Gesundheit

Neue Erfüllung nach dem gesundheitlichen Rückschlag finden

Lange habe ich all meine Energie in den Beruf gesteckt. Mit einem Herzinfarkt war auf einmal alles anders. Ein neues, hoffnungsvolles Leben begann.
Anne Wegener
Foto: privat | Von der Architektin zum Pflegefall: Anne Wegener.

Die Katastrophe geschah, als ich mich in einer Phase des Wandels befand, in großer Unruhe war und nach einer Veränderung verlangte. Ich war Anfang 50 und seit ein paar Jahren beruflich in eine Sackgasse geraten. All meine Energie habe ich für den Beruf aufgewendet. In den vorhergehenden Jahren hatte ich als Architektin mehrmals den Job gewechselt. Ich wollte eine neue Perspektive für mein Leben, aber für nichts brannte ich wirklich. Ich war in der Vorstellung gefangen, dass ich nur etwas wert bin, wenn ich etwas erreiche. Erschwerend kam hinzu, dass meine Ziele so hoch hingen, dass ich sie niemals würde erreichen können. So blieb der Erfolg aus. Privat hatten sich meine Wünsche auch nicht erfüllt.

Im Mai 2018 wurde ich als Notfall in die Uniklinik Köln eingewiesen. Als ich am Hochfest Christi Himmelfahrt mittags nach der Messe plötzlich Lähmungen am rechten Arm und Bein verspürte, habe ich selber den Krankenwagen gerufen.

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Ein Tumor

Es wurde ein Gehirntumor festgestellt, der an einer sehr ungünstigen Stelle lag, am Ende vom Hirnstamm.

Man riet mir zu einer Operation, die zeitnah erfolgen sollte. Drei Tage später wurde ich operiert, 14 Stunden lang. Als ich abends aufwachte, war ich gelähmt, nur durch ein Zwinkern der Augen konnte ich kommunizieren. Mein Umfeld war geschockt, auch der Chirurg konnte es nicht fassen. Es stellte sich heraus, dass ich während der Operation einen Herzinfarkt erlitten hatte, der die Lähmung aller Gliedmaßen zur Folge hatte.

Die erste Phase der Erkrankung, Intensivstation und der lange Reha-Aufenthalt waren äußerlich eine schwere Zeit. Es war aber auch eine Zeit der besonderen Gnade. Um mich herum hatte ich durch das medizinische Personal eine sehr gute Betreuung, mein privates Umfeld war über das Maß liebevoll und aufopfernd.

Harter Alltag

Seelsorger waren regelmäßig engmaschig für mich da. Es gab immer wieder Momente vollkommenen Friedens und der Gottesnähe. Ich durfte mich oft beschenkt fühlen durch die Nähe all dieser Menschen. Dazu löste jeder Fortschritt den ich machte eine riesige Freude in mir aus.

So war ich den Herausforderungen mit den täglichen Härtetests gewachsen, die der Alltag so mit sich brachte.

Weil ich die ganze Zeit so vollständig auf Hilfe angewiesen war, ähnelt diese Phase für mich der eines Kleinkindes.

Auf der Intensivstation kamen die Ärzte oft zusammen und sprachen über meine Chancen auf Rehabilitation. Sie haben mir geringe Chancen eingeräumt. Ich habe versucht, ihre Aussagen zu ignorieren.

Aus dem Weg

So ist es bis heute: Ich gehe Menschen aus dem Weg, die mir den Glauben am Erfolg meiner Therapien nehmen wollen und den Glauben an Wunder. Denn die feste Überzeugung trage ich in meinem Herzen, dass Gott etwas Gutes für mich hat und dass dieser Lebensabschnitt mit einer Behinderung und seinen schwierigen Lebensumständen einen Sinn hat.

Zehn Monate Reha-Aufenthalt und über zwei Jahre Aufenthalt in einem Pflegeheim liegen hinter mir. Meine Wohnung musste aufgelöst werden. Was äußerlich meine Persönlichkeit ausmachte, was ich im Leben auch erreicht hatte, war nicht mehr relevant und verloren. Mit dem Eintritt in ein Heim war ich nun eine „Behinderte“ unter vielen „Behinderten“, die meistens im Rollstuhl sitzen.

Der Umzug in ein Pflegeheim für Menschen mit Behinderungen war nach neun Monaten Reha-Aufenthalt nicht einfach. Das Heim ist eine Einrichtung für jüngere Menschen, auch mit mehrfachen Behinderungen in Köln. Zu Anfang bin ich mir dort wie in einem Gefängnis vorgekommen, über mich wurde bestimmt, ich fühlte mich ausgeliefert. Zu Beginn war ich unsicher. Wem konnte ich hier vertrauen, wollte die Leitung wirklich mein Bestes, wer würde sich hier für mich einsetzen?

Chancen im Heim

Allmählich erkannte ich aber, welche Chancen sich mir im Heim eröffnet haben. Ein Künstler hat mich angeleitet, wieder zu malen. Das war das größte Geschenk für mich und die Freude und Dankbarkeit die ich darüber empfinde, sind unbeschreiblich. Andere spannende Aktivitäten folgten.

Zu sehen, welche Schicksale auch ganz junge Menschen erleiden, war anfangs schwer anzusehen und zu ertragen. Die Fragen die damit einhergehen, werden nicht aufhören, mich zu beschäftigen und fordern meinen Glauben, mein Gebet.

Mein neues Leben ist von meinem Aufwachen im Krankenhaus bis heute im Heim stark geprägt von den täglichen Kontakten besonders zum Pflegepersonal. Nie zuvor habe ich so beziehungsreich gelebt. Die Begegnungen mit Menschen, die sich mir oft mitteilen, die mir Einblicke in ihr Leben gestatten, haben mich reich gemacht.

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Erfahrungen

Über meine Erfahrungen mit Menschen, die mich pflegen, könnte ich viel schreiben. Auch darüber, wo die Pflegeversorgung unzureichend ist, was dem Zustand des Pflegeberufs allgemein geschuldet ist, etwa den oft zu knapp besetzten Schichten, insgesamt dem Personalnotstand in Deutschland. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind sehr hart, die Arbeit wird unter extremem Zeitdruck erledigt.

Die mir wertvollste Erinnerung an Kontakte mit Pflegern hatte ich während des Reha-Aufenthalts, als mein Körper noch sehr schwach war. Ich hatte in ein paar Begegnungen mit Krankenschwestern den Eindruck, dass der Heilige Geist unter uns war. Sie hatten eine Berührung mit Gott, so sehr sie auch beteuerten, mit Gott nichts anfangen zu können, und, wie eine Pflegerin mir sagte, Gott wolle auch von ihr nichts mehr wissen. Diese Erlebnisse haben mich sehr geprägt.

Auch in Erinnerung geblieben ist mir, dass wir uns manchmal an Tagen, die weniger von Erfolg gekrönt waren, vor Lachen über Kleinigkeiten ausgeschüttet haben. So war der kurzzeitige Verdruss verflogen und ich hatte den Humor endlich gelernt.

Schicksal 

Für viele, die mich heute im Rollstuhl sitzen sehen, die in diesem Schicksal viel Leid sehen, wird es schwer nachvollziehbar sein, wenn ich schreibe, ich bin jetzt auf dem richtigen Weg. Das Leben, das ich heute lebe, erlebe ich als sinnvoll. Ich weiß mich am richtigen Platz, weil ich nicht zweifele an Gottes Führung und im Vertrauen auf Gott lebe. An dieser Stelle kommt mir eine Empfindung in Erinnerung, die ich auf dem Jakobsweg hatte, den ich vor vielen Jahren gegangen bin. Die Vorstellung, jeden Morgen die nächste Etappe zu gehen und die richtige Richtung einzuschlagen, hat mich glücklich gemacht. Das kann vielleicht nur jemand nachempfinden, der, wie ich, ständig auf der Suche war, und viele Wege ausprobiert hat.

Seit zwei Jahren lebe ich die zweite Etappe meines Lebens mit Behinderung, vielleicht die eines Kindes, das laufen lernen will. Allererste Schritte konnte ich machen, von zwei Therapeuten abgestützt. Ich erwische mich dabei, wie ich anfange, Erwartungen an meine Zukunft zu hegen, mit altem Anspruchsdenken. Das verbiete ich mir aber schnell wieder. Was auch geschehen mag, ich möchte meinen zukünftigen Weg weiter als Geschenk empfangen, nicht als Folge meiner Willensanstrengung. Es ist ein Wunder, dass ich nicht zurückgeschaut habe, mich nicht fokussiere auf das, was ich verloren habe, auf das, was nicht mehr geht. Es ist vielmehr so, dass ich meinen Weg annehme und bejahe, wie eine Aufgabe, die ich zu meistern und zu gestalten habe, wenn auch keine kleine Aufgabe.

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