Deutsche Bischofskonferenz

Bischöfe geben nach

Die Grundordnung des kirchlichen Dienstes gleicht sich der Welt an.
Symbolbild: Justizzentrum in Magdeburg
Foto: IMAGO/Sascha Steinach (www.imago-images.de) | Wie sich die weltliche Rechtsprechung ändert, so nun auch die Kirche in Deutschland.

Die Vollversammlung des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) hat am Dienstag die neue Grundordnung des kirchlichen Dienstes mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen. In der Pressemitteilung der deutschen Bischöfe ist ausdrücklich von einer „Empfehlung“ die Rede. Die Umsetzung des Beschlusses in das diözesane Recht ist den einzelnen Bistümern anheim gestellt.

Die Empfehlung folgt den Forderungen des Synodalen Wegs. Die einschneidendsten Änderungen betreffen die Loyalitätsverpflichtungen kirchlicher Mitarbeiter, deren persönliche Lebensführung künftig als reine Privatsache betrachtet wird. Als Arbeitgeber will die Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren und wiederverheirateten Geschiedenen gegenüber künftig neutral auftreten. Die katholische Identität soll durch Leitbilder, eine christliche Organisationskultur und durch die Vermittlung christlicher Werte sichergestellt werden und nicht durch die private Lebensführung der Mitarbeiter.

Ende des „personenbezogenen Ansatzes“

Als Einstellungshindernis beziehungsweise Kündigungsgrund bleiben der Kirchenaustritt und kirchenfeindliche Betätigungen bestehen. Allerdings gesteht die neue Grundordnung auch im Fall von Kirchenaustritten Ausnahmen zu. Die Religionszugehörigkeit spielt nur bei pastoralen und katechetischen Diensten als Einstellungskriterium eine Rolle.

Die Bischofskonferenz verweist auf den institutionenorientierte Ansatz als eigentliches Novum: „Beim bisherigen überwiegend personenbezogenen Ansatz stand der einzelne Mitarbeitende und dessen persönliche Lebensführung im Fokus. Nach dem institutionenorientierten Ansatz tragen der Dienstgeber und seine Führungskräfte zuerst Verantwortung für den Schutz und die Stärkung des kirchlichen Charakters der Einrichtung.“

„Outinchurch“ als treibende Kraft

Die Neufassung löst die Grundordnung aus dem Jahr 2015 ab und gilt für gut 800.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der katholischen Kirche und ihrer Caritas. Dazu gehören neben Arbeitnehmern Kirchenbeamte, Kleriker und Kandidaten für das Weiheamt, Ordensangehörige, Personen im Noviziat und Postulat, Führungskräfte, die aufgrund eines so genannten Organdienstverhältnisses tätig sind – zum Beispiel Geschäftsführende oder Vorstände –, Auszubildende und ehrenamtlich Tätige, die Organmitglieder sind, wobei besondere kirchliche Anforderungen an Kleriker und Ordensleute weiterhin gelten.  Bereits am Dienstag signalisierten die Erzbistümer Berlin, Köln, Paderborn und Hamburg sowie die Diözesen Münster und Essen die Bereitschaft, die Neufassung umzusetzen. Der Münsteraner Bischof Genn ließ durchblicken, dass sich in der Praxis in seinem Bistum nichts Grundstürzendes durch die neue Grundordnung ändere, da die Loyalitätsverpflichtungen der Vorgängerregelung ohnehin nicht umfassend eingefordert worden seien: „Die Kirche müsse ein angstfreier Raum sein, auch und gerade für die Mitarbeitenden“ erklärte Genn den Angaben seiner Pressestelle zufolge. Im Bistum Münster gebe es weitgehend schon länger keine arbeitsrechtlichen Sanktionen aufgrund der persönlichen Lebensführung mehr.

Ähnlich äußerte sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer am Dienstag, der auch die Initiative „Outinchurch“ als treibende Kraft des Beschlusses sieht. In einer Pressemitteilung des Bistums heißt es: „Dass diese Veränderung nun möglich geworden ist, hat nicht zuletzt die Initiative ,Outinchurch‘ vorangetrieben, aber auch viele andere Reformkräfte in unserer Kirche.“ Pfeffer selbst verweist auf einen „klärenden Brief von Bischof Franz-Josef Overbeck und ihm vom Februar. Darin sei allen Beschäftigten des Bistums mitgeteilt worden, „dass sich niemand mehr angesichts seines Beziehungslebens Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muss“. Positiv bewertet Pfeffer, dass Kirchenaustritte keine automatische Kündigung mehr nach sich ziehen, da „sich viele Katholikinnen und Katholiken mit ihrem Kirchenaustritt keineswegs von ihrem Glauben verabschieden, sondern vor allem ihre Unzufriedenheit und Verzweiflung mit dem Zustand der offiziellen Kirche zum Ausdruck bringen“.

Lesen Sie auch:

Oster: „keine andere Möglichkeit“

Der Passauer Oberhirte Stefan Oster SDB erklärte gegenüber dieser Zeitung, er rechne nicht damit, dass die kirchliche Landkarte in Deutschland – arbeitsrechtlich betrachtet – nun ein Flickenteppich werde: Die allgemeine Rechtslage in Deutschland und Europa, der Druck seitens der Politik und eine eventuell erwartbare Rechtsprechung von Arbeitsgerichten wird nach seiner Einschätzung alle Bistümer in Deutschland dazu bringen, die neue Grundordnung umzusetzen.

Er selbst „sehe keine andere Möglichkeit“, als die Neufassung des kirchlichen Arbeitsrechts einzuführen und glaube grundsätzlich auch, dass eine Neufassung des Arbeitsrechtes nötig gewesen sei. Wörtlich sagte der Passauer Bischof: „Einerseits empfinde ich an der neuen Grundordnung den institutionenorientierten Ansatz als positiv. So wird die Leitung einer kirchlichen Einrichtung stärker in die Verantwortung genommen, für das kirchliche Profil zu sorgen. Das gibt auch Möglichkeiten der Differenzierung im Blick auf die Unterschiede der Einrichtungen und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Andererseits hätte ich mir grundsätzlich eine noch größere Differenzierung für die Anforderung an private Lebensverhältnisse gewünscht, insbesondere in Bezug auf alle pastoralen Berufe. Viele Fachleute haben aber betont, dass so eine Differenzierung unter den gegebenen Bedingungen kaum mehr möglich sei. Und das hat die erforderliche Mehrheit der Bischöfe davon überzeugt, jetzt diese neue Grundordnung zu beschließen.“

Die beschlossene Änderung werde nach kirchenrechtlicher Prüfung baldmöglichst auch im Bistum Passau umgesetzt werden. Oster zufolge werden viele Mitarbeiter das auch mit großer Zustimmung und Erleichterung aufnehmen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig Bistum Münster Bistum Passau Caritas Erzdiozösen Franz-Josef Overbeck Kirchenrecht Stefan Oster

Weitere Artikel

Die LGBT-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der Katholischen Kirche“ wird mit der Auszeichnung der Deutschen Bischofskonferenz geehrt. 
16.08.2022, 17 Uhr
Meldung
Trotz der Ablehnung des Grundtextes zur „Neubewertung der Sexualität“ soll dieser „in die Weltkirche transportiert werden“. Doch es gibt Gegenstimmen.
09.09.2022, 11 Uhr
Meldung
Erleichtert, nachdenklich oder dankbar: Deutsche Bischöfe schauen auf den Besuch in Rom zurück und stellen fest: Man muss die Gespräche noch einmal reflektieren.
22.11.2022, 17 Uhr
Meldung

Kirche

Der Vorschlag, die Kirche solle "das Erbsündensyndrom" überwinden, ist ein alter Hut. Die modernen Irrlehrer haben sich vom überlieferten Glauben an den Erlöser verabschiedet. Ein Kommentar.
08.12.2022, 09 Uhr
Regina Einig
Das Hochfest Maria Immaculata am 8. Dezember offenbart das Wesentliche über den Lebensbeginn der Gottesmutter.
08.12.2022, 07 Uhr
Josef Kreiml