Ukraine-Krieg

„Auch das russische Volk wurde getäuscht“

Andrey Kondorchkin, Priester an der russisch-orthodoxen Kathedrale Maria Magdalena in Madrid (Moskauer Patriarchat) unterstreicht, dass Priester nicht den Interessen eines Staates dienen können. 
Ukraine-Konflikt - Lwiw
Foto: Carol Guzy (ZUMA Press Wire) | Das Gebet um Frieden verbindet nach der Invasion russischer Truppen in der Ukraine orthodoxe Christen unterschiedlicher Kirchen.

Kann der Krieg zwischen Russland und der Ukraine als Bruderkrieg bezeichnet werden?

Wenn Sie einen beliebigen Russen fragen, ist es sehr wahrscheinlich, dass er ukrainische Wurzeln hat. Es kann auch sein, dass jemand aus seiner Familie aus der Ukraine stammt. Deshalb sind die Verbindungen zwischen Russland und der Ukraine sehr eng. Auch der Vater meiner Frau Alexandra ist Ukrainer, auch wenn sie in St. Petersburg geboren wurde.

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Besteht diese enge Verbindung auch in der Kirche?

Die russisch-orthodoxe Kirche ist nicht die Kirche des russischen Staates. Sie ist viel breiter, denn sie ist ebenfalls in Gebieten außerhalb Russlands verbreitet. So gehört ein großer Teil der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch die meisten Gläubigen, die hier in Madrid zur russisch-orthodoxen Kathedrale Maria Magdalena kommen, sowie ein Teil des Klerus sind Ukrainer. Wir Priester können auf keinen Fall den Interessen eines bestimmten Staates dienen. Wir müssen den Menschen dienen, ihnen helfen und sie unterstützen.

Was kann die russisch-orthodoxe Kirche in der jetzigen Lage tun?

Wir befinden uns in einer sehr wichtigen liturgischen Zeit, in der Fastenzeit. In der russisch-orthodoxen Kirche war ein Fastensonntag dem Jüngsten Gericht gewidmet und einer der Vergebung. Wir haben kürzlich einen Offenen Brief an die russische Regierung veröffentlicht, der zunächst von etwa 65 Geistlichen unterzeichnet wurde, aber es werden noch mehr unterschreiben (A.d.R.: es Es wurden bereits mehr als 250 Unterschriften gesammelt). Darin erinnern wir an die persönliche Verantwortung vor dem Jüngsten Gericht; vor diesem Gericht kann sich niemand verstecken, weder seine Macht noch sein Geld kann ihn davor bewahren. Wir rufen auch dazu auf, daran zu denken, dass wir das ewige Leben nur durch die Tür der Vergebung betreten können, wenn wir anderen vergeben und uns selbst vergeben lassen. Es handelt sich letztendlich um einen Aufruf zur sofortigen Beendigung des Krieges.

 

Andrey Kondorchkin, russisch-orthodoxer Priester,
Foto: Privat | Andrey Kondorchkin, russisch-orthodoxer Priester, Madrid

Können Sie die Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen und der ukrainisch-orthodoxen Kirche näher erläutern?

Die ukrainisch-orthodoxe Kirche ist leider gespalten, in die neue, 2019 gegründete ukrainisch-orthodoxe Kirche, die vom Patriarchat von Konstantinopel anerkannt wurde, und die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, – die wir russisch-orthodoxe Kirche nennen. Aber spirituell sind wir eine Kirche. Was jetzt geschieht, ist ein Schlag nicht nur für die Menschen, sondern auch ins Herz der Kirche. Derjenige, der den Krieg erklärt hat, sagte unter anderem als Vorwand, dass er die ukrainisch-orthodoxe Kirche verteidigen wolle. Aber alle Nachrichten, die ich erhalte, haben eines gemeinsam: Es gibt keinen einzigen Laien oder Priester in Kiew oder in anderen Städten, der sich bei den russischen Soldaten bedankt. Ihnen wird gesagt, dass sie befreit sind, aber in Wirklichkeit sind sie die Opfer des Konflikts, wie alle anderen Menschen auch.

Können Sie zurzeit reibungslose Beziehungen zu Russland, zu Ihrer Heimatstadt St. Petersburg unterhalten?

Zwar ist die Flugverbindung unterbrochen, aber wir bleiben per Telefon und Internet in Kontakt. In Russland ist es derzeit in den Medien nicht erlaubt, die Begriffe Krieg, Intervention oder Besatzung zu benutzen. Bezüglich der russischen Propaganda sagt die bekannte Politikwissenschaftlerin Jekaterina Shulman, dass es zwei Formen von Propaganda gibt: totalitäre und autoritäre. Die totalitäre Propaganda will die Menschen mobilisieren und vereinen, um Stärke zu erlangen; die autoritäre Propaganda macht viel Lärm, um die Menschen glauben zu lassen, dass es keine Wahrheit gibt, sondern dass jeder seine eigene Wahrheit hat und es sich nicht lohnt, vom Sofa aufzustehen. Es gibt viele Menschen, die natürlich gegen den Krieg sind, aber nach so vielen Jahren der Propaganda sehen sie keine Möglichkeit, die Dinge zu ändern, weil es keine politische Opposition gibt. Ich denke, wir zahlen den Preis für einen Staat, in dem die Macht keiner Kontrolle unterworfen ist: Sie wird weder von der Gesellschaft noch von der politischen Opposition kontrolliert.

"Nicht nur das ukrainische Volk,
sondern auch wir, das russische Volk,
wurden getäuscht."

Hätten Sie je gedacht, dass die Invasion tatsächlich stattfinden könnte?

Nach zwei Jahren COVID dachten wir, dass nichts Schlimmeres passieren könnte. An eine Invasion haben wir natürlich nicht gedacht; wir dachten, es sei lediglich ein Druckmittel. Sogar Menschen, die in Russland öffentliche Verantwortung tragen, lachten öffentlich über diejenigen, die vor der Möglichkeit eines Krieges warnten. Nicht nur das ukrainische Volk, sondern auch wir, das russische Volk, wurden getäuscht. Die Regierenden haben das Vertrauen, das wir in sie hatten, so sehr enttäuscht: Wo ist ihre moralische Autorität? Ich habe eine ganz persönliche Erklärung für das, was hier geschieht. Unsere Großeltern haben den Zweiten Weltkrieg erlitten. Wenn sie darüber sprachen, sagten sie am Ende immer, dass sie sich wünschten, wir müssten das nicht durchleben. Die Generation der Menschen, die sich noch an den Krieg erinnern, ist so gut wie vergangen. Woher soll die jetzige Generation wissen, was Krieg ist? Wohl nur aus Filmen und Computerspielen!

Aber in Donezk und Luhansk schwelt der bewaffnete Konflikt schon seit acht Jahren ...

Dies ist ein Konflikt, den die westliche Welt über Jahre hinweg ignoriert hat, weil sie dachte, es handele sich um einen lokalen, kontrollierten Konflikt mit einer schnellen Lösung. Aber ich denke, dass dies eine sehr oberflächliche Sichtweise ist. Jetzt sehen wir die Folgen dieser Haltung. Allerdings möchte ich nicht nach Schuldigen suchen, oder fragen, wer mehr und wer weniger Schuld trägt.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Wir können keine Vorhersagen machen; ich bin jedoch sicher, dass es in diesem Krieg keine Gewinner geben kann, was auch immer geschieht. Im 20. Jahrhundert hat Deutschland ein Beispiel dafür gegeben, was passieren kann, wenn ein Mann mit eindeutigen Psychopathie-Symptomen sein Land in den Ruin führt, weil seine Selbstwahrnehmung nicht der Wahrheit entspricht: Der Zusammenstoß seiner Vision mit der Realität ist unvermeidlich; es ist nur eine Frage der Zeit und der Zahl der Opfer, die den Preis für eine Person zahlen müssen, die sich für eine messianische Figur hält.

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