Anbetung

"Stay and Pray" ist eine der neuen Initiativen im Bistum Mainz

Der Gebetskreis „Stay and Pray“ hat während der Pandemie an Zulauf gewonnen. Es ist nicht die einzige neue Initiative im Bistum Mainz. Allen gemeinsam ist das Gebet.
Stay and Pray
Foto: veronika wetzel | Zwei junge Frauen in der Anbetung im Rahmen der Initiative "Stay and Pray" im Bistum Mainz.

Junge Frauen beten mit offenen Händen und geschlossenen Augen, vor ihnen ein altes Ehepaar, den Kopf andächtig geneigt, die Hände gefaltet. Vor dem großen von Marmorsäulen gestützten Hochaltar ein kleiner moderner Altar aus Stein. Statt lauter Orgelmusik leises Gitarrenzupfen. Anstelle von deutschen Kirchenliedern englische Lobpreismusik. Bei dem Gebetskreis „Stay and Pray“ in Mainz geht Altes mit Neuem Hand in Hand.

Bleibe und bete

„Stay and Pray“ heißt zu Deutsch: „Bleibe und bete“. Die Initiative ist ursprünglich ein Konzept der Jugend 2000. Junge Menschen beten gemeinsam und gehen anschließend zur Stärkung der Gemeinschaft noch miteinander essen oder etwas trinken. Der Gebetskreis in Mainz entstand aus einer Gruppe junger Erwachsener, die sich regelmäßig in der Kapelle der Maria Ward Schule zum Gebet getroffen hatte. 2005 wurde die Gruppe dann in die Kirche St. Quintin ausgelagert. „Am Anfang waren es nicht sonderlich viele Leute, die zu dem Gebetskreis gekommen sind. Aber die Gruppe hat sich trotzdem weiterhin getroffen. Ich denke, es ist immer gut, weiterzubeten, weiterzumachen und treu zu bleiben“, berichtet der Leiter von „Stay and Pray“, Christian Enders, aus seiner Erfahrung.

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Als der Gebetskreis neu nach St. Quintin gekommen sei, seien die Treffen zunächst je einmal im Monat abwechselnd entweder von eucharistischer Anbetung mit Lobpreis oder einer freieren Form mit Fürbitten und freiem Gebet geprägt gewesen, um auch charismatisch orientierte evangelische Christen anzusprechen, „die mit der Anbetung nicht so viel anfangen können“. Aber seit Juli 2021 bietet der Gebetskreis zweimal monatlich die eucharistische Anbetung an. „Seit Corona kommen sogar noch mehr Leute“, stellt Enders fest, der den Gebetskreis seit neun Jahren leitet.

Suche nach Gemeinschaft

Je nachdem, ob gerade Semesterferien seien oder nicht, kämen zu „Stay and Pray“ inzwischen 15 bis 40 Leute. Neben „Stay and Pray“ gibt es in Mainz noch viele andere Initiativen, die alle auf der Webseite „Gott in Mainz“ gesammelt vorgestellt werden. So gibt es seit Februar 2020 eine eucharistische Anbetung, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche stattfindet, auch Nightfever und Alphakurse sind im Anschluss an „Stay and Pray“ entstanden. Da viele der anderen Angebote während der Pandemie nicht mehr möglich waren, sei „Stay and Pray“ während Corona sogar noch gewachsen, erzählt Enders.

Der Gebetskreis ist vor allem für bereits gläubige Christen ausgelegt, die nach einer geistlichen Gemeinschaft suchen. Obwohl die Gruppe schon aus einem festen Kern besteht, stellt Enders fest, dass „Gott aber auch immer wieder Leute zu uns führt“.
So habe die Pastoralreferentin der Gemeinde einmal in einer Messe eine junge Studentin gesehen und plötzlich den Impuls verspürt, sie zu „Stay and Pray“ einzuladen. Als sie die Studentin angesprochen habe, habe sich herausgestellt, dass sie zwei Jahre lang für eine katholische Gemeinschaft in Mainz gebetet habe, weil sie bis zu dem Zeitpunkt nichts gefunden habe.

Auch für Ungläubige 

Aber auch Jugendliche, die bislang nichts mit dem Glauben zu tun haben, stoßen immer wieder zu „Stay and Pray“ hinzu und spüren auch Veränderungen in ihrem Leben. So sei einmal ein junger Mann mit Rasta-Locken von seiner Freundin zu dem Gebetsabend mitgenommen worden. Als er öfter zu „Stay and Pray“ gekommen sei und regelmäßig gebetet habe, habe er festgestellt, dass ihm die Joints nicht mehr so gut schmeckten, erzählt Enders lachend. Bei „Stay and Pray“ stehen sprichwörtlich allen Leuten die Türen offen: Die Kirchentüren werden auch während des Gottesdiensts und der eucharistischen Anbetung nie geschlossen. Ein Zeichen, dass jeder willkommen ist. Gleichzeitig spürt man, dass es um etwas Heiliges geht: Leise gezupfte Gitarrenmusik klingt durch die Kirche, der Altarraum wird in warmes,

abendliches Licht gehüllt und lässt die Goldverzierungen an den Säulen des Hochaltars aussehen, als würden sie zerfließen. Der schwere süße Duft von Lilien liegt ebenso wie die friedliche Atmosphäre über dem Raum. Ein junger Mann betet kniend und mit geneigtem Kopf. Von seinen Händen hängt ein Rosenkranz. Das Gebet, das er leise vor sich hin spricht, kann man nur von seinen Lippen ablesen, aber seine ganze Haltung strahlt Andacht aus. Dass es den Jugendlichen nicht um sich selbst geht, sondern nur um Gott, merkt man auch an Bemerkungen wie „Gott regelt das alles“, die der Leiter von „Stay and Pray“ wie selbstverständlich in die Unterhaltung einstreut. Genau das scheint die jungen Leute anzuziehen.

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Begegnung mit Gott

Die 36-jährige Joanna aus Polen kommt wöchentlich zu „Stay and Pray“, seitdem sie in Deutschland wohnt. „Die eucharistische Anbetung ist für mich eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit Gott“, betont sie. Außerdem habe sie durch die Gebetstreffen mit anschließendem gemeinsamem Essen gehen in der Stadt viele neue Leute kennengelernt. „Weil es hier nicht so viele überzeugte Christen gibt, ist es für die, die es gibt, wichtig, sich auszutauschen.“

Neben denen, die bereits mit dem katholischen Glaubensbekenntnis aufgewachsen sind, kommen aber auch Personen, die gerade erst dazu gefunden haben. Die 18-jährige Ovine zum Beispiel, die erst vor kurzem für ein christliches Orientierungsjahr nach Mainz gekommen ist. Sie sei zwar nicht gläubig erzogen worden, habe aber mit neun Jahren den Wunsch geäußert, getauft zu werden, nachdem sie von einer Freundin in eine christliche Gemeinde mitgenommen worden sei. Seitdem lebt sie überzeugt den katholischen Glauben. „Angebote wie ,Stay and Pray‘  haben mich schon immer berührt, weil man einfach hier sein kann vor dem Leib Christi. Und es ist total ansteckend zu sehen, wie andere den Glauben leben“, erzählt sie strahlend.

Leidenschaft für Gott

Obwohl die verschiedenen Initiativen jetzt schon etliche Jugendliche erreichen, gibt es viele Träume, was noch entstehen könnte. Einer davon ist das Loretto-Pfingsttreffen. Das soll nächstes Jahr dezentral an vielen verschiedenen Orten stattfinden. Enders und andere Jugendliche aus dem Gebetskreis wünschen sich, dass eines davon in Mainz stattfindet. Wer die Leidenschaft dieser jungen Menschen für Gott sieht und deren Ideenreichtum für die Evangelisierung, wird nicht von dem beklemmenden Gefühl beschlichen, dass für die Kirche der Anfang von ihrem Ende bereits begonnen hat, sondern, dass vielmehr ein Neubeginn angebrochen ist.

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