IM BLICKPUNKT

Autokratenabhängigkeit, nein danke!

Für viele junge Katholiken repräsentieren „Grünen“-Politiker wie Robert Habeck eine wertebasierte Politik. Waren sie zu idealistisch? Nein, denn mit dem „Satan“ darf man keine Kompromisse eingehen.
Hafen Brunsbüttel
Foto: Frank Molter (dpa) | Bauarbeiten auf der Schleuseninsel in Brunsbüttel. Der Hafen an der Nordsee ist als Standort für ein neues LNG-Terminal im Gespräch.

Menschen brauchen Ideale. Im Lebenskampf. In Krisenzeiten. Im Krieg. Und natürlich lebt auch die Kirche von Idealen.

Bereits der Gründer der katholischen Personalprälatur „Opus Dei“, der heilige Josemaria Escrivá (1902–1975), mahnte in seinem berühmten Büchlein „Der Weg“, sich vom „Satan“ und der eigenen menschlichen „Schlechtigkeit“ und „ihrer wohlriechenden Fäulnis“ nicht die „großen Ideale ersticken“ zu lassen.

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An Idealen orientiert

Gerade junge Menschen in Deutschland, die sich kirchlich großartig engagieren, tun dies aus der Kraft ihrer Ideale heraus. Viele dieser jungen Menschen engagieren sich auch politisch. Für Ideale, die mit dem Evangelium in Einklang stehen. Für die Bewahrung der Schöpfung etwa, für den Frieden, für Fairness und Mitmenschlichkeit.
Besonders zu der Partei der „Grünen“ fühlen sie sich hingezogen. Sind die „Grünen“ doch die Partei, die seit Jahrzehnten mit lauter moralischer Stimme auftritt, wenn es um die Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten geht.

Für diese jungen, an Idealen orientierten Gläubigen, denen die Kirche eine enorme Kraft und Lebendigkeit verdankt, muss es ein Schock sein, wenn sie sehen, wie ausgerechnet der grüne Wirtschaftsminister und Philosoph Robert Habeck(52) bei seiner Begegnung mit den Scheichs von Katar am vergangenen Wochenende den „Bückling“ gemacht hat.
Auch wenn der Deal auf den ersten Blick aus nachvollziehbaren Motiven geschah. Habeck will die Energieversorgung Deutschlands nach der Abwendung von Putins Russland sichern. Das wirkt zunächst einmal edel und verantwortungsvoll.

System Katar

Aber treibt, wer nach dem „System Putin“ mit dem „System Katar“ weitgreifende Verträge schließt, nicht den Teufel mit Beelzebub aus? Wird hier nicht eine „Autokratie“ durch die nächste ersetzt, wie manche Experten befürchten? Mag die Bindung auch kleiner sein und Katar (bislang) keine Nachbarstaaten überfallen haben? Christen mit einer tiefer grundierten Gesinnungs- und Verantwortungsethik, denen es nicht allein um das bürgerliche Ziel der Existenzsicherung geht, sondern die das Ideal der Menschenwürde und des Lebensschutzes in der Realität achten, verschließen auch vor anderen Aspekten nicht die Augen. Ist es doch ein offenes Geheimnis, dass die Herrscher von Katar den islamistischen Terror mitfinanzieren. Möchte man von solchen blutigen Einheizern wirklich Gas empfangen?

Bekannt ist auch, dass Tausende von Arbeitsmigranten bei den Vorbereitungen zur Fußballweltmeisterschaft, die 2022 in Katar ausgerichtet wird, aufgrund laxer Schutzmaßnahmen der geldgierigen Scheichs ihr Leben verloren haben. Geht dies mit den Standards der katholischen Soziallehre einher? Definitiv nicht.
Ebenso weiß man, dass Frauen und Menschen mit homosexueller Orientierung in Katar unterdrückt und mit Freiheitsentzug bedroht werden. Das ist ein absolutes No-go für Verteidiger des christlichen Menschenbilds.

Werte Verwahrlosung

Es ist noch nicht lange her, dass sich Robert Habeck als „säkularer Christ“ bezeichnet und auch seine Sympathien für die Werte des Christentums hat durchklingen lassen. Man darf ihn nicht dämonisieren. Zumal schon unter Merkel schmutzige Panzer-Deals mit Katar getätigt wurden.

Junge und ältere Katholiken sind jetzt aber gefordert, diesen schon länger eingeschlagenen Weg der Werte-Verwahrlosung zu stoppen. Europa muss sich endlich selbst mit Energie versorgen. Das verlangt aber auch Verzicht, ideologiefreie Risikobereitschaft und mehr nachbarschaftliches Vertrauen. Autokratenabhängigkeit, nein danke!

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