Deutschland

Bismarcks Kampf gegen ein zweites Canossa

Am 4. Juli 1872 erreichte mit dem Jesuitengesetz der Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche seinen Höhepunkt. Der Konflikt war jedoch viel älter.
Kladderadatsch
Foto: Wiki | „Zwischen Berlin und Rom“ – Karikaturistische Darstellung des Kulturkampfs als Schachspiel zwischen Bismarck und Papst Pius IX.

Kulturkämpfe zwischen Papst und Kaiser gab es seit der Einführung der Monarchie, die ebenso wie das Papsttum auf Gottesgnadentum basierte. In Canossa 1076/77 hatte noch der Papst über den Kaiser gesiegt. Der letzte derartige Kulturkampf hatte mit der französischen Revolution in Frankreich 1789 begonnen, zwischen 1850 und 1880 dehnte er sich als gesamteuropäischer Vorgang auf ganz Mitteleuropa aus, um dann 1909 wiederum in Frankreich, mit der Trennung von Kirche und Staat, sein Ende zu finden.

Lesen Sie auch:

Laien erstarken

Die Kirche konnte nach 1789 ihren Niedergang erstaunlich schnell wieder stoppen, als gerade Frankreich zum Zentrum eines Neuaufbruchs der Kirche wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts gewann auch, von Frankreich kommend, der Reformgeist in der katholischen Kirche in Deutschland immer mehr Kraft. Überall entstanden erstmals neue Vereine und katholische Fakultäten, aber auch neue Ordensgemeinschaften, alte Wallfahrten und Klöster wurden wiederbelebt. Träger dieser großen Geistesbewegung waren vor allem der katholische Reichsadel und Konvertiten, wie die Gebrüder Libermann im Elsass und Lehmann in Lyon  aus dem Judentum, und Graf F. L. Stolberg und Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen aus dem Protestantismus.
Die neue Kraft der katholischen Kirche verwirrte vor allem die seit 1815 neuen preußischen Herren im überwiegend katholischen Rheinland, wo sich mit der rheinischen Romantik sogar eine gesamtgesellschaftliche Strömung mit dem kirchlichen Aufbruch verband. Äußerliches Zeichen dieses Aufbruches war der Dom zu Köln, der nach Jahrhunderten des Stillstands Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ende gebaut wurde.

Auch politisch begannen sich seit 1848 mit dem ersten Katholikentag in Mainz die katholischen Laien zu organisieren, vor allem in der sozialen Frage. Vorreiter waren Bischof von Kettler in Mainz und Adolf Kolping in Köln. Die katholische Restauration in vielen Ländern hatte auch den Papst gestärkt. Papst Pius IX. krönte das längste Pontifikat der Papstgeschichte 1870 mit dem ersten Konzil seit 300 Jahren. Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes war das Ergebnis des Ersten Vatikanischen Konzils, seine Verkündigung fiel mit dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges zusammen. Die deutschen und österreichischen Bischöfe hatten das Dogma zwar abgelehnt und Rom verlassen, aber sie setzten es danach in ihren Diözesen um. Professoren, die sich nicht daran hielten, wie Bollmann in Braunsberg oder Dollinger in München wurden exkommuniziert. Eine „altkatholische“ Kirche, die von den Liberalen unterstützt wurde, strebte eine von Rom losgelöste Nationalkirche an.

„Wahne“ in Bismarcks Kopf

Am 19. November 1871 brachte der bayerische Kultusminister Johann von Lutz im Bundesrat ein Gesetz zum Missbrauch der Kanzel ein. Der „Kanzelparagraph“ für Geistliche bei staatsfeindlichen Äußerungen, sah Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren vor, viele Priester und zwei Bischöfe wurden verhaftet. Das war der Beginn des Kulturkampfes. Drei Tage vorher hatte Bischof von Ketteler in einer längeren Unterredung mit Reichskanzler Bismarck versucht zu vermitteln, erfolglos. Ketteler hatte von einem „Wahne“ in Bismarcks Kopf gesprochen. Mit Wahne meinte Ketteler, dass Bismarck in den Ultramontanen die gefährlichsten Feinde Preußens und seiner deutschen Sendung sah.

Die nationalistische Euphorie im Zuge der Reichsgründung hatte auch ein politisches Klima geschaffen, das Minderheiten aller Art gleichermaßen benachteiligte. In diese Stimmung hinein fiel im Winter 1870/71 die Gründung der katholischen Zentrumspartei, mit ihrem Vorsitzendem Windhorst, der sich selbst als Welfe bezeichnete.

Bismarck sah in der Bildung einer „klerikalen“ Partei eine „Mobilmachung gegen den Staat“; ein Sammelbecken aller „Reichsfeinde“. Unterstützt wurde er dabei von den liberalen Parteien. Dazu kam seine Furcht vor einem außenpolitischen Bündnis zwischen Österreich und Frankreich gegen das protestantische Deutsche Reich und ein Anwachsen des polnischen Nationalismus in den Ostgebieten des Reiches.

Protest des Kirchenvolkes

Ein wahrer Gesetzesfeldzug überzog ab Sommer 1871 das Reich und Preußen, organisiert durch den nationalliberalen preußischen Kultusminister Adalbert Falck. Im März 1872 wurde durch das Schulaufsichtsgesetz den Kirchen die Schulaufsicht entzogen und staatlichen Schulinspektoren übertragen. Als im Mai 1872 Bismarck vor dem Reichstag erklärte: „Nach Canossa gehen wir nicht“, eskalierte der Kulturkampf. Damit war klar, dass Bismarck eine Unterordnung der Kirche unter den Staat anstrebte. Am 4. Juli 1872 folgte das Jesuitengesetz, das die Gesellschaft Jesu und „die ihr verwandten Orden und ordensähnlichen Kongregationen“ aus dem Reichsgebiet verwies. Das Jesuitengesetz überdauerte fast die Monarchie, denn es wurde als letzte Gesetz aus dem Kulturkampf erst 1917 wieder aufgehoben.

Im Jahre 1873 folgten die Maigesetze, die die Priesterausbildung unter die Kontrolle des Staates stellte. Mit dem Attentat gegen Bismarck im Juli 1874 durch einen „ultramontanen“ katholischen Gesellen in Bad Kissingen erreichte der Kulturkampf seinen Zenit. Jetzt regte sich der Protest des katholischen Kirchenvolkes immer mehr, aber auch Protestanten und Liberale kritisierten den Kulturkampf. Auch Teile der katholischen Arbeiterschaft legten aus Protest gegen die Kulturkampfmaßnahmen zeitweise ihre Arbeit nieder. Das katholische Presse- und Vereinswesen und die Zentrumspartei, weniger Rom, bildeten das Rückgrat des Widerstandes. Aber auch der Papst erklärte 1875 die gesamte preußische Kirchengesetzgebung für ungültig.

Aus Kampf wird Bündnis

Nach 1875 sah Bismarck nicht mehr im Zentrum, sondern in der wachsenden Sozialdemokratie die größten „Reichsfeinde“. Jetzt nahm der Reichskanzler mit dem Vatikan erste Kontakte zur Beendigung des Kulturkampfes auf. Der neue „Sozial-Papst“ Leo XIII. war seit 1878 auf Ausgleich bedacht. Das Bündnis mit dem katholischen Österreich half dabei. Der Papst half Bismarck, indem er Zivilehe und die staatliche Schulaufsicht billigte, erhobenen Hauptes aus dem Kampf herauszukommen. 1882 erfolgte die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Rom.

1885 übertrug Bismarck dem Papst die diplomatisch wichtige Aufgabe, im Konflikt um die Karolinen Inseln, die Deutschland und Spanien als Kolonialgebiet erlangen wollten, zu vermitteln. Damit hatte gerade Bismarck den durch den Verlust des Kirchenstaates geschwächten Papst international entscheidend gestärkt und aufgewertet. Auch beim Araberaufstand in Deutsch Ostafrika brauchte Bismarck 1888 ein letztes Mal den Segen der Kirche und die von Kardinal Lavigerie gegründete katholische Antisklavereibewegung, um seine Politik der Sklavenbefreiung als Grund der Kolonisierung Ostafrikas durchzusetzen.

Aus dem Kampf zwischen Kirche und Staat war am Ende ein neues Bündnis geworden. Teile dieses Bündnisses bestehen bis heute, zum Wohle der Gesellschaft.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Franziska Gresik trat zur katholischen Kirche über und lebt als Schwester Maria Veronika bei den Auerbacher Schulschwestern ganz für Jesus.
01.08.2022, 13  Uhr
Matthias Chrobok
Themen & Autoren
Bodo Bost Deutscher Bundesrat Jesus Christus Kardinäle Konvertiten Otto von Bismarck Pius IX. Päpste

Kirche

Karl-Heinz Menke analysiert den „Orientierungstext“ des Synodalen Wegs. Dieser sei „durchzogen von nicht nur tendenziösen sondern auch falschen Behauptungen“.
26.09.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Wie ich beim Sommerfest der KISI — God? singing Kids – im österreichischen Altmünster Christus begegnete
26.09.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt