Bistumsreformen

Auf Gott hören lernen

Salzburgs Erzbischof will mit den Menschen reden, aber den Heiligen Geist wirken lassen. Gegen weiträumige Seelsorgeeinheiten wie in den Nachbardiözesen stemmt sich das Salzburger Kirchenvolk.
Kirchenvolk im Bistum Salzburg wehrt sich gegen großflächige pastorale Räume
Foto: (186035910) | Das Kirchenvolk im Bistum Salzburg wehrt sich gegen großflächige pastorale Räume.

Gescheitert. Dieses Wort hört man häufig, wenn man mit Salzburger Kircheninsidern über den "Zukunftsprozess" spricht, der die Diözesanleitung bis 2018 stark beschäftigte. Eines war jedoch damals schon klar: "Die Kirche bleibt im Dorf!", wie Seelsorgeamtsleiterin Lucia Greiner formulierte. Die in 210 Pfarreien lebenden 450 000 Gläubigen sollen und wollen auch künftig nicht in anonymen Seelsorgeräumen fernbetreut werden.

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Vor Ort bleiben

Während die Diözesen Graz und Linz auf weitreichende Strukturreformen setzen, bei denen großflächige Seelsorgeeinheiten entstehen, will man in Salzburg den Katholiken am Ort nahe bleiben. Auf Entwicklungen wie in Oberösterreich und der Steiermark angesprochen, meint Salzburgs Erzbischof Franz Lackner gegenüber der "Tagespost", er hoffe, dass es in seiner Erzdiözese nicht zu solchen Entwicklungen kommt.

Franz Lackner, Salzburger Erzbischof und Vorsitzender der österreichischen Bischofskonferenz
Foto: Ernst Weingartner via www.imago-images.de | Franz Lackner, Salzburger Erzbischof

"Ich nehme wahr, dass die Menschen in kleineren Räumen beheimatet sind. Die Kirche muss im Lebensraum der Menschen präsent sein, das wird uns von vielen gesagt." Das bedeute nicht zwingend, dass dort ein Pfarrer präsent sein muss. "Aber es muss ein Licht im Pfarrhof brennen: Es muss jemand da sein, der ansprechbar ist. Es braucht eine Zufluchtsstätte, wo Trauergespräche, Zuhören und gemeinsames Gebet möglich sind."

"Der Priester ist unverzichtbar
im sakramentalen Dienst"

Sakramentaler Dienst 

Den Priester relativiere das nicht: "Der Priester ist unverzichtbar im sakramentalen Dienst, aber das Pastorale geht darüber hinaus. Nehmen wir etwa die Krankenpastoral: Es gibt Menschen, die die Kranken tagtäglich am Krankenbett besuchen, aber wenn die Krankensalbung gespendet werden soll, dann ist der Priester zu rufen. Wir brauchen kleine Gruppen und Einzelpersönlichkeiten als Anlaufstationen   möglichst zu jeder Tages- und Nachtzeit."

Im Interview mit der "Tagespost" stellt der Erzbischof von Salzburg, der auch Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz ist, klar: "Ich bin nicht für große Seelsorgeräume. Andere Diözesen möchte ich nicht beurteilen, für Salzburg präferiere ich diesen Weg aber nicht." Vom Priestermangel betroffen ist Salzburg gleichwohl.

"Wir haben teilweise Pfarreien mit 100 Katholiken und einem Messbesuch von zehn Prozent, da kann nicht jeden Sonntag eine Eucharistiefeier stattfinden. Zweifellos sind wir nicht in einem Idealzustand, sondern in Notzeiten." Priester aus anderen Ländern seien willkommen, "denn wir sind eine multinationale Gesellschaft und das spiegelt sich in der Priesterschaft", aber das Grundproblem könnten sie nicht lösen, so Lackner.

Zu unübersichtlich 

Eine breit angelegte Online-Befragung, die die Erzdiözese zu dem vom Papst ausgelösten Synodalen Prozess gestartet hat, gibt dem Erzbischof Recht. "Viele Befragte erleben das Pfarrleben als positiv", heißt es in der Auswertung. "Häufig kritisiert wird der Pfarrverband, der frühere Pfarrgemeinden zunehmend ersetzt   zu groß und unübersichtlich ist die Struktur für viele Befragte."

Und weiter: "Insofern überrascht es nicht, dass zunehmend kleinere Zusammenschlüsse, etwa charismatische Bewegungen, als Alternative zum traditionellen Pfarrleben genannt werden (zum Beispiel Loretto, spirituelle Hausgemeinschaften und Freundeskreise, Cursillo)." Pfarrverbände, so ein Fazit der Befragung, seien "wesentliche Treiber für die Belastung der Priester und die abnehmende Qualität der Seelsorge".

Klar wurde aus der Befragung, an der sich mehr als 3 280 Einzelpersonen beteiligten, dass es nicht nur um kleinräumiges Denken geht: "Die christliche Gemeinschaft vor Ort lebt vom gemeinsamen Gebet, dem gemeinsamen Besuch der Messe, gemeinschaftsfördernden Aktivitäten". Dabei sei die Messe "Zentrum und Grundlage der christlichen Gemeinschaft vor Ort". Viel Kritik am Einsatz ausländischer Priester ist aus den Dokumenten herauszulesen; die Lösungsvorschläge reichen von der Aufwertung der Rolle der Diakone bis zur Einführung des Frauenpriestertums.

Heimat der Gläubigen 

Auffällig ist, dass die "Eventisierung" des Glaubens kritisiert, die feierliche Begegnung mit Gott geschätzt wird: "Das Herzstück der Liturgie, die Eucharistie, spielt für viele Befragte eine zentrale Rolle  als Quelle der Stärkung, und als Fundament der persönlichen Gottesbeziehung." Viele Überlegungen kreisen um die Frage, wie Laien die Priester so entlasten können, dass "diese sich wieder ihren Kernaufgaben, vor allem im Bereich der Seelsorge, widmen können". Ein Ergebnis lautet: "Die Pfarrei bleibt die primäre Heimat der Gläubigen in der Erzdiözese Salzburg." Es habe sich gezeigt, "dass auf Pfarrebene vieles besser funktioniert als auf höheren Ebenen".

Im Gespräch mit der "Tagespost" meint ein erfahrener Salzburger Priester kritisch, es dürfe nicht nur darum gehen, dass sich die Gemeinde sonntags am eigenen Ort trifft, sondern dass sie sich um die Eucharistie versammelt. Die Reformpläne aus den Nachbardiözesen Linz und Graz haben sich die Dechanten am 22. März angehört. Mit der Salzburger Befragung und dem Kurs der Diözesanleitung sind beide Wege nicht vereinbar. Für ihn sei die Ankündigung des Papstes, einen weltweiten Synodalen Prozess zu starten, ein "Wake-up Call für diese Zeit" gewesen, gestand Erzbischof Lackner im Rahmen eines Pressegesprächs vor wenigen Tagen. Den Papst interessierten nicht Meinungen oder vorgefertigte Antworten.

"Der Heilige Geist soll wirken,
und er ist immer radikal anders."

Menschen reden lassen

"Wir liefern Teilwahrheiten, die alle ergänzungsbedürftig sind durch die große Weltkirche."
Im Gespräch mit der "Tagespost" sagt der Erzbischof, der als Vertreter Österreichs an der Bischofssynode in Rom teilnehmen wird, es sei "schwierig vorauszusagen, was herauskommen soll". Vor allem, weil Franziskus den Synodalen Prozess "von Anfang an als spirituellen Prozess angelegt" hat: "Der Heilige Geist soll wirken, und er ist immer radikal anders." Zum Synodalen Weg in Deutschland befragt, meint Lackner, er habe "den Eindruck, dass hier aus einer Teilerfahrung auf das Ganze des kirchlichen Glaubens geschlossen wird".

Nachsatz: "Das geht meines Erachtens nicht. Wir müssen den Heiligen Geist wirken und die Menschen reden lassen." In der Kirche herrsche tiefe Verunsicherung. "Wir haben uns in vielen Fragen in eine Einbahnstraße hineinmanövriert, in der es nur mehr die Antworten Ja oder Nein zu geben scheint. Der Heilige Geist ist aber oft eine dritte Option   darauf zähle ich. Vieles, was uns heute widersprüchlich scheint, wird sich am Ende in verwandelter Form wiederfinden." Der Papst werde "der Ja-Nein-Falle entkommen", dabei werde es "auch Enttäuschungen geben". Wie nach der Amazonien-Synode, "wo manche genau zu wissen glaubten, was am Ende stehen würde".

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Neue Kommunikationsformen

Und wie geht es in Salzburg weiter? Es brauche neue Kommunikationsformen, eine Entlastung der Priester und neue Gestaltungsspielräume vor Ort, sagt eine Mitarbeiterin des Erzbischofs. Beim Synodalen Prozess in der Erzdiözese habe es "manchmal geknirscht und man war nicht immer einer Meinung", bilanziert Kerstin Altenberger von der Katholischen Jugend. Aber man müsse Verschiedenheiten akzeptieren und "lernen, auf Gott zu hören".

Es gebe nicht nur eine Form, katholisch zu sein, sagt auch der Diözesanpriester Simon Weyringer, der einen "Hunger nach Gott und nach Spiritualität" wahrnimmt. Er weiß: "Die Kirche hat einen großen Schatz anzubieten." Das Thema Strukturreform sei in Salzburg "mit großen Emotionen verbunden". Es gebe die Angst, "in anonymen Pfarrverbänden unterzugehen". Weyringers Bilanz der synodalen Befragungen und Beratungen ist die "Vision einer glaubwürdigen, mutigen, in Gott verwurzelten Kirche." Es gehe darum, so Erzbischof Lackner, Weichenstellungen zu finden, damit "Kirche künftig lebbar und Gott erfahrbar ist". Von großen Strukturreformen dürfe man "nicht das Heil erwarten".

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