Liturgie

Das Kreuz steht im Mittelpunkt

Relecture empfohlen: Die 13. Liturgische Fota- Konferenz empfiehlt Joseph Ratzingers "Der Geist der Liturgie" erneut zu lesen.
Papst Benedikt XVI.
Foto: Romano Siciliani (KNA) | Papst Benedikt XVI. beim Pfingstgottesdienst im Petersdom im Vatikan. Der Theologe Joseph Ratzinger gibt in seinen Schriften auch als Papst Benedikt XVI. vertieften Einblick in das Verständnis der Liturgie.

Welche theologischen Klassiker hat die katholische Kirche im 21. Jahrhundert hervorgebracht? Auf der 13. Internationalen Liturgischen Fota-Konferenz in Ballyhea im irischen Bistum Cloyne würdigten Referenten Joseph Ratzingers Werk "Der Geist der Liturgie" als großen Wurf für die Erneuerung der Liturgie. In Anlehnung an Romano Guardinis nahezu gleichlautende Schrift "Vom Geist der Liturgie" von 1918 hatte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation zum Heiligen Jahr 2000Impulse für eine Reform der Liturgiereform Pauls VI. gegeben. Mariusz Biliniewicz, Leiter des Liturgiereferats der Erzdiözese Sydney, bot einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte des Werks. Ratzinger habe sich von seinen Kritikern missverstanden gefühlt und deren einseitige Fokussierung auf das Kapitel über die Zelebrationsrichtung gen Osten beklagt. Wichtige Aspekte wie der Opfercharakter der Liturgie und deren kosmische Bedeutung seien hingegen unterschätzt worden.

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Enttäuschende Rezensionen

Auch Rezensionen von Liturgiewissenschaftlern hätten den späteren Papst Benedikt XVI. insofern enttäuscht, als diese Zweitrangiges in den Vordergrund gestellt und Wesentliches ausgelassen hätten. Als die brauchbarste aller Kritiken habe Ratzinger jene des inzwischen emeritierten Bonner Liturgiewissenschaftlers Albert Gerhards betrachtet. Dieser hatte an das Buch kritische Fragen bezüglich der verwendeten Terminologie und der Verhältnisbestimmung von Neuem und Altem Testament gestellt. Insgesamt bewertet Gerhards die Sicht des Kardinals auf die zeitgenössische Kultur   nicht zuletzt die moderne Kirchenmusik   und deren Vermögen, wahre Schönheit zu vermitteln, als zu negativ. Demgegenüber monierten englischsprachige Rezensenten, Ratzinger habe die abrupte nachkonziliare Liturgiereform nicht mit der gebotenen Klarheit angeprangert. Dessen ungeachtet erhielt das Buch im angelsächsischen Sprachraum aber sehr positive Besprechungen. Biliniewicz zufolge hat "Der Geist der Liturgie" eine in den Jahrzehnten nach den postkonziliaren Liturgiereformen dringend notwendige Debatte angestoßen.

Schlüsselbegrifffe

Vier Schlüsselbegriffe treten dabei in den Vordergrund: der Opfergedanke, die Offenbarung, das Heilige und die Anbetung.

Der amerikanische Geistliche Bryce Evans (Minnesota/USA) verteidigte Joseph Ratzinger gegen den Vorwurf, sich bei seinen einschlägigen Überlegungen von Nostalgie oder rein ästhetischen Beweggründen habe leiten zu lassen: "Er sorgt sich um die Liturgie, weil die Liturgie das wichtigste Mittel für die Weitergabe der göttlichen Offenbarung ist."
Die Auseinandersetzung mit dem Offenbarungsbegriff zieht sich wie ein roter Faden durch das akademische Wirken Ratzingers. Pater Sven Conrad FSSP aus dem Neuen Ratzinger-Schülerkreis zeichnete die Entwicklung des Professors Joseph Ratzinger in den sechziger und siebziger Jahren in christologischen Fragen   insbesondere der Zuordnung der beiden Testamente zueinander   nach. Ratzinger habe zunächst zu Positionen der Reformatoren zu vermitteln versucht, "freilich ohne das Katholische aufzugeben".

 

 

Opfer im Mittelpunkt

Die typisch protestantische Zuordnung des Alten und Neuen Testaments unter die Begriffe "Gesetz" und "Gnade" habe Ratzinger am Anfang seiner Lehrtätigkeit in der Christologievorlesung noch stark betont. Doch sei ihm in Regensburg zu Beginn der 1970er Jahre der Durchbruch zu einer harmonischeren Sicht gelungen, in der Jesus als die neue Thora erscheint. Conrad zufolge zeigt sich daran, wie entscheidend für die liturgietheologische Einsicht "eine korrekte Verhältnisbestimmung von Altem und Neuem Testament der einen Heiligen Schrift ist". Das Opfer stehe im Zentrum der Religionen und   auf veränderte Weise   des Alten Testaments. Durch das Kreuz stehe es "auch im Zentrum des Christentums", brachte Conrad Ratzingers Sichtweise auf den Punkt.

Das Opfer stellt aber nicht nur den Ursprung jeder Religion im Allgemeinen und den Mittelpunkt des biblischen Kultes im Besonderen dar. Wie unzeitgemäß dieses auf den Zeitgenossen wirken kann, ließ sich dem Vortrag des irischen Geistlichen Joseph Briody entnehmen, der in Abwesenheit verlesen wurde. Der im gegenwärtigen Sprachgebrauch überwiegend negativ besetzte Begriff des Gehorsams drückt Brody zufolge im Alten Testament ausschließlich Gutes, sprich Liebe und Opferbereitschaft aus.

Vollendung in Gott

Der Franziskanerbruder Serafino M. Lanzetta legte dar, dass Ratzinger sich gegen Fehlvorstellungen bezüglich des Opferverständnisses gewandt habe. Nicht Vernichtung, sondern Verwandlung durch Gott sei das eigentliche Ziel des biblischen Opfers. Mit dieser Sicht stellt sich der Autor von "Der Geist der Liturgie" in die Tradition des Kirchenvaters Augustinus (354-430), dessen Werk "Vom Gottesstaat" das Opfer als Vollendung und Verwandlung der Menschheit in der Liebe Gottes definiert. Dabei beschränkt sich der Bischof von Hippo nicht auf kultische Opferhandlungen. Jede Tat, mit der sich der Mensch in heiliger Gemeinschaft mit Gott vereint gehört dazu. Maßgeblich ist die Vollendung in Gott. Dessen Gegenwart im Tabernakel ist unaufgebbarer Bestandteil des katholischen Glaubens. Der Dogmatiker Manfred Hauke (Lugano) zeichnete die geschichtliche Entwicklung des Tabernakels nach und spannte einen Bogen zu offiziellen kirchlichen Dokumenten aus der Feder Benedikts XVI., in denen dieser die Bedeutung der eucharistischen Anbetung hervorhebt.

Ausgehend von Ratzingers Impulsen über das Heilige entspann sich eine angeregte Diskussion. Deutlich wurde, dass die katholische Kirche das Heilige nicht auf ein gefühlsmäßiges Phänomen reduziert. Hauke erinnerte im Zusammenhang mit eucharistischen Wundern an kirchlich angeordnete wissenschaftliche Untersuchungen. An der Geschichte des Fronleichnamsfestes veranschaulichte er zudem den Aspekt der allgemeinen Sichtbarkeit des Heiligen. Konsens herrschte in der Frage, dass ein gemeinsames Bewusstsein für das Heilige in der Liturgie die Ost- und Westkirche miteinander verbindet   auch als beiderseitige Abgrenzung zum Protestantismus.

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Liturgische Bildung

Wie anregend der Vergleich der Aussagen Ratzingers mit Texten theologischer Autoren aus der Tradition der Ostkirche sein kann, zeigte Roland Millare von der John Paul II Foundation in Houston/Texas. Christen in Ost und West feierten die Liturgie in ihren jeweiligen Riten und Kirchen "wie im Vorhof des Himmels", formulierte ein Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten. Dieser Perspektive entspricht die gemeinsame Ehrfurcht vor Sakralräumen. Dass Gotteshäuser weltweit zunehmend als banale Versammlungsräume betrachtet werden, widerspricht dem religiösen Empfinden der Gläubigen in Ost- und Westkirche. Ein irischer Teilnehmer bezeichnete die Haltung vieler Zeitgenossen in Kirchen schlicht als "hemmungslos". Als problematisch bewertete es Hauke im Zusammenhang mit Konzertaufführungen in Gotteshäusern, wenn dafür das Allerheiligste aus dem Tabernakel entfernt werde.

Auch die Frage der Zelebrationsrichtung kam zur Sprache. Der Steyler Missionar Pater Vincent Twomey, SVD, ein Ratzinger-Schüler, unterstrich, dass Ratzingers Werk "Der Geist der Liturgie" als Aufforderung zu einer klugen pastoralen Vorgehensweise verstanden werden müsse. Keinesfalls sei gemeint, die Zelebrationsrichtung ad hoc gen Osten umzustellen und damit jene Fehler der nachkonziliaren Liturgiereform zu wiederholen, die Ratzinger selbst kritisierte habe. Eine Umstellung der Zelebrationsrichtung, so Pater Twomey, müsse langsam durchgeführt werden und katechetisch sorgfältig vorbereitet werden. Wichtig sei, "dass wir die Menschen dabei mitnehmen".

Wieviel Arbeit auf Seelsorger in der liturgischen Bildung der Gläubigen noch wartet, deutete Kaplan John Hayes (Diözese Neu-Ulm/USA) an. Als Beauftragter für den Synodalen Weg habe er bei einer Umfrage festgestellt, dass ausnahmslos alle aktiven Mitglieder seiner Gemeinde, die sich daran beteiligten, dem von Ratzinger schon vor 20 Jahren beschriebenen Missverständnis um die "aktive Teilnahme der Gläubigen" an der Liturgie unterlägen. Viele verwechselten sie mit äußerlichem Aktivismus. Wer Ratzinger als zu konservativ abtue, dem empfahl Hayes die Relecture der biblischen Grundlagen des Kultes in "Geist der Liturgie". Das könne vielleicht sogar einen Sinneswandel bewirken.


Hintergrund

Seit 2008 treffen sich Theologen und an liturgischen Fragen interessierte Laien aus aller Welt jährlich in Irland. Die Internationale Liturgische Fota-Konferenz hat ihren Namen von der im Cork Harbour gelegenen Fota Island, auf der sie in den ersten Jahren stattfand. Regelmäßiger Gast ist US-Kardinal Raymond Burke, der am Ende des zweitägigen Austauschs ein Pontifikalamt im überlieferten Ritus zelebriert. Nachdem der Veranstalter   die 2007 gegründete St. Colman s Society for Catholic Liturgy   pandemiebedingt in den Jahren 2020-21 eine Pause eingelegt hatte, traf man sich in diesem Jahr erstmals in der gastfreundlichen Pfarrgemeinde des Mitbegründers der Fota-Konferenz, Pfarrer James O Brian, in Ballyhea im Bistum Cloyne.

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