der Lebenswelt seiner Zuhörer zurück. Ein pädagogischer Trick, den schon Jesus beherrschte. Sheen, der auch bestens über Entwicklungen der modernen Kunst und Literatur informiert war, protzte nicht mit Bildung – er stellte sie demütig in den Dienst der Kirche. Diese Demut, gepaart mit intellektueller Souveränität, fasziniert die Gläubigen von heute. Sie möchten sich nicht durch postmoderne Spiritualitätskonzepte verwirren lassen.

4. Kontemplatives Fundament

Was Erzbischof Sheen die nötige Kraft und Stabilität für sein breites öffentliches Wirken gab, war die Anbetung. Eine Stunde täglich vor dem Allerheiligsten, die sogenannte „Holy Hour“, hielt er für unverzichtbar. Die Stille und Anwesenheit des eucharistischen Herrn war das Fundament für alles, was er sagte und tat. Auch hier orientierte sich Sheen an Jesus, der immer wieder Zeiten des Rückzugs und der inneren Sammlung einlegte. Gerade im Medien- und Showbusiness, das viele Akteure seelisch aussaugt, ist dies nötig. Schauen die Menschen von heute nicht bei YouTube und auf anderen Social-Media-Kanälen häufig in leere Gesichter? Auf Celebrities und Influencer, die ihr inneres Vakuum stolz nach außen kehren? Fulton Sheen ließ sich täglich neu vom Geist erfüllen. Sein Gesicht war nie leer.

5. Attraktivität

Machen wir uns nichts vor: Fulton Sheen war ein attraktiver Mann. Eine Mischung aus Ronald Reagan und Erzbischof Johannes Dyba. Auch das ist ein Wirkungsfaktor. Zur Not hätte er wohl auch in Hollywood Karriere machen können – in der Rolle eines weltgewandten Diplomaten oder unerschrockenen Anführers. Auch im Alter wirkte Sheen, der den Schauspieler Martin Sheen („Apokalypse Now“) zu seinem Künstlernamen inspirierte, jugendlich und agil. Keiner – außer diejenigen, die beim Schönheitschirurgen waren – hat sein Aussehen selbst gemacht, aber jeder trägt Verantwortung für sein Auftreten. Auch in der Kirche. Wer mit unförmigem Bauch oder mit langem, aus der Mode gekommenen Seitenscheitel an Kanzel und Altar tritt, gibt kein ansprechendes Zeugnis für eine starke katholische Kultur und Körpersensibilität. Wer wie ein Apparatschik lebt, sieht irgendwann auch wie ein Apparatschik aus und kann mit dieser Aura keinen Zugang zu den Herzen der Menschen finden. Sheen, der als Bischof von Rochester nur drei Jahre durchhielt, war kein Apparatschik. Auch kein politischer Aktivist. Er blieb sich selbst treu. Die Menschen mögen solche Typen, die sich von Strukturen nicht verbiegen lassen. Sheen glaubte, was er sagte und sagte, was er glaubte. Er war authentisch. Ein Mann Gottes.

6. Prophetische Kraft

Erzbischof Fulton Sheen mutete den Zuhörern mitunter einige harte Themen und Wahrheiten zu, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Heute vielleicht sogar noch dringlicher sind, da sich inzwischen viele Warnungen und prophetischen Worte Sheens erfüllt zu haben scheinen. So konstatierte Sheen, wie der „National Catholic Register“ berichtet hat, bereits im Jahr 1974 das „Ende der Christenheit“. Nicht der christliche Glaube, auch nicht die Kirche sei am Ende, aber das „ökonomische, politische, soziale Leben“, das von christlichen Prinzipien inspiriert sei. Abtreibung, Scheidung, Unmoral und Unehrlichkeit seien dafür die Symptome.

7. Optimismus und Hoffnung

Obwohl Sheen die tragische Last dieser Zeit der Prüfung realistisch einschätzte, wirkte er nie bedrückt. Er akzeptierte auf Grundlage der Heiligen Schrift die zukünftige Minderheitenrolle der Christen. Realistisch sah er die Attacken (zukünftiger) anti-christlicher Kräfte, die sich als Menschenfreunde und Befreier tarnen. Sein Vertrauen in die göttliche Vorsehung war aber größer als menschliche Angst und Verzagtheit.

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Wie berechtigt eine solche Haltung ist, zeigt sich auch posthum: Lange Zeit stockte der Seligsprechungsprozess Sheens, weil sich die Erzdiözese New York, wo Sheen auf seinen Wunsch hin beerdigt wurde, gegen die für den Prozess notwendige Umbettung nach Peoria sperrte. Nichts ging mehr. So schien es. Doch Sheens Nichte gab nicht auf, ging vor Gericht und setzte sich wiederholt durch. Widerstand zwecklos. Farce zu Ende. Die Erzdiözese New York ließ Fulton Sheen Ende Juni auf die nun wirklich letzte Reise gehen. Fast vierzig Jahre nach seinem Tod. Seinem irdischen Tod. Denn natürlich: So schön bereits das Happy End bei dem Rechtsstreit wirkte, die eigentliche Never Ending Story, die Geschichte des himmlischen Beistands von Bischof Sheen hat gerade erst begonnen. Franziskus hat den Weg dazu freigemacht. Der römische Dornröschenschlaf von Bischof Fulton Sheen ist vorbei. Das Phänomen Fulton Sheen – ein großer Segen für die Kirche.

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