Christian Schaller: Seine Werke sind ein Fundus für die wahre Reform der Kirche

Den Gelehrten Joseph Ratzinger zeichnete sein Blick auf das Ganze aus – Ein Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI., Christian Schaller, der das Gesamtwerk des verstorbenen Papstes kennt wie nur wenige.
Privataudienz mit Benedikt XVI.
| Papst Benedikt XVI. hat am 15. Mai 2008 während einer Privataudienz den damaligen Bischof von Regensburg G. L. Müller, den damaligen Direktor R.

Herr Dr. Schaller, im Juni 2020 hat Papst Benedikt das Institut besucht. Was hat Sie beim Besuch persönlich bewegt?

Im Rahmen seines Besuches bei seinem Bruder Georg, den er noch einmal persönlich besuchen wollte, und womit er ein ergreifendes Zeugnis von Menschlichkeit und Fürsorge abgegeben hat, wollte er auch unbedingt das Institut Papst Benedikt besuchen. Es war für mich und meine Mitarbeiter eine große Ehre und eine Bestätigung unserer Arbeit. Besonders beeindruckt haben mich sein ungebrochenes Interesse an allen Fragen der Wissenschaft und die sich darin ausdrückende Forschernatur. Die Begegnung mit der Spezialbibliothek, mit unseren Veröffentlichungen, die sich ja letztlich immer mit seiner Theologie und dem Fortschreiben des Denkens auf der Basis dieses Jahrhundertwerks beschäftigen, hat ihn, glaube ich sehr beeindruckt und gerührt. Diese Erfahrung war mir besonders wertvoll und tiefgehend.

„Bietet die Heilige Schrift nicht vielleicht doch den besseren Zugang
zum Verständnis von Glaube und Kirche als Petitionen oder Beschlüsse?“

Gegenwärtig vermittelt die Kirche in Deutschland den Eindruck, als gehöre die Theologie Joseph Ratzingers auf den Prüfstand, als sei sie ein Hindernis für „zeitgemäße“ Reformen. Wie zukunftstauglich ist das Werk Joseph Ratzingers?

Wer dies behauptet, der kennt vermutlich keine einzige Zeile von Joseph Ratzinger. Der Blick auf sechzig Jahre intensive wissenschaftliche Arbeit, die sich nicht nur sämtlichen Themenfeldern der Theologie gewidmet hat, sondern darüber hinaus auch ausgreifend zu aktuellen Fragen in der Gesellschaft und Politik, zu Kultur und Europa Stellung bezogen hat, wäre ein Fundus für wahre Reform in und der Kirche. Denn diese spiegelt sich nicht in der Masse produzierter Flyer und Papers, sondern in der Hinwendung des Menschen zu Gott. Und dies wäre die Reform, die anzustreben wäre.

Da könnte Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. mit seinen Katechesen, Predigten, Vorträgen und Artikeln durch die Rückbeziehung der Lebenswirklichkeit, des Gottesbezuges und der Handlungsmaximen auf das Wesentliche einen großen positiven Einfluss nehmen. Ist die Gottesfrage eine Frage der Abstimmung? Oder nicht doch vielmehr eine des Antwortens auf die Offenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus? Bietet die Heilige Schrift nicht vielleicht doch den besseren Zugang zum Verständnis von Glaube und Kirche als Petitionen oder Beschlüsse? Bei Ratzinger findet sich dieser Rückbezug auf die Schrift und die Theologie der letzten zweitausend Jahre in einer derart offenen und fruchtbaren Weise, dass man die Reform wirklich von dort her bewältigen könnte.

Sie haben alle Bände ediert. Was hebt den Konzilstheologen Joseph Ratzingers aus dem Kreis der deutschen Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts heraus?

Christian Schaller
Foto: Archiv | Christian Schaller.

Es ist vor allem der Blick auf das Ganze. Es geht nicht ohne Spezialisierung, aber diese muss münden in eine Gesamtsicht der Wirklichkeit. Seine Stärke liegt zum Beispiel darin, quer durch die Jahrhunderte die Linien nachzuzeichnen, an denen eine Frage diskutiert wurde. Sei es die christologische Frage nach dem „Wer ist dieser Jesus von Nazareth“, die in den ersten Konzilien diskutiert und entschieden worden ist, seien es die inneren Zusammenhänge der ganzen Schrift, des Alten wie des Neuen Testaments, die er in den Predigten erläutert, oder die Probleme der Gegenwart, die er mit einer feinen Analyse der unterschiedlichen Fakten zu einer Lösung führen könnte. Sie zeigen einen universalen Gelehrten, der, weil er sich auch mit der Literatur, Architektur, Musik und den Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst beschäftigt hat, seinem Denken die Weite geschenkt hat, mit der er das in den losen Mosaiksteinen zugrundeliegende Gesamtbild offenlegen kann.

Auch das Edle seiner Sprache ist ein Ausdruck der Wertschätzung dem Inhalt gegenüber. Es geht nicht darum, das Ergebnis einer beliebigen Studie vorzulegen, sondern darum, Theologie als Wissenschaft von Gott zu betrachten und zu verstehen. Dass er sich darin der Wahrheit verpflichtet weiß und sich an der Lehre der Kirche orientiert, diese vertieft und für die Verkündigung aufbereitet, ist ein Merkmal, das sich bestätigt weiß in seiner Zurückhaltung, in seiner Bescheidenheit und in seinem Dienst für Kirche und Mensch. Sein Ringen um die Lehre des Konzils ist ein Eintauchen in die Inhalte der Konstitutionen und Dekrete, um sie zu verstehen und umzusetzen. Gerade er, der als Konzilsberater unmittelbar an den Sitzungen beteiligt war und großen Einfluss auf die Entstehung der Dokumente hatte – davon zeugen 1250 Seiten des Bandes 7 der „Joseph Ratzinger Gesammelten Schriften“ –, kann darin ein Vorreiter sein, wie man mit dem Konzil umgeht: orientiert an den Ergebnissen, die sich ja alle problemlos nachlesen lassen.

Glaube ist für ihn die personale Begegnung mit der Gestalt Jesus von Nazareth

Die Rezeption und die kommentierende Begleitung des Konzils durch Joseph Ratzinger sind authentische und erneut heranzuziehende unentbehrliche Bausteine für die gegenwärtige Diskussion. Eines möchte ich noch herausgreifen, was ihn von den Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts besonders herausstellt – es ließe sich noch viel dazu sagen: Seine unbedingte Ausrichtung auf die Gestalt Jesu. Glaube ist für ihn die personale Begegnung mit der Gestalt Jesus von Nazareth. Da kann man nicht nüchtern und ohne das Einbringen der eigenen Existenz Theologie betreiben, ohne den Wunsch der Vermittlung und des Begeisterns Anderer zu hegen. Diesen ganz positiven Eifer finde ich bei Benedikt XVI.: den Menschen die Schönheit und die Wahrheit des Glaubens an Gott zu verkünden.

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Wo sehen Sie Forschungsdesiderate?

Bei einem Lebenswerk von mehreren tausend Seiten und einer Themenvielfalt bleiben immer noch Felder zu bestellen und zu erforschen. Da im November 2020 seine Texte zur philosophischen Gottesfrage, zur Vernunft, zu Kultur und Europa, zu Politik und Recht in der Edition erscheinen, kann ich gleich dazu einladen, sich diesem Segment seines Denkens anzunehmen. Gerade jetzt wären seine Wortmeldungen zu Europa von großer Bedeutung für eine Neuausrichtung nach einer Pandemie hilfreich und wegweisend. Auch Band 5 mit seinen Reflexionen zu Anthropologie und Schöpfungslehre greifen wesentliche Punkte auf, die alle Menschen betreffen. Wenn Europa den Geist der christlichen Brüderlichkeit entdecken würde, die gemeinsamen Wurzeln als ein Pfand für die gelingenden Strukturen eines neuen Miteinanders, das die Würde des Menschen dann deshalb entdeckt und stärkt, weil er Geschöpf Gottes ist, dann treten vielleicht ökonomische und rein politische Faktoren etwas in den Hintergrund, um der eigentlichen Bestimmung des Menschen wieder mehr Raum zu schenken.

Joseph Ratzinger gilt als Theologe, der Menschen aller Bildungsstufen erreichen konnte. Welche Schriften empfehlen Sie Lesern ohne Theologiestudien, die ihren Glauben mit Joseph Ratzinger vertiefen möchten?

Vielen war ein erster Zugang das Lesen der Interviewbücher, die einen Kardinal zeigten, der offen, persönlich, konsequent klar und einprägsam über Gott und die Welt plauderte. Da anzusetzen in einer Welt der Medien und des Dialogs ist sicher ein erster gut gangbarer Weg. Wer sich in seine Predigten vertieft, um den Schriftlesungen eines Sonntags oder eines Feiertages näher zu kommen, wird eine neue Sicht auf den Zusammenhang von Liturgie und Schrift gewinnen und wer auf die Inhalte des Glaubens neues Licht werfen möchte in seinem Leben, der kann mit der Einführung in das Christentum eine lebendige Auslegung des Glaubensbekenntnisses studieren, die ihn persönlich anspricht.

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Lässt sich die Nachfrage nach theologischer Lektüre aus der Feder Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. nach Sprachgruppen spezifizieren?

Ich habe mit vielen Forschern, Doktoranden, Habilitanden aus allen Winkeln der Erde zu tun. In den letzten Jahren konnte ich Gäste etwa aus Italien, Tschechien, Frankreich und den Vereinigten Staaten im Institut begrüßen. Mit einer australischen Theologin, einem brasilianischen und einem spanischen entwickelte ich ein „Ratzinger Dictonary“, das mit kurzen Beiträgen zu einzelnen Begriffen einen hilfreichen Überblick über Ratzingers Theologie geben möchte. Man kann durchaus eine große Nachfrage in der ganzen Welt sehen und der Austausch mit den Kollegen weltweit lässt manches böse und unqualifizierte Wort aus Deutschland vergessen.

Welche Gründe bewegen junge Theologen heute, wissenschaftlich über ihn zu arbeiten?

Er ist eine Persönlichkeit, die unmittelbar anspricht. Und sie spricht von Gott – nicht von innerkirchlichen Querelen, konstruiert keine Strukturen, bastelt nicht an den Sakramenten herum… Wer ihn einmal predigen gehört hat, Liturgie mit ihm gefeiert, ihn referieren hat hören, der war vom ersten Augenblick angezogen und neugierig darauf, was es da noch alles gibt. Und da hat man sozusagen die Tür geöffnet zu einem Schatz, der noch viele Dukaten verbirgt und der Leitlinie ist zu einem tieferen Glauben und Denken. Die Verknüpfung von Glaube und Vernunft scheint mir da ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Anziehungskraft zu sein. Nur „glauben“ bedeutet unter Umständen unhinterfragt „alles“ zu glauben. Nur „denken“ wäre ein nichtpersonaler Zugang zur Realität Gottes. Der Glaube ist nicht unvernünftig, und die Vernunft deckt nicht die komplette Möglichkeit des Menschen ab. Dieses Ineinander-Verwoben-Sein von Glaube und Vernunft entspricht der Begegnung mit Gott, der „das Wort“ ist, und der uns einen Verstand gegeben hat.

In jedem Fall kann man sagen, dass seine Theologie nicht nur das Akademisch-Universitäre bedient, um sich als Wissenschaftler zu präsentieren, sondern aufzeigt, dass Theologie etwas mit meiner Lebens- und Glaubensentscheidung zu tun. Das ist das Faszinierende, dass man mit Ratzinger/Benedikt nicht nur ein Fach studiert, eine Fachliteratur zur Hand nimmt, sondern dass es das Leben, mich selbst, anspricht. Ich glaube, dann hat man auch richtig studiert, richtig wahrgenommen im Glauben und mit der Vernunft


Christian Schaller war seit 2008 als stellvertretender Direktor am Aufbau des Instituts Papst Benedikt XVI beteiligt, dessen operative Arbeit seit 2012 in seinen Händen liegt. Seine Hauptaufgabe ist die Herausgabe der Schriften Joseph Ratzingers/Benedikt XVI. (JRGS). 2013 erhielt er den Ratzinger-Preis. Papst Benedikt ließ es sich bei seinem Kurzbesuch in Regensburg im Juni 2020 nicht nehmen, persönlich ins Institut zu kommen.

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