Frankfurt

Mosebach: "Eine Direktübertragung ist nicht die Sache selbst"

Livestream-Messen haben für ihn den Charakter einer Fotografie, sind nicht die Sache selbst: Der Schriftsteller Martin Mosebach über die Schutzbedürftigkeit des Messmysteriums im Zeitalter der Pandemie.
Martin Mosebach über die Schutzbedürftigkeit des Messmysteriums
Foto: Stefano dal Pozzolo (KNA) | "Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass die Kirche immer zwischen dem profanen und dem sakralen Raum unterschieden hat", meint Martin Mosebach.

Herr Mosebach, ein deutscher Bischof hat von "Luxusproblemen" mit Bezug auf die Liturgie gesprochen. Gemeint waren die Verhandlungen über die Zulassung öffentlicher Eucharistiefeiern. Wundert Sie das?

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Das wundert mich überhaupt nicht. Diese bischöfliche Reaktion erinnert mich an ein Gespräch, das ich einmal mit dem Finanzgeschäftsführers eines großen Verlages hatte: es sei ein wunderbarer Beruf, aber er fühle sich in seiner Arbeit immer wieder stark behindert durch "die Leute, die vom Buch herkommen". Ich habe den Eindruck, dass einem modernen Bischof in gleicher Weise die Leute auf die Nerven gehen, "die vom Sakrament herkommen". Dabei hatte die deutsche Kirche doch beinahe einen Idealzustand erreicht: viel weniger solche lästigen Mitglieder, aber satte Steuereinnahmen, die es möglich machen, auf einigen Feldern der Politik eine gewisse Rolle zu spielen, jedenfalls im öffentlichen Raum vorerst noch geduldet zu werden.

Was ist uns bei dieser Entwicklung aus dem Blick geraten?

Dass die ganze Bedeutung eines Bischofs ausschließlich mit seiner Eigenschaft als Hoherpriester zusammenhängt, scheint etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Aber ein Bischof, der die Feier der Sakramente für Luxus, mithin für überflüssig erklärt, sollte bedenken, dass dann auch das Bischofsamt Luxus ist und daraus die Konsequenz ziehen.

Haben Sie selbst in den letzten Wochen Übertragungen der Liturgie gesehen? Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Ich habe an Gründonnerstag und zur Ostervigil die Liturgie in SS.Trinit  dei Pellegrini in Rom angesehen, deren Bruderschaft ich angehöre. Aber das geschah mehr aus einem Gefühl der persönlichen Verbundenheit als in der Absicht, wirklich das Sakrament der Eucharistie mitzufeiern. Ein solches Video, auch wenn es eine Direktübertragung ist, hat für mich den Charakter einer Fotografie, es ist nicht die Sache selbst. Aus meiner Jugend habe ich noch die deutliche Erinnerung an Sonntagvormittage mit Radioübertragungen von Gottesdiensten mit den hallenden Stimmen der Prediger, während schon der Duft von Kaffee und Toast durch die Wohnung zog.

Sehen Sie Gefahren?

"Ich sehe die Gefahr, dass in der eigenen häuslichen
Umgebung durch die Übertragung von Liturgie
fatale geistlich-ästhetische Collagen entstehen können"

Ich sehe die Gefahr, dass in der eigenen häuslichen Umgebung durch die Übertragung von Liturgie fatale geistlich-ästhetische Collagen entstehen können. Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass die Kirche immer zwischen dem profanen und dem sakralen Raum unterschieden hat. Das Messmysterium bedarf eines Schutzes; es wird am "locus terribilis", dem ehrfurchtgebietenden Ort gefeiert, wie es bei der Weihe einer Kirche heißt.

Und welches Beispiel gibt Jesus selbst?

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Der Jesusknabe wollte im Haus seines Vaters sein und der erwachsene Jesus hat den Tempel immer wieder aufgesucht, auch als es für ihn gefährlich dort wurde, obwohl er sich doch selbst als Tempel ansehen durfte. Die christliche Religion blickt auf das Jenseits, sie ist aber zugleich im höchsten Maße auf die Materie bezogen und hat einen radikalen Spiritualismus immer als häretisch zurückgewiesen. Wir sollen uns davor hüten, unsere spirituellen Möglichkeiten zu überschätzen. Die Kirche tauft eben nicht nur im Geist, sondern auch mit Wasser und Blut. Und sie vergegenwärtigt das Kreuzesopfer nicht in geistigen Akten, sondern in manifesten Aktionen an ganz bestimmten Orten.

Eine Erfahrung der nachkonziliaren Jahre war, dass sich die Kirche schwer schadet, wenn Gewachsenes über Nacht verboten wird und Geistliche den Hebel umlegen. Dennoch geschieht das, wenn auch nur vorübergehend, derzeit. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem pandemiebegründeten Gottesdienstverbot und der Liturgiereform?

Die Suspendierung der Liturgie gerade in der Fastenzeit und an Ostern ist auf jeden Fall ein tiefer Einschnitt gewesen, der dazu noch zu einem Moment kam, als das geistliche Leben der Kirche nicht gerade in Frühlingsblüte stand. Es geschah ja auch so undramatisch. Noch bevor der Staat die öffentlichen Liturgien verbot, zeigten die Bischöfe vorauseilenden Gehorsam und erklärten die Sonntagspflicht für suspendiert. Es könnte durchaus sein, dass in der allgemeinen Erschlaffung, verbunden mit den Sorgen um den Nachwuchs und den Beruf, das Gefühl: "Es geht also auch ohne" um sich greift. Das "Opus Dei", so nennt der heilige Benedikt die Liturgie, dürfe nicht verkürzt werden - das ist eine der vorausschauenden Regeln, die den Benediktinerorden durch die Jahrhunderte geführt hat.

"Die Suspendierung der Liturgie gerade in der Fastenzeit
und an Ostern ist auf jeden Fall ein tiefer Einschnitt gewesen"

Auf welchem Boden ist diese Entwicklung gewachsen?

Ohne Zweifel hat die Entwicklung nach der Liturgiereform Pauls VI., die so vieles  einst  Sichere zur Disposition stellte, insgesamt ein "lockeres" Verhältnis zur Liturgie begünstigt. Feste können verlegt werden, die Sonntagsmesse kann auch am Samstag gefeiert werden, die Messe ist nicht mehr in das Stundengebet eingebettet und kann also auch abends stattfinden, Priester haben Anspruch auf ihren "liturgiefreien Tag", und wenn die Messe mal ausfällt, ist es auch kein Beinbruch, vielleicht gibt es sogar eine Kommunionfeier mit der Gemeinderefentin. In diesem Umfeld ist der vollständige Ausfall der Liturgie während des Osterfestes dann eigentlich gar nichts Ungewöhnliches mehr.

Auffallend ist, dass auch traditionstreue Katholiken das Verbot öffentlicher Gottesdienste mitgetragen haben und alte Messen übertragen worden sind. Noch Robert Spaemann (+ 2018) plädierte mit Nachdruck für alte Messen ohne Mikrofon. Wie ist diese Verschiebung innerhalb der Traditionalisten zu erklären?

Josef Pieper war Anfang der 50er Jahre von den deutschen Bischöfen um ein Gutachten gebeten worden, ob die Fernsehübertragung der Messe zulässig sei   ein Bewusstsein für das Problem ist damals also noch vorhanden gewesen. Piepers Antwort war ein klares Nein. Er erinnerte daran, dass in der Tradition der West- und der Ostkirche die Messe ein Arkanum ist, an dem nur die Getauften, und von denen hinwiederum nur die im Stand der Gnade Befindlichen teilnehmen dürfen. Noch heute ruft der orthodoxe Diakon vor dem Beginn der Opferhandlung: die Türen! Achtet auf die Türen! Nach diesem Ruf hatten die Ungetauften und die öffentlichen Sünder den Kirchenraum zu verlassen, sie durften der Messe im Narthex, der Vorhalle, durch Fenster folgen. Bis zum II. Vatikanum war der unterste Rang des Priestertums der Ostiarius, der Türhüter, der dafür zu sorgen hatte, dass die heilige Handlung ungestört ablief.

Was bedeutet das in Bezug auf die Traditionalisten?

Inzwischen dürfte es wenige geben, auch unter den Anhängern der Tradition, die Verständnis für eine solche geistliche Disziplin der Ausschließung haben. Ausschließung ist ohnehin von gesellschaftlichen Standpunkt etwas ganz Böses, alle müssen zu allem zugelassen sein. Traditionalist zu sein heißt im übrigen ja nicht, vor allen Einflüssen der Zeit bewahrt zu bleiben, auch Traditionalisten sind überwiegend moderne Menschen und aufgeklärte Demokraten und das kann auch gar nicht anders sein. In den alten Gebeten zur Priesterweihe wurde die Messe die "res periculosa" genannt, die gefährliche Sache. Verständlich, dass diese gefährliche Sache geschützt, gehegt, mit unendlichen Vorsichtsmaßnahmen umgeben werden musste. Wir wollen das entspannter sehen, aber dann müssen wir auch zugeben, dass unsere Auffassung von der Liturgie mit der des Heiligen Paulus nichts mehr gemein hat.

"Auch Traditionalisten sind überwiegend moderne
Menschen und aufgeklärte Demokraten
und das kann auch gar nicht anders sein"

Auch Orthodoxe und Kopten haben sich den öffentlichen Vorgaben gebeugt. Sind die Christen über die Konfessionsgrenzen hinweg rationaler oder auch nur politisch abhängiger geworden?

Orthodoxe und Kopten sind in ganz anderer Weise den jeweiligen Staaten unterworfen   die Freiheit der katholischen Kirche in Europa, gerade auch in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechtes, ist ihnen unbekannt. Dennoch gibt es aufgrund der viel stärkeren Bindung der Gläubigen an die Liturgie dort Ausnahmen von der Unterordnung unter das Liturgieverbot. Der Patriarch von Addis Abeba hat den Karfreitag soeben auf einem großen Platz gefeiert, auf dem tausende Gläubige sich in Zweimeterabstand aufgestellt hatten, um gemeinsam die vierzig an diesem Tag vorgeschriebenen Prostrationen zu vollziehen. So ist bei der großen Pest in Mailand übrigens auch der heilige Karl Borromäus verfahren und hat Messen an Straßenkreuzungen lesen lassen   in einer solchen Not ist vom Prinzip des heiligen Raumes ausnahmsweise einmal abzusehen.

Und die Praxis?

Ich weiß aber auch von einer großen deutschen Domkirche, in der die Messe in einer abgelegenen Seitenkapelle zelebriert wird, während sich bis zu fünfzig Gläubige in Sicherheitsabstand über das gesamte Kirchenschiff verteilen – sie sehen die Zelebration nicht, aber in einer vollen Kirche, in der man hinter der Säule steht, sieht man sie auch nicht, man befindet sich aber mit ihr im heiligen Bezirk. Es gibt genügend große Kirchen, in denen man ähnlich hätte verfahren können. Die grundsätzliche Möglichkeit zu solchen Lösungen hätten sich die Bischöfe mit ihrem politischen Einfluss nicht abhandeln lassen dürfen. Stattdessen war es Propst Goesche vom Institut St. Philipp Neri in Berlin allein, der vor Gericht versucht hat, für eine behutsame, den Quarantänevorschriften entsprechende Lösung zu streiten.

Viele Gläubige erleben derzeit eine autoritär auftretende Kirche. Anweisungen werden erteilt, ihre Befolgung überprüft. Wagen Sie eine Prognose, wie diese Erfahrung die Kirche verändern werden? Müssen wir mit einem Corona-Kater rechnen, bei dem sich die progressiven Kräfte erst recht aufbäumen?

Ich habe eigentlich nichts dagegen, wenn sich die Kirche zu ihrer Autorität bekennt, sie tut es für mein Gefühl viel zu wenig. Wenn es um die Verteidigung der Tradition geht und bei den seit Jahrzehnten im Schwange befindlichen Fragen zum Priestertum der Frau, zur Sakramentengemeinschaft mit den Protestanten und zum Zölibat, ducken die Träger der Lehrautorität sich entweder weg oder suchen den Beifall vor allem des nicht-katholischen Publikums. Aber wenn man sich zum Büttel des Staates machen kann, dann ist die Autorität, die gern verleugnete, plötzlich wieder da. Dann gelingt das Anordnen und Befehlen auf einmal wieder. Vielleicht ermutigt diese Erfahrung den einen oder anderen Bischof ja, es später, wenn es wieder um die Bewahrung der Rechtgläubigkeit geht, auch wieder einmal mit der Autorität zu versuchen.

Es werden in diesen Tagen von allen Seiten die Chancen beschworen, die im Eucharistiefasten liegen. Wie realistisch ist diese Einschätzung?

"Wer ohnehin ganz aus der Eucharistie lebt, wird durch
ihre Verweigerung leiden, wem sie zur Routine
geworden ist, der wird sie bald nicht mehr vermissen"

Man sagt, mit der Liebe und der Entfernung verhalte es sich wie mit dem Feuer und dem Wind: Ein großes Feuer wird dadurch noch größer, ein kleines wird ausgepustet. Wer ohnehin ganz aus der Eucharistie lebt, wird durch ihre Verweigerung leiden, wem sie zur Routine geworden ist, der wird sie bald nicht mehr vermissen. Insoweit kann die Quarantäne auf manchen als eine bischöflich genehmigte Entwöhnung wirken. Ich vermute darüber hinaus aber, dass die erwähnte Eucharistie-Routine die eigentliche Gefahr für eine gläubige Kommunion darstellt. Dass in einer Messfeier die ganze Gemeinde geschlossen zur Kommunion geht, ist vom Standpunkt der angemessenen Vorbereitung des Sakramentenempfangs eine Unmöglichkeit – da müsste mindestens die Hälfte in den Bänken bleiben, was vor dem Zweiten Vatikanum übrigens auch so gewesen ist.

Wie ist der Verzicht auf die Eucharistie heute einzuordnen?

Zur Erinnerung: In der Orthodoxie ist zum Empfang der Kommunion ein vorhergehender Fast- und Abstinenztag und die Beichte nicht länger als 24 Stunden davor erforderlich, weshalb die meisten Orthodoxen keineswegs allsonntäglich zur Kommunion gehen. Das entspricht der Tradition der Alten Kirche, auf die sich die Liturgiereformer so gern berufen. Es war erst Papst Pius X., der den häufigen Kommunionempfang propagiert hat, in den vielen Jahrhunderten vor ihm ging man behutsamer mit der „res periculosa“ um. Geistlichen Sinn kann der Verzicht auf die Eucharistie allerdings nur entfalten, wenn er aus der Bußgesinnung des Einzelnen heraus geschieht, nicht wenn er als polizeiliche Maßnahme allgemein verordnet wird.

Was empfinden Sie in dieser Osterzeit als geistlichen Trost?

Ich mag den Begriff Trost nicht besonders, er hat für mich etwas Verheultes an sich – das Schlimme muss entweder geändert oder ausgehalten werden, aber es sich erträglich reden, nein, da mache ich nicht mit. Im übrigen: Die kosmische Feier der Auferstehung, die Hochzeit des Lammes, findet sowieso ganz ohne unser Zutun und ohne unser Hinzutreten statt – wer will, mag das tröstlich finden, man könnte darüber aber auch erschrecken.

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