Bistumsreformen

Bistum Aachen mit acht bis dreizehn Pfarreien

Radikale Reform im Bistum Aachen. Die Gemeindereform des Bistums Aachen sieht neue Leitungsformen vor, in denen Pfarrer ersetzbar werden. Zweifel an der Basis.
Geplanten Reformen des Bistums Aachen sehen Leitungsformen vor
Foto: dpa, KNA | Die geplanten Reformen des Bistums Aachen sehen Leitungsformen vor, in denen der Pfarrer ersetzbar wird.

Der innerkirchliche Reformeifer hat auch das Bistum Aachen erfasst und wird dort künftig zu großen Veränderungen führen. Früher gab es dort einmal 320 Pfarreien, die zwischenzeitlich bereits zu nur noch 71 sogenannten Gemeinschaften der Gemeinden zusammengelegt wurden. Künftig wird es allerdings nur noch acht bis dreizehn wirkliche Pfarreien geben, die auch von einem Pfarrer geleitet werden. Die Struktur darunter sollen 50 Pastorale Räume abbilden. Dort übernehmen Teams die Leitung. Die Mitwirkung eines Pfarrers ist nicht mehr grundsätzlich erforderlich.

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Stärken und Schwächen

"Wir sind gemeinsam unterwegs, Kirche von morgen zu werden." So kündigte der Aachener Bischof Helmut Dieser in seiner Silvesterpredigt 2017 den "synodalen Gesprächs- und Veränderungsprozess" seiner Diözese an. Einer der Gründe dafür war nach seiner Aussage die Feststellung, "dass wir uns angesichts der Daten, die uns vorliegen, kein Bild einer Zukunft des Jahres 2035 machen können". Deshalb müsse sich das Bistum überlegen, in welche Richtung es sein Tun für die Zukunft orientieren wolle. Das vom Bischof erklärte Ziel: "Dass wir die eigentliche Inhaltlichkeit, die wir dieser Welt schulden, nämlich die Verkündigung des Evangeliums, erfüllen können."

In einer ersten Phase von "Heute bei dir"   so heißt der Prozess   sollten die Stärken und Schwächen des aktuellen kirchlichen Lebens beschrieben werden oder dessen Defizite benannt werden. Unter dem Motto "Wir wollen reden", nahm das Bistum dann Wünsche und Ideen in Veranstaltungen, durch empirische Befragungen und die Auswertung von Zuschriften zusammen mit den Analysen von regionalen Teams vor. Arbeitsgruppen definierten einzelne Themenbereiche und entwickelten Kriterien, Leitlinien und Mindeststandards, mit denen zukünftig gearbeitet werden soll. Dabei geht es um vier verschiedene Handlungsfelder, die wie folgt überschrieben sind: "den Glauben leben", "den Menschen dienen", "Jesus überall begegnen" und "die Kirche gestalten".

Eine andere Form 

Bis zum 1. Januar 2024 soll die territoriale Struktur auf Basis umfangreicher Analysen gebildet sein. Ab dem 1. Januar 2024, so der noch zu verabschiedende Plan, wird ein Prozess zur Errichtung von künftig acht bis dreizehn Pfarreien eingeleitet, in denen sich die Pastoralen Räume widerspiegeln. Als spätester Termin für die Umsetzung ist der 1. Januar 2028 vorgesehen.

Bischof Dieser setzt darauf, "dass die Pastoral, die in eine andere Form des gelebten Christentums führen wird, eine andere Figur aufweisen muss". Man setze heute nicht mehr, wie in Zeiten der Volkskirche, auf Zugehörigkeit und Bindung als erste Form, sondern auf Begegnung. Eine solche Begegnung müsse auf Augenhöhe erfolgen und dürfe bei den Menschen nicht das Gefühl hinterlassen, dass die Kirche immer noch bestimmen wolle, was gespielt werde oder sagen wolle, was das Gute ist.

Für Dieser ist die Pastoral der Zukunft daher eine Pastoral der Ermöglichung und der Schritte. "Wir setzen darauf: Die kirchliche Zukunft wird nicht mehr von uns gemacht, sondern von den Menschen, die Gott begegnet sind; wenn sie sich das frei gewählt haben." Der Bischof räumt allerdings auch ein, es werde in der Fläche der kirchlichen Arbeit "weiße Flecken geben, aber viele Orte von Kirche, die vernetzt sind".

Schwindende Bezüge 

Eine Kirche also, die nichts mehr vorgibt, die nicht mehr sagt, was nach ihrem Wertekanon gut ist und was eben nicht, ist das die Kirche der Zukunft? Sabine Krieger aus Langerwehe engagiert sich in der Gemeindearbeit vor Ort und ist Vorsitzende des sogenannten GdG-Rates. "Das ist die Abkürzung für ,Gemeinschaft der Gemeinden  und dort ein gewähltes Gremium, das für die einzelnen Gemeinden in der GdG gerade in Bezug auf die übergreifende pastorale Arbeit wichtig ist, auch im Hinblick darauf, da sich nicht mehr genügend Menschen finden, die sich über einen langen Zeitraum binden und in Pfarreiräten einzelner Gemeinden tätig sein wollen", erklärt Krieger.

Sie empfindet bereits jetzt die schwindenden räumlichen Bezüge der Menschen zu ihrer Gemeinde als großes Problem: "Schon heute sind wir ein heterogenes Gebilde, das aus verschiedenen, früher selbstständigen Pfarreien zusammengestrickt wurde. Da geht das Gefühl von Kirche als Heimat bei den Menschen verloren. Sie brauchen nämlich gerade die lokalen Bezüge." Wenn es heute heiße, dass zum Beispiel die Feier der Erstkommunion nicht mehr in der Gemeindekirche vor Ort stattfinde, sondern in einer anderen Kirche in der Struktur, stoße das schon jetzt auf Unverständnis. Wie soll das erst werden, wenn die Strukturen noch größer und noch unübersichtlicher werden.

Entfernung zum Kirchort

Sabine Krieger kann sich nicht vorstellen, dass viele Menschen bereit sein werden viele Kilometer zu fahren, um einen Kirchort aufzusuchen, der ihnen ohnehin nicht vertraut ist und bei dem sie keine persönlichen Bezüge zu den Menschen in der Pfarrei haben. "Was aus den Orten herausgeholt wird, kommt auch nicht mehr dorthin zurück, weil die Menschen sagen: Das ist nicht mehr Meins", ergänzt die engagierte Katholikin. Die Identifikation mit dem, was früher Gemeinde gewesen sei, gehe völlig verloren.

In der zunehmenden Anpassung an den Zeitgeist erkennt Krieger ein weiteres Problem. Sie sieht Kirche nicht in einem deutschen oder westeuropäischen Kontext, aus dem man sich dann länderweise die Rosinen herauspicke und jeder das nehme, was ihm gefalle. "Wir sind schließlich Weltkirche und da ist das, was wir in Deutschland vielleicht gerne hätten, möglicherweise nicht angesagt."

Die zunehmende Verweltlichung der Kirche sieht sie kritisch, weil das eigentliche Gerüst des Glaubens dabei in den Hintergrund trete. Zwar gebe es an der Basis immer mal wieder Proteste gegen die geplanten Neuerungen. Sabine Krieger vermutet aber, dass diese kein richtiges Gehör mehr finden, weil ohnehin schon alles geplant in den Schubladen liege. Sie stellt auch fest, dass sich bei den Ehrenamtlichen zunehmend Resignation breit mache. Kritik werde oftmals als altbacken oder rückwärtsgewandt abgetan. Das diene allerdings nicht einer guten Diskussionskultur.

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Priester vor Ort 

Auch für viele Priester ist es schwer, sich vorzustellen, wie eine Kirche aus pastoralen Räumen heraus zu organisieren sein wird. "Es geht dabei viel an Nähe verloren, die für die Seelsorge von so wichtiger Bedeutung ist", beschreibt Pfarrer Heinz Portz aus Langerwehe. Als Landpfarrer in einem Gemeindeverbund mit 15 000 Gläubigen ist er schon jetzt mit weiten Wegen vertraut. Für ihn gehört es aber eigentlich zum Kern der Seelsorge, als Priester vor Ort präsent und ansprechbar zu sein. "Das wird in den immer größer werden Strukturen zunehmend schwieriger", stellt Portz fest.

Auch die Gestaltung der Leitung der neuen Seelsorgeeinheiten durch multiprofessionelle Teams sieht der Pfarrer als problematisch an. "Wenn der nach Kirchenrecht erforderliche leitende Pfarrer dann an einer Stelle sitzt, an der früher ein Regionaldekan saß, wird er kaum wirkliche Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort wahrnehmen können", befürchtet er. Portz sieht bei vielen Menschen, ob Hauptberuflichen oder Laien, durchaus große Bedenken mit einer neuen Struktur von nur noch acht bis zehn Großpfarreien und einer noch unklaren Vision von Pastoralen Räumen, die in ihnen organisiert sind. Wichtiger als jede Strukturdebatte sind für ihn, um eine Reform der Kirche zu gestalten, engagierte und motivierte Priester und Laien, die die Botschaft Christi glaubwürdig verkünden.

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