Schutzpatron der Kirche

Männlichkeit jenseits aller Rollenbilder

Zum 150. Jahrestag der Erhebung des heiligen Josef zum Schutzpatron der Kirche reflektiert Papst Franziskus über den „Vater im Schatten“. Was der Nährvater Jesu für das priesterliche Selbstverständnis heute bedeutet. 
Foto: Universität Cambridge | Der heilige Josef gab Heimat und Lebensentwurf auf und wurde zum „Beschützer des Erlösers“ (Johannes Paul II.). Ein Buchdruck zeigt die heilige Familie nach Jesu Geburt.

Seit der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich zu Beginn der 60er Jahre den Begriff der „vaterlosen Gesellschaft“ prägte, gehört dieser zu den am meisten genannten Merkmalen westlicher Gesellschaften.

Tatsächlich aber ist das Abhandenkommen des Vaters ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist, gerade auch in Ländern, die sich seit Jahren oder gar Jahrzehnten im Krieg befinden oder auch solchen, in denen Landflucht und Arbeitssuche in Großstädten zur Trennung von Familien führen, deren Mitglieder sich nicht selten völlig aus den Augen verlieren.

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Orientierung

Dies wahrzunehmen und sich nicht achselzuckend damit abzufinden, sollte immer wieder neu der Grundimpuls für christliches Gegenhandeln sein, bekennen wir uns doch im Glauben zu Jesus Christus, der sich selbst als Menschensohn benannte (Matthäus 16,13) und Gott als seinen Abba/Vater (Markus 14,36) ansprach! Die göttliche Vater-Sohn-Beziehung, erweitert um die personifizierte Liebe zwischen beiden, den Heiligen Geist, gehört zum innersten Kern unseres Glaubensgeheimnisses.

Zugleich wissen wir: Um in diesem Leben die Orientierung zu behalten, bedürfen wir der Erdung: Die Heilige Schrift in ihren beiden Teilen weist uns den Weg in der Nachfolge Christi. Die Evangelien von Matthäus und Lukas geben Einblick in eine vertraut erscheinende Familiensituation, eine Eltern-Kind-Beziehung, die erst bei näherem Hinsehen ungewohnt, ja sogar provozierend wirkt.

Erhebung zum Schutzpatron

Anlässlich des 150. Jahrestages der Erhebung des heiligen Josef zum Schutzpatron der Kirche reflektiert Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Patris corde“ die Einzigartigkeit der Heiligen Familie aus der Perspektive des „Vaters im Schatten“ (PC 7). Unseren autoritätshungrigen und dabei oft verantwortungsarmen Gesellschaften stellt der Papst mit dem Nährvater Jesu einen Mann vor Augen, der weder ins traditionelle noch ins moderne Rollenbild passt: einen Menschen, der auf einmalige, unwiederholbare Weise liebender Ehemann und Vater war.

An der zentralen Weggabelung seines Lebens richtete sich Josef nicht nach dem, was „man tut“, was in den Augen der Menschen als Pflicht beziehungsweise Gesetz gilt, sondern reflektierte seine Lebensentscheidung vielmehr unter dem Blickwinkel der Ewigkeit und bekam in vier Traum-Aufträgen Antwort auf seine Fragen. Ohne Rücksicht auf eigene Vorstellungen und ohne viel Aufhebens darum zu machen – die Evangelien überliefern bekanntlich kein einziges Wort von ihm – erfüllt Josef das Gebot der jeweiligen Stunde, als, wie der Papst sagt, „ein Mensch der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart.

Beschützer des Erlösers

Der heilige Josef gab Heimat und Lebensentwurf auf und wurde zum „Beschützer des Erlösers“ (Johannes Paul II.). Als geduldeter Flüchtling in Ägypten und Zimmermann in Nazareth sorgte er unter den Augen feindseliger Besatzer „für das Kind und dessen Mutter“ (Matthäus 2,21). Zweifellos stand auch er wie jeder Mensch im Spannungsfeld zwischen Depression und Aggression. Doch er hielt stand und nicht nur das: An seinem Ziehsohn können wir ablesen, aus welchen Quellen dieser unscheinbare Mann lebte. Das Vaterbild Jesu, es wurde selbstverständlich von Josef mitgeprägt!

Nehmen wir als Christen, als Priester und Seelsorger ernst, was uns die Psychologie und die zwischenmenschliche Erfahrung lehrt? Unser aller Gottesbild, die Wahrnehmung von Gott als Vater (Markus 14,36) und Mutter (Jesaja 66,13), wird wesentlich durch die Menschen geformt, die uns von Kindesbeinen an begleiten. Deshalb braucht ein Kind Vater und Mutter, mütterliche und väterliche Bezugspersonen, um sich als Kind Gottes erfahren zu können.

Anrede als Vater

Daher ist der heilige Josef gerade für alle in der Seelsorge Tätigen ein Vorbild, und besonders „jeder Priester oder Bischof“, so führt Papst Franziskus aus, sollte mit Paulus sagen „können: ,In Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt‘“ (PC 7). Diese spirituelle Tradition muss jedoch, will sie glaubwürdig sein, verlebendigt werden. So bleibt z.B. die Pater- bzw. Father-Anrede, die unter Katholiken bis heute vielfach üblich ist, eine leere Floskel, wenn sie im Leben und Wirken des einzelnen Geistlichen keine Entsprechung hat. Damit ein Priester nicht der Versuchung erliegt, innerhalb der Gemeinde seine Person in den Vordergrund zu stellen, bedarf er jener „Demut von Herzen“ (Matthäus 11,29), die wir vom Sohn Josefs, unserem Herrn Jesus Christus, lernen können.

Darüber hinaus ist recht verstandene – leibliche und geistige - Elternschaft nach den Worten des Papstes „nie besitzergreifend“, sondern trägt „zeichenhaft“ bereits den Verweis „auf eine höhere Vaterschaft“ in sich. Was für alle Menschen gilt, hat für uns Männer, deren ungleich größere Defizite in der Verantwortungsübernahme für Anvertraute und Schutzbefohlene weltweit zu beklagen sind, und ebenso für uns Priester eine zentrale Bedeutung: Eingebunden in das Volk Gottes und berufen zum Dienst an den Gläubigen, „müssen wir uns immer fragen, ob wir Jesus und Maria, die auf geheimnisvolle Weise unserer Verantwortung, unserer Fürsorge, unserer Obhut anvertraut sind, mit all unseren Kräften behüten.“

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Liebe zur Wirklichkeit 

„Das Kind und seine Mutter zu lieben“, bedeute, so der Papst weiter, „die Sakramente und die Nächstenliebe zu lieben; die Kirche und die Armen zu lieben. Jede dieser Wirklichkeiten ist immer das Kind und seine Mutter“.

Implizit knüpft der Heilige Vater damit an einen der zentralen Grundsätze aus „Evangelii Gaudium“ an: „Die Wirklichkeit steht über der Idee“. In der Enzyklika hatte er mit Blick auf das Problem, dass sich nicht selten „religiöse Führungskräfte (…) fragen, warum das Volk sie nicht versteht und ihnen nicht folgt“, die Vermutung geäußert: „Wahrscheinlich ist das so, weil sie sich im Reich der reinen Ideen aufhalten und (…) den Glauben auf die Rhetorik beschränkt haben“ (EG).

Die vom heiligen Josef praktizierte Liebe zur Wirklichkeit, die Liebe für den Menschen, der mir hier und jetzt der von Gott gegebene Nächste ist, entlarvt allerdings auch manch Anderes als abwegig und irreführend, wie zum Beispiel die Diskussion um ein Ranking unter den Grundzügen des Glaubens. Gerade in Zeiten des Priestermangels darf die Liturgie, die Feier des Gottesdienstes, nicht absolut gesetzt werden, in der Weise, dass sich ein Priester ausschließlich darüber definiert.Gottes- und Nächstenliebe sind ebenso untrennbar verbunden, wie die „Diakonia“, die gelebte Caritas, zur Liturgie gehört. Daher ist auch der Diakonat nicht einfach eine Stufe, die man bei der Priesterweihe hinter sich lässt, sondern vielmehr der unverzichtbare Unterstrom lebendigen Glaubens – Nächstendienst, den jede Christin und jeder Christ zu leisten hat und eben deswegen erst recht der damit ausdrücklich beauftragte Priester und Bischof.

Lebenszeugnis

Außerdem lehrt die Erfahrung, dass „Martyria“, das christliche Lebenszeugnis, nicht standhalten kann ohne die bergende Gemeinschaft, die sich in der Kirche manifestiert - einer Kirche, die ihren Namen allerdings nur verdient, wenn in ihr die Armen einen festen, unbestrittenen Platz haben und immer mehr bekommen. Nicht zuletzt mahnt der Papst im Blick auf Josef, den treuen Arbeiter, wiederum die Empathie und das Engagement von uns allen an, wenn er fragt: „Wie können wir über Menschenwürde sprechen, ohne uns dafür einzusetzen, dass alle und jeder einzelne eine Chance auf einen würdigen Lebensunterhalt haben?“ (PC). Möge uns der heilige Josef „Gnade, Barmherzigkeit und Mut“ erbitten, wie es im abschließenden Gebet des Papstes heißt, damit wir - wie er - erkennen, was der Herr von uns will!

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