Synodaler Weg

Wenn das gläubige Volk fehlt

Reformen sind kein Selbstläufer. Was die Katholiken in Deutschland aus den Fehlern des Schweizer Sonderwegs lernen können. 
Demonstrantinnen für "Frauenrechte in der Kirche"
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Forderungen in Zusammenhang mit dem synodalen Weg sind keineswegs neu.

Der synodale Weg in Deutschland möchte der Kirche ein menschlicheres Gesicht geben, indem Strukturen hinterfragt werden, die dem von Jesus gestifteten Ideal einer Kirche entgegenstehen. Eine Gefahr auf dem Weg hin zu diesem Ideal ist die einseitige Fokussierung auf die Rolle der Priester. Gerade progressive Theologen sehen in der Überhöhung der Priesterberufung samt dem Stellenwert, der geweihten Männern durch das Kirchenrecht gegeben wird, eine institutionelle Basis für Machtmissbrauch.

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Priester ohne Leitungsfunktion

Diesem Argument wird erstaunlicherweise oft nichts entgegengesetzt, obwohl der Missbrauch von Macht auch in anderen religiösen und weltlichen Gemeinschaften vorkommt und daher der Hang des Menschen, Macht zu missbrauchen, als anthropologische Konstante betrachtet werden darf. Der synodale Weg sollte sich davor hüten, nur mit Schlagworten wie Klerikalismus und kirchliche Demokratie zu operieren, ohne nach konkretem Anschauungsmaterial einer Kirche zu suchen, in denen das Priestertum eine völlig untergeordnete Rolle einnimmt.

Im Bistum Basel, der größten Diözese der Schweiz, werden mehr als die Hälfte der Pfarreien von Laientheologen oder Diakonen geführt. Vor der Kleruskongregation wird diese Struktur abgesichert, indem Priester in mehrere Pfarreien umfassenden Pastoralräumen auf dem Papier die Pfarrverantwortung tragen, jedoch meistens nicht als Pfarrer, sondern als „leitende Priester“ eingesetzt werden, wobei diese Funktionsbezeichnung den betreffenden Geistlichen fast keinerlei kirchenrechtlichen Schutz bietet. Vor allem ausländische Priester, die bestrebt sind, mit großem Eifer eine nötige Neuevangelisierung voranzutreiben, sehen sich sehr bald mit der priesterfeindlichen Realität des Bistums konfrontiert.

Kurze Einsätze

Mit einer sehr kurzen „Missio Canonica“ ausgestattet, die ihnen ermöglicht, nur wenige Jahre in einem Pastoralraum zu wirken, verengt sich ihr seelsorgerlicher Einflussbereich aufs Mindeste. Die schwammigen Funktionsbezeichnungen wirken sich in Kombination mit dem gegenwärtigen Zustand des dualen Systems, das für die meisten Kantone im Bistum Basel prägend ist, verheerend auf die Stellung der Priester aus.

Im Rahmen des dualen Systems besitzen vom Volk gewählte katholische Bürger die Macht, finanzielle und personelle Entscheide vor Ort zu treffen. Anders als in Deutschland werden die Steuergelder lokal in den Kirchgemeinden eingetrieben und nicht vom Bischof verwaltet. Über den Bau von Pfarreiräumlichkeiten, die Anstellung von Seelsorgern und anderen kirchlichen Mitarbeitern wird föderal entschieden. Es ist verfehlt, diese Form der Verwaltung als Gegenkirche zu bezeichnen, wie es von einigen konservativen Exponenten des Öfteren getan wird. Nur wenn das System gegen das Priestertum gerichtet wird, entstehen gravierende Probleme.

Keine Sakramente

In Bischof Felix Gmürs Diözese gibt es in vielen Pfarreien überhaupt kein sakramentales Leben mehr, da die Kirchgemeinden Laientheologen und Diakone gegenüber Priestern vorziehen. Auch, wenn Priester vorhanden und bereit wären, mit den Gläubigen die heilige Messen zu feiern, werden diese durch Wortgottesdienste mit Kommunionfeiern ersetzt. Die Beichte gilt in vielen Pfarreien als theologisch überholt, genauso wie die katechetische Vermittlung des Wissens über die Sakramente. Auf die Glaubenspraxis hat diese seit Jahrzehnten mit zunehmender Intensität andauernde Entwicklung eine verheerende Auswirkung. Es werden gar keine Statistiken geführt, wie viele Katholiken die Gottesdienste besuchen, wobei ehrliche Schätzungen eine Partizipation von drei Prozent kaum überschreiten dürften. Für schweizerische und ausländische Priester wird die Situation immer untragbarer.

Während die Wirtschaft in den Industriekantonen Aargau und Solothurn seit Jahrzehnten gezielt Spitzenkräfte aus dem Ausland sucht und die einheimischen Fachkräfte mit guten Konditionen anlockt, werden die ökonomischen Regeln bei der Mangelware Priester pervertiert. Priester aus dem Ausland werden nach Hause geschickt und einheimische Priester in Funktionen ohne wirkliche Hirtenaufgabe hineingepresst, an denen sie langfristig innerlich zerbrechen. Fügt sich ein Priester nicht in seine Rolle, läuft er Gefahr, arbeitslos zu werden und nur noch als schlecht bezahlter Aushilfspriester seiner Berufung nachgehen zu können. Die Tatsache, dass dieses Jahr in einer Diözese von über einer Million Katholiken kein einziger Mann zum Priester geweiht wurde, spricht Bände.

Bedeutungslos

„Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte“, lässt Goethe Mephisto zu Faust sagen. Der sonst so gelobte Schweizer Pragmatismus und seine Verwurzelung im Lokalen war es, der diese verhängnisvolle Entwicklung einleitete und immer weiter beförderte. Vom Glauben beseelt, jedes Dorf und jedes Stadtquartier brauche eine Kirche, errichtete man in der Nachkriegszeit viele Sakralbauten, ohne zu überlegen, wie die priesterlichen Dienste in den neu errichteten Pfarreien langfristig gewährleistet werden können. Später in den 80er Jahren fing man langsam an, Diakonen und später auch Laientheologen Aufgaben in der sogenannten Gemeindeleitung zu geben.

Der letzte  Schritt erfolgte dann vor 20 Jahren – und radikalisierte sich bis zu dem Zustand, in dem das Bistum heute dahinvegetiert –, als man bewusst anfing, auf Sakramente, vor allem das Feiern der heiligen Messe, zu verzichten, damit Diakone und Laientheologen ihre Angebote konkurrenzlos anbieten konnten. Zentral ist die Erkenntnis, dass es das einfache Volk und die von ihnen gewählten Vertreter in den Kirchenbehörden waren, die diese Schritte propagierten. Vom innigen Wunsch getrieben, die Kirche im Dorf zu belassen, verlor der theologische Inhalt gegenüber der Form an Bedeutung.

Fruchtlos

Diese Einstellung drängt bis heute, lokal eingetriebene Kirchensteuern für lokale Seelsorgeangebote auszugeben, auch wenn diese keinen Bezug zur katholischen Lehre und den Sakramenten aufweisen. Das besonders Tragische dabei ist, dass diese Bemühungen, anders als man es in den Anfängen erhoffte, überhaupt keine Früchte zeitigen und damit dem föderalen System den Boden entziehen. Die kirchliche Entleerung der letzten Jahrzehnte betraf vor allem die Altersgruppe zwischen 25 und 55 Jahren, die heute aktiv ihre Talente in verschiedenen Gremien einbringen könnte. So liegt die große Macht, die das duale System den einfachen Katholiken gibt, in den Händen von Menschen, die von der demographischen Zusammensetzung her für die Schweizer Bevölkerung nicht repräsentativ sind. Eine Kirche, in der zwar alle Mitglieder zur Mitwirkung aufgerufen sind, die jedoch die meisten Menschen völlig gleichgültig lässt, kann sich nicht demokratisch nennen.

Auch wenn nicht bei Bischof Felix wie bei seinen Vorgängern die primäre Schuld für diese Misere zu suchen ist, so ist die Kirche im Bistum Basel unter seinem Hirtenamt weiter in eine Richtung geschritten, die das Glaubensleben bedrängt und auch dem dualen System früher oder später den Todesstoß versetzen wird. Eines der Grundrechte in vielen Kantonen des Bistums besteht darin, den Pfarrer, der vom Bischof vorgeschlagen wird, durch eine Wahl beziehungsweise eine Abstimmung zu bestätigen. In den meisten Pfarreien wird dieses Recht jedoch vom Bistum ignoriert oder aktiv verwehrt, indem anstelle von Pfarrwahlen sogenannte Gemeindeleiterwahlen durchgeführt werden, bei denen jeweils als einzige Kandidatin oder Kandidat ein Laientheologe oder Diakon dem Volk vorgeschlagen wird.

Schwache Priester

Diese Schein-Wahlen schwächen die Stellung der Priester, jedoch heben sie auch vollständig die Subsidiarität auf, die der helvetischen Ausprägung der katholischen Kirche so eigen ist. Die Bürger haben keine Möglichkeit, den pfarrverantwortlichen Priester zu bestimmen und ihn damit gegenüber dem Bischof zum durch das Kirchenrecht geschützten Pfarrer zu ernennen. Dadurch wird das Bistum immer mehr zu einer großen Pfarrei mit Felix Gmür als Bischof und Pfarrer zugleich. Man muss über die Zukunft der Kirche diskutieren und Formen finden, in denen Laien Verantwortung übernehmen.

Das in vielen Kantonen der Schweiz vorherrschende duale System böte institutionell einen sehr guten Rahmen hierfür. Katholiken engagieren sich im Sinne des Zweiten Vatikanum vor Ort für die Belange der Kirche und entscheiden über organisatorische Fragen, die den Händen und Köpfen von Laien gut anvertraut werden können. Nur ist ein starkes Priestertum ein unersetzbarer Garant dafür, dass beide Lungenflügel dieses dualen Systems – um die Charakterisierung des Churer Bischofs Bonnemain zu verwenden – atmen können. Die Schwächung der Priester führt letztlich zu einer Schwächung der Laien und damit zu einer Schwächung der kirchlichen Demokratie, da das vom Glauben geleitete Volk fehlt. Die Teilnehmer des synodalen Weges mögen diese schmerzhafte Erkenntnis berücksichtigen.


Der Autor ist Präsident einer Kirchgemeinde im Bistum Basel.

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