Griechisch- katholisch

Beten und Bangen für den Frieden in der Ukraine

Friedensgebet mit Heiner Koch. Die griechisch-katholische Gemeinde der Ukrainer in Berlin sorgt sich um den Frieden. Gemeinsames Gebet der Christen.
Friedensgebet
Foto: Gierens | In der Not rücken die Christen zusammen: Der Berliner Erzbischof Heiner Koch betete am Sonntag mit den ukrainischen Gläubigen in der Hauptstadt um Frieden.

Weit im Osten Berlins, im Stadtteil Johannisthal, reihen sich abseits der Hauptstraße ganze Häuserzeilen von meist frisch restaurierten Altbauten aneinander. Zwischen großen Mehrfamilienhäusern mit Balkonen, meist um die Jahrhundertwende erbaut, fällt ein eingeschossiger, grauer Flachbau ins Auge, der an eine alte Villa angebaut ist.

Das große Kreuz an der Fassade lässt erkennen: Dieser 1974 zu DDR-Zeiten entstandene Anbau ist eine Kirche. In dem Gotteshaus, das dem heiligen Evangelisten Johannes geweiht ist, feiern an diesem Sonntagmorgen die Mitglieder der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde St. Nikolaus ihren Gottesdienst. Und in diesen Zeiten, in denen ihr Heimatland von einer möglichen russischen Invasion bedroht ist, dauert die Liturgie immer ein wenig länger: Denn an jeden Gottesdienst schließt sich ein Gebet um Frieden in der Heimat an.

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Gut gefüllt

Auch an diesem Sonntag ist die Kirche gut gefüllt. Aufgrund der Corona-Regeln muss jede zweite Bank frei bleiben, viele Gemeindemitglieder stehen in den hinteren Reihen, folgen andächtig der byzantinischen Liturgie dieser mit Rom unierten Kirche. Auffallend viele junge Menschen sind hier versammelt, viele von ihnen sind zur Ausbildung oder zum Studium nach Berlin gekommen. Manche reisen sonntags sogar aus Frankfurt (Oder), Cottbus oder Potsdam an, um die Liturgie mitfeiern zu können. Sie besteht zu einem großen Teil aus langen Wechselgesängen zwischen Pfarrer Sergiy Dankiv und einem Chor aus drei Frauen.

Die Gemeindemitglieder haben zumeist keine aktive Rolle in der Liturgie, hin und wieder bekreuzigen sie sich mit der Handbewegung zum Herzen hin oder knien nieder. Erst zur Kommunion, die mit einem Löffel gereicht wird, treten sie nach vorne. Die Predigt folgt zum Ende der Liturgie, an die sich das Friedensgebet und anschließend die Möglichkeit zur Beichte anschließt – die hier auch rege genutzt wird, der Pfarrer ist noch lange nach dem Gottesdienst beschäftigt.

Angst vor dem Krieg

Daras (32), der seit sieben Jahren in Deutschland lebt und hier Informatik studiert hat, beteiligt sich an diesem Sonntag als Messdiener. Vor Corona, so erzählt er im Gespräch mit der „Tagespost“, seien deutlich mehr Menschen zum Gottesdienst gekommen, fast zwei- bis dreimal so viele. Gut 40 Personen gehören zum Stamm der Gemeinde, manche seien nur wenige Wochen oder Monate in Deutschland. Die Fluktuation ist groß – und bei manchen auch die Sorge vor einer Covid-Infektion. Jetzt kommt bei vielen noch die Angst vor einem Krieg mit Russland hinzu.

Daras' Schwester und ihr Mann leben ebenfalls in Berlin, doch die Eltern seines Schwagers, so erzählt der junge Mann, sind im Osten der Ukraine zu Hause – dort, wo die russische Grenze nicht mehr weit ist. „Sie sind sehr besorgt und ängstlich“, erzählt er im Gespräch. Derzeit seien sie zu Besuch in Berlin, sie hätten Angst vor einem russischen Einmarsch. Daras' Eltern hingegen wohnen im Westen des Landes, dort sieht man die Lage offenbar noch etwas entspannter.

Auch Daras verfolgt die Medienberichte über einen russischen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze – doch er glaubt nicht, dass ein Krieg so anfangen werde, wie es in den Medien dargestellt wird. „Putin veranstaltet eher ein Vorspiel, er wirkt wie ein Trickser“, ist der junge Mann überzeugt. Wenn es zum Krieg komme, passiere etwas ganz Anderes oder viel Schlimmeres, als man jetzt erwarte. Doch er betont auch: Im Falle eines russischen Angriffs werde man zwar für den Frieden beten, sich aber ebenso auch verteidigen. „Unsere Leute werden sich nicht einfach ergeben“, macht er im Gespräch deutlich.

Kraft des Gebetes 

An die Kraft des Gebets glaubt auch die 21-jährige Diana. Vor über zwei Jahren kam sie nach Deutschland, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und wartet jetzt auf einen Medizin-Studienplatz. Inzwischen ist auch ihre Schwester Zoriana nachgekommen. „Wir versuchen immer zu beten“, erzählt sie im Gespräch in der Berliner Gemeinde. „Ich selber kann ja nichts machen, nur beten.“ Ihre Familie, insbesondere ihre Eltern, leben weiterhin in der Ukraine, weit im Westen des Landes in Ivano-Frankivsk. „Sie sind sehr ruhig und sagen, alles werde gut – vielleicht auch ein bisschen aus Angst“, erzählt Diana.

Auch hier in der Gemeinde herrsche weitgehend Ruhe – vielleicht, so meint die junge Frau, würden manche aber auch ihre Gefühle unterdrücken. Denn in der Hauptstadt leben viele Russen, auch Diana hat bei ihrer Arbeit viele kennengelernt – und dabei einige negative Erfahrungen gemacht, wie sie berichtet. „Viele sind nicht so freundlich. Ich finde es nicht gut, wie sich manche Menschen verhalten“, berichtet sie von ihren Eindrücken.

Druck in sozialen Medien 

Auch in sozialen Medien wie Instagram oder TikTok sieht sie sich manchmal von russischen Usern unter Druck gesetzt. „Ich fühle mich hier etwas klein“, schildert sie ihre Erfahrungen. „Manche Russen sehen sich als höherstehend“, wirft Daras ein. Doch er habe auch welche kennengelernt, die gegen Putins Aktivitäten seien, schränkt er zugleich ein. Besser sieht es da schon im Verhältnis zu Deutschland aus. „Wir bedanken uns bei den Deutschen, sie haben schon viel gemacht, um politischen Druck auszuüben“, ist Daras überzeugt. Doch Alexander Dankiv (19), Sohn des Pfarrers der ukrainischen Gemeinde, gibt auch zu bedenken: „Es könnte noch mehr Solidarität sein, auch wegen der Ostsee-Pipeline.“

Doch eines wird im Gespräch mit den Ukrainern auch klar: So sehr derzeit in der Berliner Gemeinde wie auch bei den meisten Verwandten in der Heimat eine angespannte Ruhe herrscht, sollte diese nicht mit Gleichgültigkeit oder Desinteresse verwechselt werden. „Seit dem Konflikt im Donbas sieht man, was für ein starkes Volk die Ukraine ist“, macht Alexander Dankiv deutlich. Seit 2014 liefern sich prorussische Separatisten in der Region im Osten des Landes Gefechte mit der ukrainischen Armee.

Für die Unabhängigkeit

Die Menschen würden ihr Land nicht verlassen, ergänzt Diana – sie seien bereit, für die Souveränität der Ukraine zu kämpfen. Das bestätigt auch Yurii Vodoslavskyi. Erst seit knapp drei Monaten lebt der Arzt in Frankfurt (Oder), praktiziert derzeit auf der polnischen Seite als Kardiologe. Seine Tochter lebt weiterhin in der Ukraine. Panisch oder gar hysterisch zu sein, bringe gar nichts, sage seine Tochter immer wieder. „Die Verwandten haben keine Angst“, betont er im Gespräch. Er spricht noch kaum Deutsch, Alexander Dankiv muss übersetzen. Die Menschen, so meint er, müssten in Ruhe ihre Pflichten erfüllen. Doch an ihrer Entschlossenheit lässt er keinen Zweifel: „Alle Vorfahren haben für die Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft. Sie wissen, was das bedeutet.“


Bischof Bohdan Dzyurakh im Interview mit der Tagespost:

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