Berufungen

Wenn die Freundin die Augen für die Priesterberufung öffnet

Pater Walter Gampenrieder LC über seine Berufung zum Priestertum auf Umwegen.
Telefonierendes Paar
Foto: Jacquie Boyd via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Ausgerechnet von seiner Freundin bekam Pater Walter Gampenrieder LC die Augen für seine Priesterberufung geöffnet.

Die Frage, ob ich nicht eigentlich Priester werden wolle, stellte ausgerechnet ein Mädchen, in das ich bis über beide Ohren verliebt war. Eines Abends eröffnete sie mir, dass wir unsere Freundschaft nicht mehr so weiterführen könnten, weil ihre Mutter schwer erkrankt sei. Ich war tief betroffen und meinte nur: „Warum sagst Du mir das? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Was habe ich jetzt Schuld an dieser Situation? Komm, lass uns hinsetzen und für Deine Mutter beten, Gott wird ihr helfen.“

Aber eben, dass ich immer von Gott und dem Beten spreche, zeige doch – so ihr Argument – dass ich Priester werden solle. Das schlug bei mir ein wie eine Bombe. Wir diskutierten die halbe Nacht. Und auch nachher, auf dem Nachhauseweg, konnte ich mir keinen Reim auf all das machen. Ich und Berufung? Das war das letzte, woran ich dachte, da hatte sich der liebe Gott verkalkuliert. Oder Petrus hatte meine Akte vertauscht.

Damals studierte ich Maschinenbau an der Technischen Universität Graz und sah mich selber als einen ganz normalen jungen Burschen, der heiraten wollte. Mit diesem Mädchen war ich sieben oder acht Monate zusammen gewesen, nachdem ich dafür gebetet hatte, die Richtige zu finden. In meinen Glaubenssachen bin ich immer sehr praktisch: Vier Wochen lang hatte ich den Rosenkranz gebetet, damit Gott mir eine nette Frau schickt. Tatsächlich war ich ihr innerhalb dieser Frist in der Innenstadt von Graz begegnet. Mit dem Ergebnis, dass mein Weg plötzlich ganz woanders hinführte.

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Ein Augen öffnendes Gebet 

Dem muss ich noch Folgendes vorausschicken: Nach meiner ersten Wallfahrt nach Medjugorje, kurze Zeit vor unserem Kennenlernen, wollte ich, angeregt durch eine Predigt, herausfinden wie es ist, wenn man sich intensiv an den Heiligen Geist wendet. Ich dachte mir, was passiert eigentlich, wenn man ununterbrochen um den Heiligen Geist bittet! Gesagt – getan! Dazu hatte ich mich an einem Montag allein zu Hause in mein Zimmer zurückgezogen und begonnen, einen Rosenkranz nach dem anderen zu beten. Dasselbe am Dienstag und am Mittwoch. Am Donnerstagvormittag hatte ich ein besonderes Erlebnis. Es ist schwer zu beschreiben – ich fing plötzlich an zu weinen. Es waren Reue- und gleichzeitig Freudentränen, sehr gemischte Gefühle also. Verschiedenes ging mir durch den Kopf in Hinblick auf mein Leben. Immer hatte ich gedacht, ich sei ein guter Katholik, weil ich viele Jahre als Ministrant und auch in der Ministranten-Ausbildung tätig gewesen war, und außerdem soziale Projekte gemacht hatte mit Studenten – wir hatten uns unter anderem um behinderte Menschen gekümmert. Ich dachte mir, dass ich mit meinem sozialen Engagement auftrumpfen konnte, aber an jenem Morgen erschien es mir als furchtbar wenig, was ich bislang zustande gebracht hatte. Ich stand da vor Gott mit leeren Händen! Viele, viele Male hatte ich nur an mich gedacht und mir nie wirklich die Frage gestellt: Was will Gott eigentlich von mir? Hat Gott einen Plan?

Aber auch nach einer solch tiefgreifenden Erfahrung, die geistig in mir etwas verändert hatte, geht das äußere Leben weiter in seinem normalen Rhythmus. Ich ging auf die Uni, wollte mein Studium zu Ende machen und war Gott einfach dankbar, dass er mich mit so vielen guten Dingen beschenkt hatte. In mir aber reifte irgendwie der Wunsch, eine Frau zu finden, die in meinem Leben zu fehlen schien. Und dann traf ich dieses Mädchen und es kam nach einer wunderschönen Zeit mit ihr wie aus dem Nichts jene Frage auf, die mich zunächst innerlich gekränkt und betroffen gemacht hatte.

Ein Geschenk mit Konditionen

Gott hatte in mein Leben eingegriffen, mir das Geschenk gezeigt – und nein, das war es dann doch nicht. So wirkte das auf mich.
Andererseits wusste ich auch, dass ich es nicht ohne Ihn bewältigen konnte. Bei der nächsten Wallfahrt nach Medjugorje sagte ich mir: Lieber Gott, hilf mir da durch. Und wirklich hat dort vieles konkrete Züge angenommen durch Gespräche mit Priestern. Gott legt ja nicht den ganzen Lageplan auf den Tisch und sagt: Das machst Du jetzt so und so. Nein, er ist behutsam wie ein Gentleman, Er zeigt Dir Schritt für Schritt, wie es weitergeht und fragt: Bist Du bereit für die nächste Etappe?

Es waren dann noch zwei Wegweiser, welche die Richtung vorgaben. Das eine war ein Telefonat mit meiner Mutter. In dieser Zeit der Orientierungslosigkeit wusste ich nicht recht weiter, und was macht man in einer solchen Situation? Na ja, wenn ein Kind nicht mehr weiterweiß, da wird die Mutter zu Rate gezogen – und genau das habe ich getan. Ich dachte mir, Mutter wird mir den Rat geben, klug und weise zu handeln und es nicht unüberlegt anzugehen.

Doch zu meiner Überraschung sagte sie ganz einfach: „Was müsstest Du da tun?“ Ich erklärte, das sei nicht so leicht, da ich quasi mein gesamtes bisheriges Leben umkrempeln müsse. Sie sagte nur: „Dann tu' das halt.“ Diese Ermutigung bestärkte mich in dem Entschluss, Jesus nachzufolgen.
Den zweiten Anstoß gab ein Buch, das eine Bekannte mir schenkte und mich fast nötigte, es sogleich zu lesen. Ich dachte: Ok, ein Geschenk mit Konditionen. Es war die „Geschichte einer Seele“ der heiligen Therese von Lisieux.

Ein Deal mit Folgen

Wirklich ein Hammer. Da gab es Passagen, wo es mir die Tränen in die Augen trieb. Ein großartiges Buch, das die Seele berührt.
Ich fragte diese Bekannte hernach, warum sie mich eigentlich fast gezwungen habe, es sogleich zu lesen. Sie erzählte, dass sie mitten in der Vorbereitung ihrer Anatomie-Prüfung gewesen sei, die ihr wahnsinnige Angst bereitet habe. Um dieser Prüfungsangst zu entkommen, habe sie beschlossen, einen Deal mit der heiligen Therese zu machen, indem sie sagte: Ich kaufe zehn Deiner Bücher und Du zeigst mir zehn Kandidaten, wo das Buch am besten greift.
Sie hat dann die Prüfung auch geschafft und ich bin schließlich Priester geworden.

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