Häresien

Neue Moralismen werden zu Gottes tückischen Konkurrenten

Aggressive Säkularisation. Wo der überlieferte Glaube und christliche Überzeugungen verschwinden, fassen neue Häresien Fuß. Sie kommen auf moralischen Samtpfoten.
Demonstration «Black Lives Matter»
Foto: David Young (dpa) | Neue Bewegungen, wie hier im Bild Black Live Matters, behaupten, das zu bieten, was die Religion nicht gibt.

In den Vereinigten Staaten herrschen zwar einzigartige Voraussetzungen für eine aggressive Säkularisierung, aber in Spanien und anderswo in Europa sind ähnlich deutliche Muster seit langem ebenfalls zu beobachten.

In unseren Ländern hat sich eine bestimmte Art von Elite-Führungsschicht herausgebildet, die wenig Interesse an Religion und keine echte Bindung an die Nation hat, in der sie lebt, und auch nicht an örtliche Traditionen oder Kulturen. Diese Gruppe, die Unternehmen, Regierungen, Universitäten und Medien beherrscht, und sich auch in Kultur- und Berufseinrichtungen ausbreitet, will eine globale Zivilisation errichten, die sich auf die Konsumwirtschaft stützt und von Wissenschaft, Technologie, humanitären Werten und technokratischen Vorstellungen über die Organisation der Gesellschaft geprägt wird. In dieser elitären Weltanschauung gibt es keinen Bedarf an überholten Glaubenssystemen und Religionen. Aus ihrer Sicht ist die Religion, insbesondere das Christentum, nur ein Hindernis für die Art von Gesellschaft, die sie aufzubauen hoffen.

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Praxis der Entchristlichung

Die Päpste haben darauf hingewiesen, dass Säkularisierung in der Praxis eine „Entchristlichung“ bedeutet. Seit einigen Jahren gibt es in Europa und den Vereinigten Staaten das bewusste Bestreben, die christlichen Wurzeln der Gesellschaft auszulöschen und jeden immer noch vorhandenen christlichen Einfluss zu unterdrücken.  (...) Die neuen Gesellschafts-Bewegungen und ihre Ideologien, von denen wir heute sprechen, wurden in unseren Universitäten und Kultureinrichtungen über viele Jahre hinweg gesät und vorbereitet. Dieser Zusammenhang ist wichtig, um die Situation in den Vereinigten Staaten zu verstehen. Der Name George Floyd ist heute in der ganzen Welt bekannt. (...)

Um die neuen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit am besten zu verstehen, kann die Kirche sie meiner Meinung nach als Pseudo-Religionen und sogar als Ersatz für und Konkurrenten von traditionellen christlichen Glaubensüberzeugungen begreifen. Mit dem Zusammenbruch des jüdisch-christlichen Weltbildes und dem Aufkommen des Säkularismus haben auf sozialer Gerechtigkeit oder persönlicher Identität basierende politische Glaubenssysteme den Platz eingenommen, der einst von christlichem Glauben und christlicher Praxis besetzt war.

Neue Sinngeber

Wie auch immer diese Bewegungen genannt werden – „soziale Gerechtigkeit“, „Woke Culture“, „Identitätspolitik“, „Intersektionalität“, „Nachfolgeideologie“ –, sie behaupten, das zu bieten, was die Religion nicht gibt. Sie bieten den Menschen eine Erklärung für Ereignisse und Zustände in der Welt. Sie geben einen Sinn, ein Lebensziel und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Außerdem erzählen diese neuen Bewegungen genau wie das Christentum ihre eigene „Heilsgeschichte“. Um zu erklären, was ich meine, möchte ich kurz einen Vergleich zwischen der christlichen Geschichte und der Geschichte der sogenannten „Woke“-Bewegung oder der „sozialen Gerechtigkeit“ anstellen.

Die christliche Geschichte kann vereinfacht so beschrieben werden: Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen und dazu berufen, ein Leben des Segens zu führen, in Einheit mit ihm und mit unserem Nächsten. Das menschliche Leben hat ein von Gott gegebenes „Telos“, das heißt eine Absicht und eine Richtung. Aufgrund unserer Sünde sind wir von Gott und voneinander entfremdet, und leben im Schatten des Todes. Durch Gottes Barmherzigkeit und Liebe zu jedem von uns wurden wir durch Tod und Auferstehung Jesu Christi gerettet. Jesus versöhnt uns mit Gott und unseren Nächsten; er schenkt uns die Gnade, in sein Ebenbild verwandelt zu werden. Er ruft uns auf, ihm im Glauben zu folgen, Gott und unsere Nächsten zu lieben und am Aufbau seines Reiches auf Erden mitzuwirken. All dies in der zuversichtlichen Hoffnung, dass wir das ewige Leben mit ihm in der kommenden Welt erlangen werden. Das ist die christliche Geschichte. Und mehr denn je müssen die Kirche und jeder Katholik diese Geschichte kennen und sie in ihrer ganzen Schönheit und Wahrheit verkünden.

Ein würdiges Leben 

Wir müssen das tun, weil heute eine andere Geschichte im Umlauf ist. Ein gegensätzliches Narrativ der „Rettung“, das wir in den Medien und in unseren Institutionen hören und das den neuen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit entstammt.

Diese Geschichte bezieht ihre Stärke aus der Einfältigkeit ihrer Erklärungen – die Welt wird in Unschuldige und Opfer eingeteilt, in Verbündete und Kontrahenten. Dieses Narrativ ist aber auch deshalb attraktiv, weil sie auf reale menschliche Bedürfnisse und Leiden eingeht. Die Menschen leiden, sie fühlen sich diskriminiert und von den Möglichkeiten ausgeschlossen, die die Gesellschaft bietet. Diese Realität dürfen wir nie vergessen. Viele derjenigen, die sich diesen neuen Bewegungen und Glaubenssystemen anschließen, werden durch edle Absichten geleitet. Sie wollen die Bedingungen in der Gesellschaft ändern, die Männern und Frauen die Rechte und Möglichkeiten für ein würdiges Leben verwehren.

Selbstverständlich wollen wir alle eine Gesellschaft aufbauen, die jeder Person Gleichheit, Freiheit und Würde bietet. Wir können jedoch eine gerechte Gesellschaft nur auf dem Fundament der Wahrheit über Gott und die menschliche Natur aufbauen. Dies ist die ständige Lehre der Kirche und der Päpste in den letzten zwei Jahrhunderten und bis heute.

Der Himmel auf Erden

Die heutigen kritischen Theorien und Ideologien sind zutiefst atheistisch. Sie stellen die Seele und die spirituelle transzendente Dimension der menschlichen Natur in Abrede; oder sie glauben, dass sie für das menschliche Glück irrelevant sind. Sie reduzieren das Menschsein auf wesentlich körperliche Merkmale – auf unsere Hautfarbe, unser Geschlecht, unsere Gendervorstellungen, unseren ethnischen Hintergrund oder auf unsere Stellung in der Gesellschaft. Zweifelsohne handelt es sich um Elemente aus der in einer marxistischen kulturellen Vision verwurzelten Befreiungstheologie.

Sie ähneln ebenfalls mehreren Häresien und falschen Evangelien aus der Kirchengeschichte. Wie die Manichäer sehen diese Bewegungen die Welt als einen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen dem Gerechten und dem Ungerechten. Und wie die Gnosis lehnen sie die Schöpfung und den Leib ab. Sie scheinen zu glauben, dass Menschen zu all dem werden können, wozu auch immer wir uns entscheiden. Diese Bewegungen sind auch pelagianisch. Denn sie glauben, dass Erlösung durch unsere eigenen menschlichen Bemühungen ohne Gott vollbracht werden kann. Diese Bewegungen sind schließlich utopisch, weil sie offensichtlich daran glauben, dass wir durch politische Macht eine Art „Himmel auf Erden“, eine vollkommene Gesellschaft aufbauen können.

Ersatz für Religion

Erneut möchte ich unterstreichen, dass es wichtig für die Kirche ist, sich mit diesen neuen Bewegungen zu befassen, aber nicht in sozialer oder politischer Hinsicht, sondern indem sie als gefährlicher Ersatz für die wahre Religion wahrgenommen werden.

Indem sie Gott leugnen, haben diese neuen Bewegungen die Wahrheit über den Menschen aus den Augen verloren. Dies erklärt ihren Extremismus und ihre harte, kompromisslose und unnachgiebige Haltung in der Politik. Und weil diese Bewegungen den Menschen verleugnen, können sie – so gut sie auch gemeint sein mögen – aus der Sicht des Evangeliums keine echte menschliche Entwicklung fördern.

In meinem Land kann man beobachten, wie diese streng säkularen Bewegungen zu neuen Formen der sozialen Spaltung, Diskriminierung, Intoleranz und Ungerechtigkeit führen. (...)

Handlungsoptionen

Die Frage ist: Was sollen wir tun? Meine Antwort ist einfach: Wir müssen Jesus Christus verkünden. Mutig und kreativ. Wir müssen unsere Heilsgeschichte auf eine neue Art und Weise erzählen, mit Liebe und Zuversicht, ohne Angst. Das ist der Auftrag der Kirche für alle Zeiten und für alle kulturellen Epochen.
Wir sollten uns von den neuen Religionen der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Identität nicht einschüchtern lassen. Das Evangelium ist nach wie vor die stärkste Kraft für soziale Veränderungen, die es jemals in der Welt gegeben hat.

Der Verfasser ist Erzbischof von Los Angeles und Vorsitzender der amerikanischen Bischofskonferenz. Der vorstehende Text dokumentiert Auszüge aus einem Vortrag, den er kürzlich per Videoschalte beim Kongress der Katholiken und des öffentlichen Lebens in Madrid gehalten hat.

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