Mein Leben mit Gott

„Bei der Wandlung applaudieren alle“

Anders glauben, leben, denken: Ein Erfahrungsbericht als „Missionarin auf Zeit“ mit Pallottinerinnen in Ruanda.
Schule der Pallotinerinnen in Ruanda
Foto: privat | Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Kirche wird gesungen und getanzt.

Priester füllen den Altarraum. Ordensschwestern stehen in einer langen Schlange, die bis weit aus der Kirche hinausreicht: Sie warten darauf, in den ersten Reihen Platz nehmen zu können. Heute legen drei Schwestern ihre erste Profess ab. Mit Blumenkränzen geschmückt stehen sie vor dem Altar. Pallottinerinnen und Pallottiner aus ganz Ruanda und aus den umliegenden Ländern sind dafür nach Ruhango in Ruanda gekommen. Es ist der erste Gottesdienst in meinem Leben, bei dem wohl mehr Geistliche als Laien in der Kirche sind.

Rund einen Monat bin ich jetzt schon hier in Masaka, einem Vorort von Kigali, bei acht Pallottinerinnen und acht Postulantinnen. Ein Jahr werde ich mit meiner Mit-Freiwilligen Emma als „Missionarin auf Zeit“ unter dem Motto „mitleben, mitbeten und mitarbeiten“ hier sein.

Konkret bedeutet das, die Schwestern in der Küche zu unterstützen, an den verschiedenen Schulen der Pallottinerinnen im Unterricht zu helfen und an den Gebetszeiten und Gottesdiensten der Schwestern abends teilzunehmen. Das Glaubensleben ist hier ganz anders, als ich es von Deutschland kenne. Rund 43 Prozent der Ruander sind katholisch – und zwar nicht nur auf dem Papier. Die Gottesdienste sind voll mit Leuten jeden Alters – auch unter der Woche. In der Messe wird gesungen und getanzt, die Gläubigen zeigen große Ehrfurcht gegenüber der Eucharistie: Während der Wandlung applaudieren alle. Wenn die geweihten Hostien in den Tabernakel gebracht werden, verbeugt sich nicht nur der Priester, sondern die ganze Gemeinde.

In der Messe wird gesungen und getanzt

Da die Gottesdienste in der Landessprache Kinyarwanda sind, verstehe ich zwar nicht viel. Aber sowohl die Messe in einer fremden Sprache als auch meine persönlichen stillen Gebetszeiten haben mich gelehrt: Es geht weder beim Gottesdienst noch beim Gebet in erster Linie darum, was ich persönlich spüre oder was ich für mein geistliches Leben lerne – Gott verdient unsere Zeit und unsere Anbetung um seinetwillen, egal, was wir daraus gewinnen. Und gerade dann, wenn wir wirklich um seinetwillen beten, habe ich gemerkt, dass er mich oft am meisten beschenkt.

Die Gebetszeiten, in denen ich mich wirklich auf Gott konzentriere, sind es, die mir tiefen Frieden und innere Ruhe schenken. In meiner Beziehung zu Gott wachsen: Das ist auch mein Hauptziel für dieses Jahr. Dadurch, dass es hier zwar feste Gebetszeiten gibt, aber auch einen Arbeitsalltag, lerne ich, beides zu vereinen. Gleichzeitig möchte ich mich durch die Begegnung mit einer anderen Mentalität, Lebensweise und Kultur persönlich herausfordern lassen.

Der Alltag hier ist anders als zu Hause: Alles ist ein bisschen entspannter. Die Busse fahren zu keiner bestimmten Uhrzeit, sondern man geht einfach zur Bushaltestelle, stellt sich in die Schlange von Personen, die in die gleiche Richtung fahren wie man selbst und wartet auf den Bus, der wiederum wartet, bis er voll ist.

Auch Pünktlichkeit ist hier ein weit auslegbarer Begriff: Drei Uhr kann schnell mal halb vier oder vier werden. Ich lerne, sowohl geduldig als auch spontan zu sein. Was mir bisher am meisten aufgefallen ist: Die Leute tragen hier außerdem wirklich alles auf dem Kopf: von Obstschüsseln über Schuhe und zusammengebundenes Zuckerrohr bis hin zu Sofas! Wie sie das anstellen, bleibt mir immer noch ein Rätsel.

Das Leben bei den Schwestern mag in vielen Aspekten weniger komfortabel sein, als ich es gewohnt bin: Es gibt weder Spülmaschine noch Staubsauger oder Waschmaschine – das heißt, alles wird von Hand gewaschen, gespült, geputzt, was schon einmal den halben Tag beanspruchen kann. Erst hier fällt mir auf, dass vieles, was ich immer für selbstverständlich gehalten habe, doch gar nicht so selbstverständlich ist. Sondern Luxus, der nur wenigen Menschen auf dieser Welt zur Verfügung steht. Und gleichzeitig fällt mir auf, dass es nicht der Komfort ist, der glücklich macht, sondern eine innere Haltung der Dankbarkeit für das, was man hat – egal, wie viel das ist.

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Beeindruckender Glaube trotz Schicksalsschlägen

Aber was mich am meisten fasziniert, ist der Glaube einiger Leute hier: Nach dem Gottesdienst wurden meine Mit-Freiwillige und ich von einem Mann aus der Gemeinde zu ihm nach Hause eingeladen, er machte uns Tee, wir unterhielten uns.

Über dem Fernseher hing ein Bild von einer Frau. Seine Frau, die letztes Jahr verstorben ist, wie er uns erzählte. Daneben: Eine Fotocollage von neun Personen. Eine ältere Frau, Frauen und Männer mittleren Alters und Kinder. Ich fragte ihn, ob das seine Familie sei. „Ja“, antwortete er. „Sie wurden alle während des Genozids ermordet.“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich war sprachlos.

Auch weil ich bei jemandem, der so viel Leid erfahren musste, Verbitterung, Zorn und Trauer erwartet hätte. Doch der Mann strahlte nur Freundlichkeit aus. Ich bin überzeugt: Nur wenn wir versuchen, andere Perspektiven zu verstehen, kann ein internationales Zusammenleben, das Frucht bringt, gelingen. Welche Vorurteile man hat, merkt man erst, wenn sie widerlegt werden. Bei einem Arztbesuch war ich – zu meinem Beschämen – überrascht, was für kompetente Fragen der Arzt gestellt hat und dass es überhaupt die richtigen Medikamente zu meiner Behandlung gab. Es werden in dem Jahr wohl noch viele Vorurteile abgebaut werden – bei mir, aber auch bei anderen.

Denn auf der Straße fallen wir als Weiße schon auf, klar: Wir sind die einzigen hier. Und besonders Kinder fragen schon öfter nach Geld, vereinzelt auch Erwachsene. Es ist wohl auch das Denken, dass Weiße alle reich sind und es deswegen ihre Verpflichtung ist, den „armen“ Leuten hier Geld zu geben. Es ist ein Denken, das Abhängigkeit statt Selbstständigkeit fördert.

Ein Denken, das wohl vor allem von den vielen Hilfsorganisationen, die hier nach dem Völkermord der Hutu an den Tutsi im Jahr 1994 waren, gewachsen ist.  Aber zugleich erlebe ich häufig rührende Großzügigkeit. Einmal unterhielt ich mich mit einem Mann auf der Straße, als er bemerkte, dass ich starken Husten hatte.  Er fuhr er zum nächsten Laden, kaufte mir eine Ingwerknolle und heißen Ingwertee – ohne, dass ich gefragt hätte.

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Veronika Wetzel Gottesdienste Missionare Völkermord

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