Das neue Verhältnis von Kirche und Welt

50 Jahre Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ – Die deutschen Bischöfe gedachten der „Kirche in der Welt von heute“. Von José García
Burundische Mädchen
Foto: dpa | Welche kirchlichen Aufgaben werden Laien wie diese burundischen Mädchen in Zukunft zu bewältigen haben? Das Konzil hat Impulse gegeben, aber keine Anstöße, die Texte gegen das Lehramt zu interpretieren.
Burundische Mädchen
Foto: dpa | Welche kirchlichen Aufgaben werden Laien wie diese burundischen Mädchen in Zukunft zu bewältigen haben? Das Konzil hat Impulse gegeben, aber keine Anstöße, die Texte gegen das Lehramt zu interpretieren.

Berlin (DT) Am 6. Dezember 1965, dem letzten Sitzungstag des Zweiten Vatikanischen Konzils, verabschiedeten die Konzilsväter die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, die am nächsten Tag von Johannes XIII. feierlich promulgiert wurde. Zum Gedenken an 50 Jahre „Gaudium et spes“ lud am vergangenen Donnerstagabend die Deutsche Bischofskonferenz zur Vortragsveranstaltung „Kirche in der Welt von heute. Zukunftsperspektiven im Anschluss an Gaudium et spes“ in die Katholische Akademie Berlin.

Im ersten Vortrag widmete sich Franz-Xaver Kaufmann, emeritierter Professor für Sozialpolitik und Soziologie an der Universität Bielefeld, der „Aktualität von Gaudium et spes“. Um deren Bedeutung einzuordnen, bot Kaufmann einen geschichtlichen Überblick, der zurück zum 4. Laterankonzil 1215 führte. Denn seit dem Hochmittelalter werde die Kirche als eine „Klerikergesellschaft“ verstanden, in der die Laien lediglich Gehorsam schuldeten. Später habe sich eine „einseitige Papstzentrierung“ herausgebildet, die im Ersten Vatikanischen Konzil die uneingeschränkte Jurisdiktionsgewalt des Papstes und damit eine „dogmatische Autokratie“ begründet habe. Demgegenüber sei „Gaudium et spes“ nicht aus Initiative der römischen Kurie, sondern aus der Mitte des Konzils, als „Produkt des Konzils selbst“ entstanden.

Von „Paradigmenwechsel“ sprach Franz-Xaver Kaufmann im Zusammenhang mit „Gaudium et spes“ insofern, als die Pastoralkonstitution ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Welt begründete. Die Kirche steht demnach nicht mehr „über“ oder „außerhalb“ der Welt, sondern in der Welt, auch wenn sie nicht von der Welt ist. Dies bedeute – so Kaufmann weiter –, dass die Kirche den Glauben innerweltlich glaubhaft darstellen müsse. Das wechselseitige Verhältnis Kirche-Welt führe auch dazu, dass die katholische Tradition nicht länger als Eigentum der katholischen Kirche, sondern der Menschheit angesehen werde. Die Kirche gebe der Welt nicht nur etwas, sondern sie empfange auch von ihr. Dies bedeute auch eine „Solidaritätskundgebung mit der Menschheit“, so wie sie sei und nicht wie sie sein sollte.

„Das eigentlich Neue“ an der Pastoralkonstitution, so Kaufmann, sei die Anerkennung der Autonomie der irdischen Wirklichkeiten, wobei die Rezeption der universalistischen Menschenrechtstheorie eine zentrale Stellung einnehme. Heute beeindrucke die Klarsichtigkeit der Kirche, die neue Epoche in der Menschengeschichte erkannt zu haben. Die Kirche gebe Antworten auf die Sehnsüchte der Menschen: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes und des Todes? Was kommt nach dem Leben? Denn Christus bringt den Menschen Licht. Die Würde des Menschen, die in den Menschenrechten vorausgesetzt werde, gründe nach christlichem Verständnis in seiner Gottesebenbildlichkeit. Über die Würde des Menschen handele der erste Hauptteil von „Gaudium et spes“. Den zweiten Hauptteil widme die Pastoralkonstitution der „Förderung der Würde der Ehe“. Die Ehe erfahre eine „Sakralisierung“ wie sonst keine andere Institution. Aber das Dokument enthalte keine Aussagen über gescheiterte Ehen. Darin drücke sich auch ein Spagat zwischen Tradition und modernen Ansichten aus, wobei Traditionen – bemerkte Kaufmann kritisch – auch einer bestimmten Zeit entsprungen seien.

In seinem Vortrag „Soziallehre und Lehramt. Zum Pluralismus in Gesellschaft und Kirche“ zitierte Bischof Franz-Josef Overbeck, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, den „Nestor der katholischen Soziallehre“, Pater Oswald von Nell-Breuning (1890–1991), der 1931 als Berater von Pius IX. die Vorlage für die Sozialenzyklika „Quadragesimo Anno“ lieferte. Im Unterschied zu der Zeit der ersten Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ von Leo XIII. (1891), als die Wissenschaften noch in den Kinderschuhen steckten und deshalb man auf allen Gebieten reden konnte, nütze nun – so eine wesentliche Einsicht Nell-Beunings – nur noch fachwissenschaftliche Kompetenz. Bis Pius XII. habe die Kirche mit der Entwicklung Schritt gehalten. Der rasante gesellschaftliche Wandel der 1960er Jahre habe dazu geführt, dass die Grundlagen des kirchlichen Lebens und des öffentlichen Handelns der Kirche neu überdacht werden sollten. Darin habe das Zweite Vatikanum einen qualitativen Wendepunkt dargestellt, der im Bild der „offenen Fenster“ zur Welt ausgedrückt werde. Als „Weltgesellschaft“ biete die Kirche nun eine Sozialethik diskursiv an. Ohne sich zu verweltlichen, solle die Kirche weltzugewandt sein. Bischof Overbeck ging insbesondere auf den im Punkt 36 von „Gaudium et spes“ eingeführten Begriff „Autonomie der zeitlichen Dinge“ ein. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Bereiche in einer „differenzierenden und differenzierten Gesellschaft“ begründe einerseits die Pluralität, habe andererseits Konsequenzen für den „Weltauftrag der Laien“.

Damit kam Bischof Overbeck auf einen zentralen Punkt des Zweiten Vatikanischen Konzils zu sprechen, denn darin seien erstmals die Laien als kirchlicher Stand gewürdigt worden. Die Dogmatische Konstitution „Lumen Gentium“ stelle fest: „Den Laien ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen (...) Dort sind sie von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen und vor allem durch das Zeugnis ihres Lebens, im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe Christus den anderen kund zu machen“ (LG 31). Dazu ergänze „Gaudium et spes“ (GS 43): „Aufgabe ihres dazu von vornherein richtig geschulten Gewissens ist es, das Gebot Gottes im Leben der profanen Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Von den Priestern aber dürfen die Laien Licht und geistliche Kraft erwarten.“ Dies begründe eine „Arbeitsteilung“ zwischen Klerus und Laien. Der Pluralismus gelte auch für den innerkirchlichen Raum, weshalb – hier zitierte Bischof Overbeck erneut Oswald von Nell-Breuning – solche Begriffe wie „Linkskatholiken“ oder „Rechtskatholiken“ völlig fehl am Platze seien. Die adäquate Form für den Pluralismus sei der Dialog mit der Welt, bei dem die Laien ihren ureigenen Beitrag zu leisten haben.

Wie wenig jedoch die Lehre von „Gaudium et spes“ über die ureigenen Aufgaben der Laien bis heute jedoch rezipiert wurden, zeigte sich beispielsweise am Beitrag von Gerhard Kruip, Professor für Sozialethik an der Universität Mainz, bei der anschließenden Diskussion nach den Vorträgen von Franz-Xaver Kaufmann und Bischof Overbeck. Kruip plädierte dafür, dass einige vom Zweiten Vatikanum geöffnete „Fenster“, die später wieder „zugemacht“ worden seien, wieder geöffnet werden sollten. Im Zusammenhang mit dem Beitrag der Laien nannte er das Frauenpriestertum. Was außerdem hörbar eine Welle der Ablehnung im Publikum hervorrief.

Zu den Zukunftsperspektiven der Soziallehre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und insbesondere nach „Gaudium et spes“ nannte Bischof Overbeck insbesondere vier Bereiche, in denen die Kirche auf die Öffentlichkeit einwirken soll: Lebensschutz sowohl am Anfang als auch am Ende des Lebens, die personalen Beziehungen und besonders die Familienpolitik, die Menschenrechtspolitik sowie die Friedenspolitik.

Die naheliegende Konsequenz aus den zitierten Konzilsdokumenten, dass die Laien gerade nicht im kirchlich geschützten Raum oder „im kirchlichen Dienst“, sondern in den innerweltlichen, profanen Lebensvollzügen – in der Familie, im Beruf, in den gesellschaftlichen Beziehungen – Christus begegnen und das Reich Gottes verbreiten können und sollen, kam in den Vorträgen jedoch kaum zur Sprache. Fünfzig Jahre nach der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ scheint eine Änderung in den Denkstrukturen der Katholiken noch nicht ganz vollzogen worden zu sein.

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