Inkarnation

Das Kind ist das Alpha und das Omega  der Menschheitsgeschichte

An der Krippe ändert sich alles. Warum die Menschwerdung Christi einen einzigartigen Moment darstellt. Ein Gespräch mit dem emeritierten Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke.
Ikone Weihnachtsgeschichte
Foto: archiv | Die Ikone zeigt das Geschehen an Weihnachten.

Herr Professor Menke, wie würden Sie einem Nichtchristen den Sinn der Inkarnation erklären?

Auch Nichtchristen kennen das Märchen vom Königssohn, der in einen Frosch verwandelt wird. Solange der Königssohn Frosch ist, ist er nicht mehr Königssohn. Ein Frosch ist geradezu das Gegenteil eines Königssohns. Ein Vergleich dieses Märchens mit der biblischen Erzählung von der Menschwerdung (Inkarnation) Gottes mag absurd oder gar blasphemisch erscheinen. Aber man kann durch diesen Vergleich sehr plastisch erklären, was das christliche Bekenntnis zur Menschwerdung (Inkarnation) Gottes nicht meint. Denn: Als Gott wahrhaft Mensch wurde, hat er nicht aufgehört, wahrhaft Gott zu sein. Und: Christi Menschsein ist nicht die Verbergung, sondern, im Gegenteil, die unüberbietbare Offenbarkeit Gottes. Kurzum: Was Christen mit dem Begriff "Inkarnation" bezeichnen, wird nur dann verstanden, wenn man das Leben und Sterben Jesu Christi nicht als bloßes Symbol oder gar als vorübergehende Verkleidung, sondern als die Selbst-Offenbarung Gottes begreift.

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Kann man diesen Sachverhalt bildlich darstellen?

Im Unterschied zu den Krippendarstellungen des Westens richtet die Weihnachtsikone des Ostens den Blick der Gläubigen nicht auf die Geburt als solche, sondern auf den Weg der Könige nach Bethlehem. Nicht der 24. Dezember, sondern der 6. Januar ist das Weihnachtsfest der Ostkirchen. Denn das Fest der Epiphanie bedeutet: Das in einem Stall vor den Toren Bethlehems geborene Kind wird "epiphan" (offenbar) als das Alpha und das Omega der gesamten Menschheitsgeschichte.

Wie verhält sich der christliche Glaube, dass ein bestimmter Mensch mit dem Namen "Jesus" die Offenbarkeit Gottes war, zu den jüdischen Erzählungen von der Nähe und dem Herabsteigen JHWHs?

Aus christlicher Sicht ist der Glaube Israels immer schon unterwegs zum Trinitäts- und Inkarnationsglauben. Denn JHWH ist im Unterschied zu den Göttern der Heiden nicht "da" oder "dort", sondern immer und überall der "Ich-bin-der-Ich-bin-da" (Exodus 3,14). Ein Grundthema der rabbinischen Theologie ist das Herabsteigen JHWHs vom Himmel auf die Erde. Es gibt eine offensichtliche Konvergenz zwischen jüdischem und trinitarischem Monotheismus.

"Wer mich sieht, sieht und hört Gott."
(Johannes 14,9)

Und wo liegt die Differenz?

Die christliche Trinitätslehre wäre für Juden nichts Anstößiges, wenn sie lediglich dies besagen würde: dass der eine und einzige Gott das Zugleich von vollkommener Transzendenz und vollkommener Immanenz, beziehungsweise vollkommene Beziehung ist. Aber ein orthodoxer Jude muss widersprechen, wenn nicht nur der Schöpfer, sondern auch sein Wort Gott genannt wird (Johannes 1,1). Das christliche Credo spricht trotz personaler Unterschiedenheit von der Wesensgleichheit des Logos   beziehungsweise des Sohnes   mit dem Schöpfer   beziehungsweise dem Vater. Nur unter dieser trinitätslogischen Voraussetzung ist die Menschwerdung des Wortes die Menschwerdung Gottes. Nur wenn Jesus Christus im Unterschied zu den Propheten nicht nur über Gott spricht, sondern Gottes eigenes Sprechen ist, darf er von sich sagen: "Wer mich sieht, sieht und hört Gott." (Johannes 14,9)

Setzt der Glaube an die Menschwerdung Gottes (Inkarnation) die biologische Jungfräulichkeit der Gottesmutter notwendig voraus?

Personalität ist das, was jeden Menschen mit dem trinitarischen (drei-personalen) Schöpfer verbindet. Personalität ist keine Eigenschaft der menschlichen Natur wie Bewusstsein oder Intelligenz, sondern das, was jeden Menschen absolut einmalig sein lässt. Alle Menschen teilen dieselbe Natur, sind aber als Personen absolut verschieden. Keine Person kann eine andere werden. Das gilt für die drei Personen der göttlichen Trinität, ebenso wie für alle geschaffenen Personen. Und dieser Befund hat gravierende christologische Konsequenzen: Wäre Jesus eine geschaffene, von Joseph gezeugte und von Maria geborene Person gewesen, dann hätte er bestenfalls ein besonders wirksames Medium oder Sprachrohr Gottes werden können; nicht aber die zweite göttliche Person. Kein Mensch kann göttliche Person "werden". Deshalb gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder war Jesus eine geschaffene Person, dem bei der Taufe im Jordan der Ehrentitel eines göttlichen Adoptivsohns zugesprochen wurde. Oder Jesus war von Anfang an   das Konzil von Ephesus (431) lehrt: "schon unter dem Herzen seiner Mutter Maria"   die ungeschaffene Person des göttlichen Logos.

Worin genau unterscheidet sich der Ursprung Jesu von dem jedes anderen Menschen?

Weil keine geschaffene Person eine andere Person, geschweige denn eine ungeschaffene, göttliche Person werden kann, muss der Ursprung Jesu anders gedacht werden als der jedes anderen Menschen. Das Inkarnationsereignis war kein Zeugungsakt, sondern ein Schöpfungsakt. Dieser zweite Schöpfungsakt des Inkarnationsgeschehens ist ebenso wie der erste Schöpfungsakt ein exklusiv innovatorisches Handeln Gottes. Allerdings setzt der zweite Schöpfungsakt   die Schaffung des Menschen Jesus aus der materiellen Disposition Marias   den ersten   der Schöpfung "aus nichts"   voraus. Dass Jesu Ursprung ein anderer als der jedes anderen Menschen ist, gehört zu den ältesten Bekenntnissen der Christenheit. Wenn Matthäus 1,16 und Lukas 1,35 das "Zutun Josefs" ausschließen, dann nicht   wie viele Zeitgenossen meinen   aus Gründen eines platonisch anmutenden Reinheitsideals. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, dass Gott im Gefolge der Inkarnation nicht nur mittels eines Menschen handelt; dann bliebe er selbst außerhalb "des Fleisches", sondern dass er selbst "Fleisch annimmt" (Johannes 1,14).

"Dogmen so hat der heilige John Henry Newman
gesagt sind wie Laternen;
sie machen die Wahrheit sichtbar,
sind aber nicht die Wahrheit selbst."

Zunehmend viele Zeitgenossen sehen in Jesus Christus nicht "die Wahrheit", sondern nur einen unter anderen Religionsgründern. Worin sehen Sie den Grund für die fortschreitende Relativierung der Einzigkeit Christi?

Es gibt   so erklärt der postmodern denkende Zeitgeist   keine Wahrheit unabhängig von den vielen Interpretationen, Theorien und Meinungen einer plural gewordenen Welt. Auch die Wirklichkeit Gottes selbst und erst recht die Annahme, der Logos Gottes sei die allen Interpretationen vorausliegende "Wahrheit an sich", gilt als anmaßend und intolerant. Mit Berufung auf Kant und Wittgenstein fordern die Vertreter der sogenannten "Pluralistischen Religionstheologie" (PRT) eine radikale "De-Absolutierung" des christlichen Wahrheitsanspruchs. Sie erklären das Dogma von der Menschwerdung (Inkarnation) Gottes zu einem Bild, das man nicht wörtlich nehmen, sondern relativieren solle. Gott selbst könne durch den Menschen Jesus bestenfalls interpretiert oder symbolisiert werden. Das Wort "Inkarnation" bezeichne kein einmaliges Ereignis, sondern die allen Religionen gemeinsame "Ein-Fleischung" des Göttlichen in menschliche Projektionen und Bilder.

Hat das Lehramt der Kirche dazu Stellung genommen?

Mit dem berühmt gewordenen Dokument "Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi" hat Papst Johannes Paul II. dem beginnenden dritten Jahrtausend ins Gedächtnis geschrieben, dass das Christentum mit dem Bekenntnis zur Einzigkeit Christi steht oder fällt. Allerdings wird die in Christus offenbarte Wahrheit von keinem Begriff und keiner Theorie eingeholt. Auch die vom Heiligen Geist inspirierten Autoren der Heiligen Schrift "haben" die Wahrheit nicht. Die Bilder und Begriffe, die sie verwenden, sind zwar zutreffende Bezeugungen der Wahrheit, nicht aber die Wahrheit selbst. Analoges gilt von den Dogmen der apostolisch strukturierten Gemeinschaft der Kirche, die täglich sakramental mit Christus kommuniziert. Dogmen so hat der heilige John Henry Newman gesagt sind wie Laternen; sie machen die Wahrheit sichtbar, sind aber nicht die Wahrheit selbst.

Warum eigentlich musste Gott Mensch werden? Warum das Drama zwischen Bethlehem und Golgotha? Ist das Ereignis der Inkarnation unabdingbare Voraussetzung unserer Erlösung?

Viele meinen, an Ostern würde die Christenheit feiern, dass der physische Tod nicht das letzte Wort habe. Aber um diese Hoffnung zu vermitteln, bedarf es nicht des Ereignisses der Inkarnation und erst recht nicht des Osterereignisses. Dass es nach dem physischen Tod weitergeht, glauben die Angehörigen fast aller Religionen. Das Judentum aber unterscheidet zwischen dem uneigentlichen physischen Tod und dem eigentlichen Tod der von der Sünde verursachten Trennung des Sünders von Gott. Diese Trennung wurde nicht von Gott als Strafe verhängt, sondern allein vom Sünder verursacht. Diese Trennung ist der eigentliche Tod beziehungsweise die "Sheol" (die Hölle). Gott hat   genau das feiert die Christenheit Ostern   dieses Verhängnis mit dem Ereignis der Inkarnation und mit dem Ereignis von Golgotha beantwortet. Nur weil der historische Jesus die Anwesenheit Gottes selbst in Raum und Zeit war, ist mit ihm Gott selbst an den "Ort" der Sünde und des Sünders (in die "Sheol") gelangt. "Abgestiegen bis in die Hölle ( Sheol )", bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Seitdem kann uns nichts mehr von Gott trennen   es sei denn, wir würden die uns Sündern entgegengehaltene Hand des Erlösers ausschlagen.

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Weihnachten ist traditionell das Fest sozialpolitischer Predigten. Liegt das in der Konsequenz des Ereignisses der Menschwerdung Gottes?

Wenn Gott sich selbst als Mensch ausgesagt hat, dann kommt jedem Menschen unabhängig von Rasse, Geschlecht, Nation, An- und Aussehen eine mit nichts aufzuwiegende Würde zu. Und wenn Gott gerade da offenbar wird, wo Christus sich lieber kreuzigen lässt als irgendetwas mit Gewalt durchzusetzen, dann ist gewaltlose Feindesliebe die Signatur der höchsten Menschlichkeit. Das kann auch eine Weihnachtspredigt vermitteln, die auf dogmatische Erklärungen verzichtet. Aber Weihnachtspredigten, die Jesus Christus auf ein bloßes Vorbild reduzieren oder zum Aufhänger sozialpolitischen Postulate degradieren, verraten ihren eigentlichen Auftrag.


Der Verfasser hat zum Thema das Buch "Inkarnation. Das Ende aller Wege Gottes" im Pustet-Verlag, Regensburg, vorgelegt.

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