Interview

Bekehrter Zeuge

Charles de Foucauld war ein lebendiger Zeuge der Gegenwart Gottes und seiner Liebe. Er war nicht nur für viele Christen ein Vorbild, sondern auch für Muslime. Am Sonntag wird er heiliggesprochen.
Einsiedler Charles de Foucauld am 13. November 2005  selig gesprochen
Foto: N.N. | Seligsprechung Mit einem Festgottesdienst im Petersdom ist der französische Einsiedler Charles de Foucauld am 13. November 2005 selig gesprochen worden. Im Auftrag von Papst Benedikt XVI. erhob Kurienkardinal Jose ...

Charles de Foucauld wird am Sonntag heiliggesprochen. Pater Bernard Ardura Opraem, Postulatur im Heiligsprechungsprozess, erklärt, warum dieser außergewöhnliche Mann ein Vorbild für gewöhnliche Christen ist.

Pater Ardura, was macht Charles de Foucauld zu einem Heiligen für unsere Zeit?

Charles de Foucauld ist nicht nur ein Bekehrter, sondern ein Rückkehrer. Er wurde als Kind getauft, kam aber als Jugendlicher vom Glauben ab, da dieser für ihn nur aus oberflächlichen Ritualen bestand. Er hat also erlebt, was viele unserer Zeitgenossen erleben: eine Phase der Entfremdung von ihrem Kinderglauben. Im Augenblick seiner Bekehrung versteht er, dass Gott Barmherzigkeit ist. Er entdeckt einen Gott, der ihm Vergebung schenkt und ihn mit sich versöhnt. Später sagt er von sich selbst: „Als ich die Gegenwart Gottes erkannte, wusste ich, dass mein ganzes Leben ihm gehören muss.“ Er geht den Weg, zu dem eigentlich alle Christen berufen sind: Jesus nachfolgen, sein Jünger sein, ihn nachahmen.

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Nach seiner Bekehrung wollte er Christus konsequent, ja radikal folgen und wurde Trappist. Später entscheidet er sich, zu den Tuareg zu gehen, die für ihn die Ärmsten und Verachtesten der Armen, die Verlassensten der Verlassenen sind. In diesen Menschen, die sich so sehr von ihm unterscheiden, die Muslime sind und eine andere Kultur haben, findet er Christus.

Und doch könnte man sein Leben für einen Misserfolg halten – zu seinen Lebzeiten hatte er keine Nachahmer.

Trotzdem dachte man schon zehn Jahre nach seinem Tod daran, seine Heiligsprechung auf den Weg zu bringen. Charles de Foucauld hat vielleicht nichts Außergewöhnliches vollbracht, aber er hat die christlichen Tugenden in einem heroischen Rahmen und auf heroische Weise gelebt.
Er hat ein Regelwerk für eine Gemeinschaft geschrieben, die er jedoch zu Lebzeiten nie gründete. Wenn ich heute aber nach Indien reise, finde ich dort die Kleinen Schwestern Jesu, in Brasilien oder auf den Philippinen die Kleinen Brüder Jesu. Sie gehören zu der großen geistlichen Familie des Charles de Foucauld, die heute aus über 20 Kongregationen und Gemeinschaften besteht.

Was können wir von Charles de Foucauld über die Evangelisierung lernen?

Von sich selbst sagte er, er sei nicht zum Predigen geschaffen. Trotzdem bezeichnete er sich als Missionar. Er war ein lebendiger Zeuge der Gegenwart Gottes und seiner Liebe. Sogar die Muslime sahen ihn als heiligen Mann an. Sie pflegten ihn sogar gesund, als er einmal aufgrund einer Krankheit am Rande des Todes stand. Charles de Foucauld erinnert uns daran, dass jeder Christ, wo und wann auch immer auf dieser Welt, Träger einer Botschaft ist, des Evangeliums. Auch wenn nicht jeder Christ zum Predigen berufen ist. Charles de Foucauld war allein durch seine Gegenwart ein Überbringer dieser 2000 Jahre alten Botschaft der Liebe, Vergebung, Versöhnung und Barmherzigkeit.

Besonders war bei ihm auch die Verbindung von Mission und Eucharistie.

Sein ganzes Leben wurde gespeist von den „zwei Tischen“ der Kirche, dem Evangelium und der Eucharistie. Er verbrachte Stunden in der Anbetung, die für ihn der Ausdruck seiner Liebe war. Dort hat er erkannt, dass Gott ihn zuerst geliebt hat, um von ihm wiedergeliebt zu werden. Dadurch lernen wir noch etwas anderes. Papst Benedikt XVI. hat es so ausgedrückt: „Der Glaube verbreitet sich nicht durch Überredung, sondern durch seine Anziehung.“ Die Eucharistie hat sein ganzes Leben verwandelt, sodass er nicht so sehr intellektuell überzeugt hat, sondern einen Glauben lebte, der durch seine Schönheit anzog.

Was ist das Besondere an dem Wunder, das den Weg zur Heiligsprechung Charles de Foucaulds geöffnet hat?

Als ich die ersten Informationen zu dem Wunder erhielt, sagte ich mir gleich: typisch Charles de Foucauld! Er hat sich dafür einen jungen Mann ausgesucht, der, wie viele junge Menschen heute, zwar noch gläubige Großeltern hat, selbst aber nicht einmal mehr getauft ist. Das Wunder ist auch kein typisches Heilungswunder, sondern das, was die Italiener „scampato pericolo“ nennen: der Gefahr entronnen. Am Vorabend des 100. Todestages von Charles de Foucauld ist ein junger Schreiner in der französischen Stadt Saumur bei der Arbeit am Dach einer Kapelle aus 15,5 Metern Höhe auf eine Holzbank gestürzt. Die Bank zerbarst unter dem Aufprall mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h, ein Holzpfosten drang in die Seite des jungen Mannes ein.

Sein Kollege sah ihn sofort nach dem Aufprall wieder aufstehen. Im Krankenhaus wurde der Holzpfosten entfernt, der keine Organe verletzt hatte. Es gab weder Knochenbrüche, noch Blutungen, noch physiologische oder psychologische Folgeschäden. Nach acht Tagen konnte der junge Mann das Krankenhaus wieder verlassen.

Im Verlauf des Heiligsprechungsprozesses musste ich alle ärztlichen Dokumente und Beweise dafür, dass zu Charles de Foucauld um die Rettung des Mannes gebetet wurde, der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorlegen. Das medizinische Beratungsgremium kam einstimmig zu dem Schluss, dass die Folgen des Sturzes nicht proportional zum Sturz selbst waren. Statistisch gesehen hat man bei einem Sturz aus mehr als zehn Metern Höhe eine Chance von weniger als 1:50, nicht zu sterben.

Woher wissen wir, dass das Wunder tatsächlich der Fürsprache von Charles de Foucauld zu verdanken ist?

Das Wunder ist am Vorabend seines 100. Todestages geschehen und liturgisch gesehen beginnt ein Festtag schon am Vorabend, mit der Vesper. Während des gesamten Jahres hatte die große geistliche Familie Charles de Foucaulds rund um den Erdball um dieses Wunder zur Heiligsprechung gebetet. Ganz besonders wurde in Saumur gebetet, in einer Pfarrei, die nach dem seligen Charles de Foucauld benannt ist. Auf deren Pfarrgebiet trug sich auch der Unfall zu. Charles de Foucauld hat in Saumur einen Teil seiner Militärkarriere verbracht. Der junge Mann, der vor einem Sturz in den fast sicheren Tod bewahrt wurde, heißt selbst Charles.

Und schließlich ist noch eines zu nennen: Charles Arbeitgeber gehört zu der genannten Pfarrei. Sobald er von dem Unfall erfuhr und noch ohne zu wissen, um welchen seiner Arbeiter es sich handelte, haben er und seine Frau Nachrichten an ihre Freunde und Bekannten geschickt, um gemeinsam mit ihnen um die Fürsprache Charles de Foucaulds für das Unfallopfer zu bitten.

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