Budapest

Umkehr: Die wahre Reform der Kirche

In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
Papst in Budapest
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Papst Franziskus trifft mit dem Papamobil vor vielen wartenden Menschen auf dem Heldenplatz ein, um die Abschlussmesse zum 52. internationalen Eucharistischen Kongress zu feiern.

Beim 52. Internationalen Eucharistischen Kongress in Budapest wurde keine Kirchenpolitik gemacht, wurden auch keine Strukturreformpläne debattiert. War die Stimmung vielleicht deshalb so friedlich, fröhlich, freundlich? Da gab es eine Woche lang keine sich gegenseitig verdächtigenden Lager, sondern Christen aus aller Welt, geeint im Bekenntnis zu Christus, in der Feier der Liturgie, in der Anbetung des Herrn.

Respektvoll, auf Augenhöhe und ansprechbar

Lange bevor der Papst am vergangenen Sonntagmorgen landete, wurde hier Weltkirche sichtbar und hörbar. Nicht nur in Gestalt der Hirten, die aus Myanmar oder dem Irak, aus Nigeria oder Kanada berichteten, auch in Gestalt der bunten Schar fröhlicher Weltchristen, so unterschiedlich in ihren Sprachen, Stilen und Spiritualitäten, und doch geeint im Glauben. Hand- oder Mundkommunion, stehend oder kniend, im Minirock oder im Festtagskleid – alles war da in den Mittagsmessen des kargen Messegeländes und in den Kirchen der Stadt zu sehen. Ohne Vorwürfe, ohne Grabenkampf.

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Da waren Kurienkardinäle und Pfarrer, hochgebildete Theologen und einfache Beter, Angehörige unterschiedlicher Bewegungen und Orden: alle respektvoll, auf Augenhöhe und ansprechbar. Bewegende Glaubenszeugnisse von früheren Untergrundpriestern, modernen Laienmissionaren oder vom ungarischen Staatspräsidenten reihten sich an wegweisende Katechesen und nachdenkliche Betrachtungen. Stets ging es um Christus – im Evangelium, im Nächsten, in der Eucharistie –, nie um ekklesiale Selbstreflexion. Rasch wurde spürbar, dass der Blick auf den, von dem das jüngste Konzil sagt, er sei „das Licht der Völker“, der eigentliche Befreiungsschlag für eine Kirche ist, die sich in Reformplänen und Ideologisierungen verfangen hat.

Eine Erfahrung, die den Ortskirchen des deutschen Sprachraums gut getan hätte. Dass deren Hirten und Herden nur spärlich vertreten waren, wurde in Ungarn mit Enttäuschung wahrgenommen. Das kirchliche Megaevent des Jahres 2021 blieb weithin unter der Wahrnehmungsschwelle der deutschsprachigen Kirchlichkeit.

Eucharistischer Kongress als Stadtmission

Eine verpasste Chance, denn Budapest atmete die frische Luft einer betenden und anbetenden, einer vielgestaltigen und dynamischen, einer jungen und fröhlichen Kirche. All dies blieb nicht im funktionalistischen Reservat des Messegeländes „Hungexpo“, sondern ergoss sich im Laufe der Woche immer mehr in die Millionenstadt. Spätestens ab Mittwoch wurde der Eucharistische Kongress zu einer Stadtmission, die auch anderen säkularisierten Metropolen als Vorbild dienen könnte. Abertausende Ungarn strömten zur byzantinischen Göttlichen Liturgie mit dem melkitischen Patriarchen Youssef Absi oder zur Messe mit Kardinal Robert Sarah. Amerikanische Prediger luden auf öffentlichen Bühnen charismatisch zur Beichte ein. Vor der überfüllten Stephansbasilika standen Priester zu Beichte und Aussprache in vielen Sprachen bereit. Passanten sammelten sich in Trauben vor einem großen Screen, auf dem nichts zu sehen war als eine riesige Monstranz mit dem Allerheiligsten.

Unter der feinfühligen Regie des Budapester Kardinals Péter Erdö hat die ungarische Kirche den Internationalen Eucharistischen Kongress und den ihn abschließenden Papstbesuch zur Stadtmission gemacht. Die anbetende Kirche, die hier sichtbar wurde, hat sich zugleich als katholisch tief, ökumenisch offen, missionarisch stark und ausgesprochen attraktiv erwiesen.

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