Augsburg

Sehnsucht nach der Fülle des Seins

Das Buch "Eden Culture" ist das Gegengift zu einer Kultur, die das Leben von morgen in Literatur und Film nur noch als Dystopien zeichnet.
Hartl und die "Eden Culture"
Foto: Oliver Denker (450911183) | "Eden Culture" ist das Gegengift zu einer Kultur, die das Leben von morgen in Literatur und Film als Dystopien zeichnet.

Heute über das Paradies oder eine paradiesische Kultur auf Erden zu schreiben, ist schon allerhand. Ein Katastrophensommer liegt hinter uns. Eine Flutkatastrophe hat Deutschland dort getroffen, wo man es sich nie erwartet hätte. Die Folgen der Corona-Epidemie sind eine Last, die Freude an dem - auch einmal nahen - Zusammensein ist der Angst vor einer Ansteckung gewichen. Vor kurzem erst hat das Desaster des Westens in Afghanistan die Schwäche eines geopolitischen Bündnisses offenbart, das nicht nur die Werte der Demokratie und der Menschenwürde hochgehalten hat, sondern diese exportieren und verteidigen wollte. 

Werden wir immer deprimierter und einsamer?

In seinem jüngsten Buch "Eden Culture" geht der Theologe Johannes Hartl, der das Gebetshaus in Augsburg leitet, jedoch nicht von den tagesaktuellen Krisen aus. Er stellt einen Trend fest, der schon lange anhält: "Was nützt es einem Menschen, wenn er immer erfolgreicher oder mächtiger wird, wenn er dabei immer deprimierter und einsamer wird?" Und genau das sei offensichtlich der Weg, auf dem wir uns als Gesamtgesellschaft bewegen: Seit 1997 habe sich die Zahl derer verdreifacht, die wegen Depressionen und Angst- oder Belastungsstörungen nicht zur Arbeit gehen konnten. Etwa ein Drittel der Mädchen und ein Fünftel der Jungen litten unter mehreren psychosomatischen Beschwerden. Auch die Fähigkeit und Bereitschaft zur Empathie gehe zurück, sie habe sich zwischen 1979 und 2009 um 40 Prozent verringert.

Lesen Sie auch:

Was Hartl dennoch von der Wiederentdeckung des Gartens Edens sprechen lässt, ist die unverwüstliche Sehnsucht des Menschen nach Verbundenheit mit den anderen, nach Sinn und nach Schönheit. Der Autor fällt nicht sofort mit dem lieben Gott ins Haus, oder mit den Gleichnissen des Evangeliums, oder dem Leben Jesu. Er holt den Menschen da ab, wo er ist: In der Zerstreutheit der digitalen Welt, in der Beziehungslosigkeit der Massengesellschaft, in der Sinnlosigkeit einer oberflächlichen Kultur. Auch Hartl hat Wegweiser, die ihn prägten. Einige nennt er: den russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn, den Psychologen Viktor E. Frankl und seinen philosophischen Lehrer Ferdinand Ulrich. 

Drei Geheimnisse auf dem Weg in den Garten Eden

Mit ihnen und anderen Größen der Geisteswelt erschließt er die drei Geheimnisse, die dem Einzelnen den Weg in den Garten Eden weisen sollen: Verbundenheit, Sinn und Schönheit. Dem schließt sich abschließend der vierte Teil seines Buchs an: "Eden Culture", eine Kultur, die sich, wie Hartl schreibt, "zutiefst vertraut" anfühlt, "weil sie so ist, wie wir eigentlich leben wollen". Der Autor spricht von der "Ökologie des Herzens", die das Leben staunend als Gabe erkennt: "Aus christlicher Sicht steht dieser Blick des Wohlgefallens ganz am Anfang der Geschichte der Welt. In der Garten-Eden-Erzählung sah sich Gott alles an, was er gemacht hatte, und es war sehr gut. Das Sein als Geschenk, als gute Gabe eines großzügigen Gottes, der alles in Fülle erschaffen hat und nichts als gute Absichten hegt. Es gibt Momente im Leben vielleicht jedes Menschen, wo sich das Leben so anfühlt. Oder zumindest eine Ahnung davon."

Auch wenn es für viele zunächst bei dieser Ahnung, bei der Sehnsucht nach der Fülle des Seins bleibt, ist das die Haltung, die es erst ermöglicht, Gott im eigenen Alltag wahrzunehmen. Das wäre dann der Stoff für ein weiteres Buch. 

"Eden Culture" ist das Gegengift zu einer Kultur, die das Leben von morgen in Literatur und Film als Dystopien zeichnet, in der es um das "Haben" statt um das "Sein" geht, in der die digitale Vernetzung nur in die Einsamkeit führt. Hartls Buch ist Metaphysik für das 21. Jahrhundert.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Guido Horst Literatur

Kirche

Gedanken zur Sonntagspflicht
Würzburg

Muss man sonntags in die Kirche gehen? Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Wie das äußere Muss des Sonntagsgebots durch eine innere Sehnsucht abgelöst werden kann, beschreibt Kardinal Kurt Koch in einem Beitrag der kommenden Synodalbeilage „Welt&Kirche“
19.10.2021, 10 Uhr
Vorabmeldung
Eröffnung der zweijährige Weltsynode im Vatikan
IM BLICKPUNKT

Für eine Kirche, die anders ist Premium Inhalt

Die bis 2023 dauernde Weltsynode beginnt mit der größten Befragung der Menschheitsgeschichte. Über die Gründe für diesen vom Papst gewollten Prozess kann man nur spekulieren.
16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst