Regensburg

"Das Beste weitergeben"

Marvin Schwedler, Seminarist der Diözese Regensburg und Sprecher der Deutschen Seminaristen, erläutert, was ihn am Priesterberuf anzieht.
Marvin Schwedler
Foto: Leonard GM Skorczyk | "Ich sehe gerade wegen des schwindenden Glaubens eine große und vielfältige Möglichkeit, ja die Notwendigkeit, Gott in Jesus Christus neu kennenlernen zu können", meint Marvin Schwedler.

Herr Schwedler, die Entscheidung, katholischer Priester werden zu wollen, scheint mehr denn je eine begründungspflichtige Sache zu sein. Was und wer ermutigt Sie und Ihre Kommilitonen dabei?

Die Berufung zum Priester setzt voraus, dass Gott mich in Seinen Dienst ruft, und deshalb ist es Gott selbst, der mich dazu ermutigt. Das heißt, dass Jesus Christus mich einfach begeistert ihm nachzufolgen, mich von ihm führen zu lassen und andere an diesem Glück teilhaben zu lassen. Ihm begegne ich in der Schrift und Liturgie und im gemeinschaftlichen Leben der Kirche. Ich denke, jeder hat seine ganz persönliche und lebenslange Berufungsgeschichte, aber im Letzten ist es immer eines, was auch heute noch Männer Priester werden lässt: der Ruf des Herrn, ihm nachzufolgen und Menschen zu fischen.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist in Fragen der Weihetheologie gespalten. Gilt das auch für die Seminaristen? Beginnt der theologische Graben schon im Seminar?

"Im Seminar hat man die Möglichkeit, dass man
seine eigenen Positionen hinterfragt, auf den Prüfstand
stellt und durch das Theologiestudium verankert oder ändert"

Nein, denn das, was gemeinhin als Graben wahrgenommen wird, kommt daher, dass jeder vor seinem Eintritt ins Priesterseminar unterschiedlich geprägt wurde. Im Seminar hat man die Möglichkeit, dass man seine eigenen Positionen hinterfragt, auf den Prüfstand stellt und durch das Theologiestudium verankert oder ändert. Dass es dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, ist nichts Neues, da wir doch schon in der Apostelgeschichte lesen, dass die Apostel auch nicht immer gleich einer Meinung waren. Durch Gebet und im geistlichen Ringen miteinander haben sie dann versucht den Willen Gottes zu erkennen und umzusetzen. Dass es oftmals als ein Graben wahrgenommen wird, passiert dann, wenn "Grabenkämpfe" stattfinden, weil es dabei oft nur noch darum geht, dass eine Seite meint, recht zu haben. Der geistliche Aspekt kommt dabei oft leider zu kurz. In Fragen der Weihetheologie sind daher auch unterschiedliche Positionen zu finden, und das fängt spätestens im Seminar an.

Papst Franziskus hat der Kirche in Deutschland den Auftrag zur Evangelisierung ins Stammbuch geschrieben. Sehen Sie trotz der Glaubensverdunstung hoffnungsvolle Anzeichen dafür, dass Sie diesen Auftrag als Priester umsetzen können?

Lesen Sie auch:

Ich sehe gerade wegen des schwindenden Glaubens eine große und vielfältige Möglichkeit, ja die Notwendigkeit, Gott in Jesus Christus neu kennenlernen zu können. Evangelisierung beginnt ja zunächst bei mir selbst und von daher kenne ich viele Bereiche meines Lebens, die Gottes Nähe und einer Ausrichtung auf ihn bedürfen. Und so geht es wohl jedem Menschen. Meine Erfahrung ist es, dass immer mehr Menschen ihre Bedürftigkeit wahrnehmen und nach Hilfe und Orientierung suchen. Und so habe ich es oft erlebt, dass unser Glaube an den menschgewordenen Gott genau die richtigen Antworten hat und erfüllender Wegweiser auf Gott hin ist. Ich möchte als Priester ja nicht möglichst viele Mitglieder gewinnen, sondern vielmehr denen, die Hilfe brauchen, das Beste weitergeben, was ich an mir erfahren konnte. Und so wird Evangelisierung, die bei den Menschen unserer Zeit ankommt und Frucht bringt, immer mehr zur Hauptaufgabe der Priester werden müssen.

Jede Seminaristengeneration wird von bestimmten äußeren Faktoren beeinflusst. Welche würden Sie für Ihre Generation als prägend ansehen?

"Die Krisen und Skandale, die die Kirche gerade
auch in letzter Zeit einholen, verstärken eine ablehnende
Haltung vieler Menschen gegenüber der Kirche"

Unsere postmoderne Gesellschaft ist in äußerstem Maß plural und säkular. Viele Menschen meinen heute, dass sie weder Gott noch Kirche brauchen. Die Krisen und Skandale, die die Kirche gerade auch in letzter Zeit einholen, verstärken eine ablehnende Haltung vieler Menschen gegenüber der Kirche. Und diese Faktoren spüren auch wir als Seminaristen. Mehr denn je müssen wir uns erst einmal rechtfertigen, weshalb wir überhaupt noch an Gott glauben, und dann noch unser ganzes Leben in seinen Dienst stellen wollen. Ein weiterer Punkt ist, dass wir in unserer Zeit vielleicht nicht die großen Vorbilder in der Kirche haben, denen wir nacheifern können. Großen Heiligen ist es immer wieder gelungen, den Glauben so überzeugend vorzuleben, dass andere von Christus und seiner Lehre so begeistert waren, dass sie einen neuen Zugang zum Glauben finden konnten.

Wirkt sich der gesellschaftliche Druck auf die Kirche auch positiv auf Seminare aus? Denkt man gründlicher über die eigene Entscheidung nach?

Dadurch, dass der priesterliche Dienst nicht mehr den früheren gesellschaftlichen Stellenwert hat, ist die Entscheidung dafür auch meist bewusster getroffen worden. Ich denke, dass die Entscheidung heute meist eine eher geistliche ist, weil ich den Ruf Gottes vernommen habe, und mein Leben Ihm bewusst zur Verfügung stellen will. Das hat dann auch zur Folge, dass man sich vielleicht klarer als früher vor Augen stellt, dass es nicht auf meine Person ankommen soll, sondern dass Gott durch mich handeln können soll. Das ist natürlich ein hoher Anspruch, und manche scheitern auch daran. Aber dieser Vorsatz sollte zumindest eine Grundmotivation für die Entscheidung darstellen.

Können Sie sich neue Wege in der Ausbildung vorstellen?

In den Bistümern Regensburg und Passau gibt es seit diesem Studienjahr ein duales Studium. Wir haben in der vorlesungsfreien Zeit jeweils mehrere Wochen, in denen wir in einer Praktikumspfarrei sind, um den späteren Alltag kennenzulernen. Ich empfinde es als sehr bereichernd, bei seelsorglichen Aufgaben schon dabei zu sein, und gerade auch in verschiedenen Situationen zu merken, wie essenziell unser Glaube ist, beispielsweise, wenn wir einen Sterbenden begleiten konnten. Im Seminar besteht die Gefahr, dass einer die Augen vor der Realität verschließt und dass dieser dann die eigentlichen Sorgen und Nöte der Menschen nicht kennt. Ich habe diese Form jetzt sehr zu schätzen gelernt, und denke, dass es ein mögliches Modell auch für andere Bistümer in Deutschland ist.

Im Zug des Synodalen Wegs sind Hoffnungen beflügelt worden, das sakramentale Weiheamt für Frauen zu öffnen. Wie bewerten Sie das?

"Ich glaube, es ist den Frauen und allen
Ehrenamtlichen gegenüber unfair, Hoffnungen
für die Öffnung des Weiheamtes zu erwecken"

Ich glaube, es ist den Frauen und allen Ehrenamtlichen gegenüber unfair, Hoffnungen für die Öffnung des Weiheamtes zu erwecken. Papst Johannes Paul II. hat bereits 1994 in seiner Autorität als Papst entschieden, dass die Kirche nicht die Autorität Vollmacht hat, Frauen zu Priestern zu weihen. Ich finde schade, dass alles Engagement von Frauen und allen Nicht-Priestern in der Kirche auf diese Weise nicht genügend anerkannt wird, weil man meint, nur durch die Priesterweihe die gleiche Anerkennung zu bekommen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die sich in der Verkündigung für Nicht-Priester bieten, wie beispielsweise das Amt der Katecheten.

Wie könnten Pfarreien künftige Priester effizienter unterstützen?

Lesen Sie auch:

Viele sprechen immer von einem Priestermangel, aber ich bin der Meinung, dass wir auch einen Gläubigenmangel haben. Die Pfarreien werden immer größer und die Verwaltung immer komplexer. In vielen Pfarreien in Deutschland ist es mittlerweile so, dass der sogenannte leitende Pfarrer von einem Verwaltungsleiter unterstützt wird, der sich auf diesem Gebiet auch auskennt. Dem Pfarrer wird dabei ein großer Teil der Verwaltungsarbeit abgenommen. Ich fände es gut, wenn dieses Modell weiter Schule machen würde, denn durch kompetente Mitarbeiter wird die Arbeit wesentlich vereinfacht, professioneller erledigt und zielgerichteter gearbeitet. Dies auf der Seite der Verwaltung. Auf der Seite der Seelsorge kommt dann oft dazu, dass viele Gläubige meinen, dass sie einen Priester nicht ansprechen können, weil er ja "so viel Arbeit hat". Darin liegt teilweise etwas Wahres, aber für die Anliegen der Menschen sollten wir immer ein offenes Ohr haben, denn ein Schreibtisch kann warten, ein Mensch irgendwann nicht mehr. Es gibt auch viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Eine Unterstützung wäre es, wenn Menschen die Initiative ergreifen und sich mit anderen Gebetsformen beteiligen, die nicht die Anwesenheit eines Priesters brauchen, aber die Pfarrei durch das Gebet stärken.

Nervt es Sie, dass der priesterliche Zölibat ein Dauerthema ist?

Im Grunde nicht. Der Zölibat ist ein klares Bekenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, und dass diese Welt eben nicht alles ist. Und dass dieses Bekenntnis auf Widerstand stößt, ist klar. Wenn jemand ehelos lebt als Single, ist es kein Problem, wenn jemand aber auf die Ehe um des Himmelreiches willen verzichtet, dann wirkt es provokanter, weil es in sich schon auf eine andere Realität hin verweist. Von daher ist es verständlich, dass es ein Dauerthema ist; ja sogar wünschenswert, dass es so bleibt. Wie katholische Eheleute um viele Themen zur Sexualität ringen müssen, so müssen auch alle zölibatär Lebenden sich mit ihrer Weise zu leben auseinandersetzen und so Zeugnis geben.

Warum wollen Sie Priester werden? Welche Vorbilder haben Sie?

Der Wunsch Priester zu werden, kam schon sehr früh bei mir auf; ich denke so kurz nach der Erstkommunion. Ich bin in einer sehr aktiven Kirchengemeinde aufgewachsen und war Ministrant, Mesner und Organist, und hatte so immer einen sehr engen Bezug zu meiner Heimatpfarrei. Prägend waren für mich mein damaliger Heimatpfarrer, sowie einige Kapläne und andere Priester, die mir ein positives Bild von Kirche und dem Priestersein vermittelt haben, und die mir heute noch gute Freunde sind. Mein Heimatpfarrer hatte eine sehr offene Art, und so nahm er mich auch bei verschiedenen Seelsorgsaufgaben mit. Irgendwann kam dann von meinem Heimatpfarrer auch die Frage, ob das nicht auch etwas für mich sei. Um das auszuprobieren, begann ich mein Theologiestudium, nachdem ich aber zuvor schon eine Ausbildung im handwerklichen Bereich abgeschlossen hatte und einige Zeit als Geselle gearbeitet hatte.

Ich will Priester werden, weil ich glaube, dass Gott mich in seinen Dienst ruft, und durch den priesterlichen Dienst will ich Gott und den Menschen dienen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig

Kirche

Reformen vorantreiben mit Tempo, Druck auf die Amtskirche und zur Not für den Preis einer Spaltung — das war der Tenor der Veranstaltung „Kirche kann bunt. Mit Vielfalt gewinnen. #OutInChurch“.
28.05.2022, 15 Uhr
Dorothea Schmidt
Das Erzbistum Köln hat die Chance, wieder zueinander zu finden. Denn es gibt Gläubige, die sich von Kampagnen nicht beirren lassen. Eindrucksvolles Beispiel: der Wallfahrtsort Neviges.
28.05.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens