Angriff auf die Priester

Geistliche sind stets erste Opfer des Glaubenshasses. Von Paul J. Kardinal Cordes
Priesterweihe im Hamburger Mariendom
Foto: KNA | Die dem Priester eigene Qualität ist erst im übernatürlichen Licht zu erkennen, meint Kardinal Cordes.
Priesterweihe im Hamburger Mariendom
Foto: KNA | Die dem Priester eigene Qualität ist erst im übernatürlichen Licht zu erkennen, meint Kardinal Cordes.

Offenbar bewährt sich die Methode. Denn sie zeigt sich immer neu – bis in die jüngste Geschichte: Wenn unter den Menschen der Glaube und das Heil durch Christus bekämpft werden sollen, zielt man zuerst auf die geweihten Priester.

So war es in Russland. Die Glaubens-Verfolgung begann in der Sowjetunion 1917 direkt nach der sogenannten Oktoberrevolution. Basis war das „Dekret über die Trennung von Kirche und Staat“ (20.01.1918). Erzpriester Ioann Kotschurow war der erste Geistliche, der wegen einer Predigt für den Frieden vor den Augen seines Sohnes durch die Bolschewiki gefoltert und exekutiert wurde. Im Jahre 1923 betrug die Anzahl der ermordeten Geistlichen um die 18 000 Männer. Auch Spanien lernte den Vernichtungswillen gegen Priester kennen. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 ließen die „Internationalen Brigaden“ und ihre Milizionäre dem Hass gegen das Christentum freien Lauf: Zwölf Bischöfe, 4 184 Priester, Seminaristen und 2 365 Ordensmänner starben nach offiziellen Angaben: fast 90 Prozent der Priester und der Bischof der kleinen Diözese Barbastro wurden Opfer des Terrors. Schließlich Deutschland. Im „Dritten Reich“ zählten die Geistlichen nach dem SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich zu den „wichtigsten Staats- und Volksfeinden“. Für mehr als 12 000 Welt- und Ordenspriester ist belegt, wie die Häscher gegen die katholischen Geistlichen vorgingen. Auch in den Pfarrgemeinden wurde ihnen der Prozess gemacht – wie etwa 1943 den Lübecker Märtyrern Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller sowie ihrem evangelischen Mitbruder Karl Friedrich Stellbrink. Insgesamt mussten 417 deutsche Priester ins Konzentrationslager, 109 kamen dort ums Leben; 74 weitere Priester wurden hingerichtet oder ermordet.

Böse Taktik des Widersachers

Eigentlich ist die Strategie des Bösen nicht verwunderlich, Glaubensfeinde zu motivieren, damit sie Geweihte verfolgen. Unübersehbar ist ja die Hartnäckigkeit, mit der Satan in der Wüste Jesus nachsetzt (etwa Mt 4,1–11). So treibt es ihn, auch die zu verwirren, die in Christi Nachfolge für die Kirche amtliche Verantwortung tragen. Seinen Aposteln sagt der Herr diese Jagd sogar eigens an. Es ist vor dem Letzten Abendmahl. Jesus übergibt vor dem Sterben gleichsam sein Testament. In diesem erhabenen Moment richtet er an die Seinen die dramatischen Worte: „Der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf“. Das ist eine wuchtige Drohung. Sie gilt den Zwölfen. Nur zu gut, dass der Herr sie gleich abfängt: „Ich habe für dich gebetet“ (Lk 22,31f.). Gebet kann also Glauben und Leben der geweihten Boten festigen – ein allerhöchster Wink Christi selbst für uns besorgte Christen. Wer die böse Taktik des Widersachers durchschaut, dürfte sie auch heute am Werk sehen. Wohl vergisst niemand, fortdauernd wachsam zu sein, auf dass die Kirche von der Pädophilie gereinigt und künftig vor solch himmelschreienden Sünden bewahrt wird. Doch es möchte auch sein, dass nicht nur einzelne Schuldige bestraft werden müssen; dass der Teufel vielmehr mit seiner Feindseligkeit den ganzen geistlichen Stand torpedieren möchte. Mehr noch: Er unterhöhlt den katholischen Glauben an das Weihesakrament. Er will durchkreuzen, dass Christus selbst in seinen Aposteln, deren Nachfolgern und allen Geweihten handeln wollte zur Verkündigung des Evangeliums und zur Spendung der Sakramente. Das zu erkennen, macht freilich den Kleriker-Skandal paradoxerweise zu einer Herausforderung, gerade jetzt für die Unverzichtbarkeit der Priester einzutreten und dem Teufel nicht auf den Leim zu gehen.

Ist uns das möglich? Erreichte nicht das Bombardement der Medien, dass uns mindestens der halbe Klerus korrupt erscheint? Doch gegen solch „gefühlte Statistik“ ist zunächst festzuhalten: Es ist der Böse, der uns die Überzahl verderbter Amtsträger einredet – nicht der Heilige Geist. Deshalb müssen wir uns nun in Gottes Licht zurücklehnen, um erneut Sinn und Rang geweihter Amtsträger emotionslos zu erwägen.

Schon die Soziologie gibt uns beachtliche Hinweise. Sie sind nicht von kirchlichem „Interesse“ geleitet. (Ein herausragender Soziologe der USA, Werner Stark, ist unserer Frage nachgegangen in seinem monumentalen Werk The Sociology of Religion). Wissenschaftliche Forschung hat erkannt, dass große Ideen und epochale Intuitionen durch Routine verflachen; Lebensumfeld und Alltag verwässern Ideale. Doch geistig-geistliche Impulse vermögen dem Verfall zu trotzen, wenn sie durch Institutionen geschützt werden. „Systeme von Sozialkontrollen bestehen nur so lange, wie sie sozial kontrolliert werden“ (ebd. 172). Das gilt auch für die Kirche und ihr Glaubensgut. Und es sind die geweihten Amtsträger, die – wie sie lehrt – in ihr die Aufgabe haben, „das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig zu bewahren“. Demnach wäre der geweihte Amtsträger als „Siegelbewahrer“ von Gottes Heilswerk unersetzlich. Dem Himmel sei Dank, dass Gott seinem Wort Protektoren und Garanten gegeben hat!

Sakramental grundgelegte Autorität

In der Sicht der Erfahrungswissenschaft ist jedem Leitungs-Dienst eine charakteristische Vollmacht zu eigen. Beim kirchlichen Amtsträger ist diese Autorität freilich nicht menschengegeben. Sie ist ihm von außen geschenkt, von der geistigen Realität, die er vertritt. Besser gesagt: Nicht er besitzt die Autorität, sondern die Autorität des Gefüges, dem er zugehört, besitzt ihn. Die Kirche ist als Gemeinschaft „in gewisser Weise im Amtsträger konkretisiert; vielleicht könnte man sagen, sie ist in ihm verdinglicht“ (ebd. 176).

Für den fortlebenden Christus hat priesterliche Führung demzufolge geistlichen Charakter. Die genannten soziologischen Daten gewinnen damit eine neue, gnadenhafte Tiefe. Die dem Priester eigene Qualität ist also erst im übernatürlichen Licht zu erkennen. Seine Autorität wird sakramental grundgelegt. Das Gebet der und die Handauflegung des Bischofs rüsten ihn aus mit der Weihegnade. Diese befähigt ihn – so sagt das Vaticanum II – „in der Person Christi des Hauptes zu handeln“. Denn der Akt gliedert den Amtsträger in die Sendung Christi ein. Darum bringen hellsichtige Katholiken und Suchende dem geweihten Priester auch angemessene Wertschätzung entgegen. Sie achten in ihm wohl den Kirchenrepräsentanten, lassen sich aber mindestens so stark leiten von ihrer Glaubensintuition: Dieser Mann ist spezifisch verankert in dem Heilswerk, für das Christus seine Diener mit spezieller „Kraft von oben“ ausgestattet hat. Der Herr der Kirche hat ihn gesandt, damit alle Getauften „geistige Opfer darbringen, die Gott gefallen“ (1 Ptr 2,5).

Kirchenbindung und Priesterweihe kennzeichnen die Person des Amtsträgers; in der Weihe wurde ihm durch die Kirche eine besondere Christus-Bindung zuteil. Mit ihr steht und fällt sein priesterlicher Dienst. Weil der Priester die Kirche repräsentiert und mit eigener Gnade ausgestattet ist, sind die von ihm gespendeten Sakramente immer gültig. Der Heilige Augustinus hat mit seiner Überwindung der Irrlehre der Donatisten ein für allemal sichergestellt: Auch wenn das sakramentale Zeichen von einem sündigen Amtsinhaber gesetzt ist, wird die zugesagte Gnade vermittelt. Nicht der Spender des Sakraments, sondern Christus allein ist und bleibt ja Träger des Heils-Geschehens; er gewährleistet dessen Wirksamkeit. So erreicht das amtliche Tun des Dieners eine pastoral höchst bedeutsame Absicherung: Der Empfänger braucht sich keine bange Frage nach der Integrität des Amtsträgers zu stellen. Christus ist selbst am Werk.

Nur Heiligkeit überwindet Donatismus

Trotz dieser theologischen Klarstellung unterstreicht die Kirche allerdings in Berufung, Ausbildung, Einsetzung und Tätigkeit des Priesters, er müsse Gottes Antlitz suchen. Wenn auch die von ihm gespendeten Sakramente immer gültig sind, so kann dennoch auf seine Gottes-Nähe keineswegs verzichtet werden. Es ist der Theologe Karl Rahner, der diese Forderung nach heiligen Priestern verständlich begründet. Er stellt fest, dass trotz der Überwindung des Donatismus nur der glaubende und liebende Priester Existenz und Dauer der kirchlichen Sakramente garantieren könne. Sein Argument: Das Wort des Priesters wird nur dann von den Hörenden als wahr aufgenommen, wenn deren Wille bereitet und ihr inneres Ohr geöffnet sei. Solche Bereitschaft aber ist unlösbar an die geistliche Authentizität des Liturgen gebunden. Deshalb hat der zum sakramentalen Wort Gottes Bevollmächtigte „auch Recht und Pflicht, jenen Kontext der Glaubensaussage herzustellen, in dem allein diese sakramentalen Worte jene ,Disposition‘ oder ,Situation‘ finden, innerhalb der diese sakramentalen Worte überhaupt gesagt und glaubend gehört werden können“ (Kirche und Sakramente, Freiburg 1960, 91). Es sind die Heiligen der Kirche, die diese theologische Bedingung gewusst und gelebt haben.

Soziologie und Theologie haben triftige Gründe. Vollends erobern die Priester uns Glaubende freilich, wenn sie selbst von ihrem spannenden Heils-Dienst berichten. So habe ich Zeugnisse von ihnen gesammelt: „Glaubenslicht im Priesterleben“ heißt die entstandene Publikation. In ihr tritt die weltweite katholische Kirche vor unser geistiges Auge: Europa und die beiden Amerika, Sambia und Kenia, Taipei und Australien, China, die Türkei und die Ukraine – aber auch die Pfarrei von Hirschau in Bayern. Die Priester schildern kleine Episoden ihres Lebens: Wie ihnen die Menschen Liebe und Geltung entgegen bringen; wie der Eingriff Gottes sie in dramatischen Augenblicken erschüttert; wie der Allmächtige ihnen Wege aus der Not zeigt, weil Verirrte sich nach Erlösung sehnen; wie beglückend das Heil ist, das von Gott kommt.

Der Autor ist Kurienkardinal und emeritierter Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum. Zum Thema ist von ihm das Buch Glaubenslicht im Priesterleben erschienen (Media Maria Verlag, 144 Seiten, EUR 15,95).

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