Rezension

Begegnungen mit theologischen Zeitzeugen

Lothar C. Rilinger führt Gespräche mit deutschen Theologen in Rom und zeigt, dass Kirche immer eine lebendige Vergangenheit mit einschließt.
Gerhard Ludwig Müller - Begegnungen mit theologischen Zeitzeugen
Foto: Francesco Pistilli (KNA) | Auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller wurde für "Deutschsprachige Theologen in Rom. Eine Begegnung mit ihren Gedanken" interviewt.

Wer wirklich der Weltkirche begegnen will, der muss nach Rom reisen und die dortige Kraft der Einheit der Kirche erleben. Hier, in dieser ehrwürdigen „Ewigen Stadt“ atmet die Geschichte der Kirche auf dem Hintergrund einer globalen Welt. Aber, die Kirche ist dieser konstruierten, merkantilen und technisierten Welt mit ihrer vorgegaukelten Einheit weit voraus.

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Es geht um Wahrheit

Denn hier gilt nicht allein die Fähigkeit des Menschen Gemeinschaft zu bilden, sondern hier gelingt das gemeinsame Ausrichten an einer dem Menschen vorgelagerten „Instanz“, die nicht verfügbar ist, nicht machbar, derer er sich bedienen könnte. Dort, wo solches geschieht, wird schnell deutlich, dass die Phantasie der Menschen an ein klägliches, langweiliges Ende kommt, das auch die letzte Bastion der Selbstbestimmung des Einzelnen zu Fall bringt. Es ist das Ergebnis der Bürokraten, die vergessen haben, dass „die Zeichen der Zeit“ unter den Vorzeichen der Offenbarung zu lesen sind, und nicht auf dem Schreibtisch der Funktionäre.

Mit anderen Worten: Es geht um die Wahrheit und nicht um die Meinung. Dass sich der Jurist Lothar C. Rilinger zu Gesprächen nach Rom aufgemacht hat, um dort mit Zeitzeugen deren theologische Schwerpunkte auszuleuchten und historische Persönlichkeiten in ihrem jeweiligen Kontext zu „befragen“ und vorzustellen, ist schon allein aus der Perspektive der uns eigenen Tradition eine Hilfe, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich verstehen zu lernen. Den Glauben empfangen wir. Wir geben ihn weiter. Daher ist es eine Hybris, sich selbst zum Ingenieur der Religion zu ernennen, denn dadurch wird das, was Glauben heißt und ist, dem Raum entzogen, in dem er zu Hause ist: bei Gott.

Zahlreiche Eindrücke

Entsprechend ausgreifend sind daher auch die Themenvielfalt und die dargestellten Personen, die der Autor dem Leser anbietet. Der seit einem unsäglichen Theaterstück in Misskredit gekommene Pius XII., dessen Bild seriöse Historiker anders zeichnen als die allgemeine Wahrnehmung, da ist der ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Kardinal Müller, der mit klarer Linie die Inhalte des katholischen Glaubens nachzeichnet, da erscheint Walter Kardinal Kasper als Vermittler zwischen Kirchenrecht und Barmherzigkeit, Kardinal Paul Josef Cordes blickt auf die Erfolgsgeschichte der Weltjugendtage und Kurt Kardinal Koch auf die Stellung des Papstes innerhalb der gesamten Christenheit. Das Spektrum „Naturwissenschaft und Glaube“ wird am Fall Galilei durch Kardinal Walter Brandmüller erarbeitet und der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hebt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Ein Blick aufRomano Guardini, den Münchner Gelehrten, mit seiner Theologie und Anthropologie führt wieder in den reichen Schatz christlichen Denkens im 20. Jahrhundert zurück – ohne die Aktualität zu verlieren, vielleicht sogar ihre Dringlichkeit hervorhebend. Und der bekannte italienische Politiker und Rechtsphilosoph Rocco Buttiglione wird zum Anwalt eines gesunden Verhältnisses von Politik und Christentum. Das Buch endet mit einem Kapitel über den emeritierten Papst Benedikt XVI. und seinen Thesen zu einem Europa, das seine Wurzeln erkennt, nach diesen handelt und so einen wahren Raum für Menschlichkeit und Gemeinschaft schafft.

Zwiesprache mit Mensch und Wissen

Diese kurze Tour d'horizont durch ein Buch, das Einblicke in die Biografien der behandelten Persönlichkeiten ebenso schenkt wie eine erhellende Darstellung und Analyse deren Gedankenwelten. Lothar C. Rilinger hat im besten Sinn des Wortes Zwiesprache mit Mensch und Wissen gehalten, um dem Leser Einblicke zu gewähren, die ihn vor allzu schnellen Beurteilungen, wie wir sie gegenwärtig tagtäglich erleben müssen, schützen soll. Der aufgeklärte Geist im Heute, sollte abwägen, differenzieren und unvoreingenommen-objektiv Ideen, Gedanken, Menschen in der Historie und in der Gegenwart betrachten – damit ein Niveau sachgerechter Erfassung auch in Zukunft bewahrt werden kann.


Lothar C. Rilinger: Deutschsprachige Theologen in Rom. Eine Begegnung mit ihren Gedanken. Patrimonium Verlag, Mainz 2021,
ISBN: 978-3-86417-169-7, EUR 17,–

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