Theologie und Geschichte

Priesterkönige tief im Süden

Äthiopien war eines der ersten Länder, in dem sich das Christentum ausbreitete. Schon früh bildeten sich enge Beziehungen zu Europa. Geistliche aus Deutschland spielten dabei eine Vorreiterrolle.
Stadt Gondar
Foto: A. Savin/ Wikimedia Commons | Die Stadt Gondar nördlich des Tanasees war in der frühen Neuzeit die Hauptstadt des christlichen Äthiopien.

Äthiopien ist eines der ältesten christlichen Länder der Welt. Seit dem vierten Jahrhundert ist das Christentum offizielle Religion des abessinischen Reiches von Aksum. Das Land hatte seit dem Altertum Beziehungen zum Mittelmeerraum. Es gibt seit dem dritten Jahrhundert vor Christus griechische Inschriften am Horn von Afrika, und auch aksumitische Münzen waren griechisch beschriftet. Die Zusammenarbeit zwischen dem aksumitischen und dem römischen Reich führte zu einem äthiopischen Vorstoß nach Südarabien. Doch nach der großen islamischen Expansion des siebten Jahrhunderts riss die Verbindung ab, das Bild von Äthiopien in Europa verblasste. Aber gewisse vage Vorstellungen von einem christlichen Priesterkönig im Süden hielten sich und tauchten immer wieder in der Literatur auf.

Häufige Verwechslung von Indern und Abessiniern

Bischof Otto von Freising war der erste, der 1145 in seiner berühmten Chronik, die als eines der wichtigsten Werke der mittelalterlichen europäischen Geschichtsschreibung gilt, einen Priesterkönig – „rex et sacerdos“ – Johannes, der Jerusalem vom Islam befreien wolle, erwähnt. Wird dieser zunächst in Innerasien und dann in Indien vermutet, konkretisiert sich die Vorstellung im Laufe des Mittelalters in Ostafrika, wo ja tatsächlich christliche Könige herrschten und in ständigem Konflikt mit ihrem islamischen Umfeld lagen. Reale, konkrete Kenntnisse über diese christliche Welt südlich der islamischen Sphäre erwarb man in Europa aber erst nach und nach.

Der Mainzer Domherr Bernhard von Breydenbach (1440-1497) spielte hier eine Vorreiterrolle. Seine Pilgerfahrt nach Jerusalem (1483/84) wurde Gegenstand eines Buches, das Breydenbach reich bebildert 1486 in lateinischer und 1488 in deutscher Sprache veröffentlichte. Seine „Peregrinatio in terram sanctam“ ist der erste gedruckte deutsche Reisebericht und der erste illustrierte Reisebericht in Europa. Zu der Pilgergruppe, die zusammen mit Breydenbach unterwegs war, gehörte auch der Graphiker Erhard Reuwich (1450-1505) aus Utrecht, der zahlreiche Holzschnitte in Breydenbachs Auftrag für das Werk anfertigte. Er war es wohl, der Darstellungen von „Abessiniern“ und von deren Schrift schuf. Es ist möglich, dass die Schrifttafel im Buch über die Jerusalem-Pilgerreise aus einem Manuskript kopiert wurde.

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In jedem Fall aber ist das äthiopische Alphabet von Breydenbach das erste in einem gedruckten Buch überhaupt. Breydenbach beschreibt die „Abbassini sive Indiani“ – hier fließen „Indien“ und „Abessinien“, wie so oft im Mittelalter, ineinander – als dunkelhäutige Menschen, die ein mit zahlreichen Irrtümern belastetes Christentum praktizieren und Kreuze in die Haut ihrer Kinder einbrennen oder tätowieren – was  heute noch vorkommt. Breydenbachs Werk war in ganz Europa sehr populär, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und erlebte mehrere Auflagen.

Es war wieder ein deutscher Geistlicher, der in Europa die Kenntnis des Ge'ez, des klassischen Altäthiopisch, das heute noch liturgische Sprache in Eritrea und Äthiopien ist, bei uns weiter vertiefte: Johannes Potken (1470-1524), Probst aus Köln, der als päpstlicher Sekretär in Rom mit der bunten Welt des östlichen Christentums in Berührung kam.

In Rom waren vielleicht schon seit dem 14., sicher aber seit Beginn des 15. Jahrhunderts, äthiopische Geistliche zum Heiligen Stuhl gekommen, die unter anderem Negus Dawit II. nach Europa geschickt hatte. Eine offizielle äthiopische Delegation nahm am Konzil von Florenz (1431-1449) teil. Die Äthiopier erhielten in Rom eine Kirche mit zugehörigem Hospiz, die bezeichnenderweise den Namen „Santo Stefano dei Mori“ , manchmal auch „Santo Stefano degli Abissini“ oder „degli Indiani“ trug – man war sich auch im Vatikan lange nicht über den Unterschied zwischen „Abessinien“ und „Indien“ im Klaren.
Auf diese Geistlichen vom Horn von Afrika traf 1511 Johannes Potken, der an ihren Gottesdiensten teilnahm und gewisse Ähnlichkeit ihrer (semitischen) Sprache mit dem Hebräischen feststellte, woraus er den irrtümlichen Schluss zog,  er habe es mit „Chaldäern“ zu tun – also aramäischsprachigen Christen aus dem syrisch-palästinensischen Raum.

Potken verfasste Buch mit äthiopischen Psalmen

Auch ihre Sprache missinterpretierte er als „chaldäisch“. Mit einem der afrikanischen Mönche, Abba Thomas Welde Samuel, trieb Potken Sprachstudien und eignete sich systematisch Ge'ez, äthiopische Sprachkenntnisse an. 1513 brachte Potken ein Buch heraus, das äthiopische Psalmen und Bibeltexte enthielt, vor allem aber eine Ge'ez-Schrifttafel, eine Kurzgrammatik und eine Anleitung zur Aussprache. Die Lettern dafür hatte der Drucker Marcellus Silber aus Regensburg extra angefertigt. Potkens Werk war das weltweit erste gedruckte äthiopische Buch.

Die Faszination des christlichen Orients ließ Potken auch nicht los, nachdem er wieder in Köln war. Er publizierte dort weitere Schriften in lateinischer, griechischer, hebräischer und „chaldäischer“ Sprache. Möglicherweise hat er nie wirklich verstanden, dass er sich mit dem „Äthiopischen“, nicht mit einer Form des Aramäischen befasst hatte. Dies ändert jedoch nichts daran, dass seine Veröffentlichungen zur Verbreitung der Äthiopischkenntnisse in Europa sehr früh einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Die katholischen Kontakte zur Welt des äthiopischen Christentums wurden naturgemäß im 16. Jahrhundert enger, als der Seeweg nach Indien entdeckt worden war und die Portugiesen ein weltweites Handelsimperium zu errichten begannen – auf Kosten des islamischen Fernhandels. Naturgemäß waren es dann aber auch Portugiesen, welche an der eritreischen Küste landeten und die Hauptrolle in den äthiopisch-europäischen Beziehungen spielten. Portugiesische Jesuiten gewannen beträchtlichen Einfluss in Äthiopien.

Seit dem 17. Jahrhundert kamen aus Deutschland reformierte „evangelische“ Christen zunehmend als Missionare ans Horn von Afrika.
Ins 17. Jahrhundert fallen auch Anfänge der führenden deutschen Rolle in der europäischen Äthiopistik, sowie Versuche des Hauses Habsburg, auf der Grundlage des gemeinsamen Christentums eine Allianz mit Äthiopien gegen den gemeinsamen Feind, das Osmanische Reich, zu schmieden, das bereits seit dem 16. Jahrhundert an der eritreischen Küste (Massawa, wo es noch heute osmanische Gebäude gibt) Fuß gefasst hatte und 1683 Wien bedrohte.


Der Autor ist Verfasser des Buches „Das Horn von Afrika“, das 2021 bei Kohlhammer erschienen ist.

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