Klosterleben

Im Kloster leben statt für Audi Sitze kaufen

Früher kaufte Stefan Schneider luxuriöse Autositze für Audi. Heute ist Pater Johannes-Elias Prior eines Klosters der Johannesbrüder. Die Geschichte einer Herzensentscheidung.
P. Johannes-Elias
Foto: privat | Pater Johannes-Elias (3.v.l.) beendete seine aussichtsreiche Karriere bei Audi, um Gott ein Leben in Armut zu widmen.

Pater Johannes-Elias steht in grauer Kutte und ausgetretenen Jesus-Sandalen im Garten. Um ihn herum laufen fünf Hühner. In der Hand hält er ein Smartphone, sein Blick ist gen Himmel gerichtet. Johannes-Elias betet nicht: Er steuert eine Drohne. Sie gehört Markus, einem Dorfbewohner, der, ebenfalls mit einer Steuerung, neben dem Mönch steht. Die beiden sind wie zwei Jungs, die sich an einem neuen technischen Spielzeug probieren.

Mit der Drohne möchte der Pater das Kloster von oben filmen und in einen Werbefilm für die St. Johannes Gemeinschaft integrieren. Gerade wird nämlich das Gästehaus renoviert. Jedes Zimmer soll ein eigenes Bad bekommen. „Armut bedeutet nicht, nur billige Sachen zu haben“, meint der Prior schmunzelnd. Ursprünglich liegt Armut nicht in den Genen von Pater Johannes-Elias. Einst ging er als Stefan Schneider in dem Hauptquartier des Autoherstellers Audi einem gutbezahlten Job nach und träumte von Karriere.

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Im Holzkloster

Wenn man ins Kloster eintritt, legt man seinen bürgerlichen Namen ab und wählt einen neuen. Den Ingolstädter Glaspalast mit den vier Ringen verließ der Mönch für das Marchegger Holzkloster mit dem Kreuz. Marchegg – das ist ein 2989-Seelen-Dorf am östlichsten Rand von Österreich. Steht man am Ufer der March, kann man hinüber in die Slowakei blicken. Der Geist eines ehemaligen Niemandslandes, gerade noch Westen, fast Osten, bedingt durch den Eisernen Vorhang, ist an manchen Tagen in dem Dorf noch spürbar. Die französischen „Brüder vom Heiligen Johannes“ siedelten sich 1994 in der Storchenstadt an. Das kleine Kloster aus hellem Holz mit dem großen Garten wurde vor 20 Jahren von sechs Mönchen fertig gebaut. Doch das war lange vor Pater Johannes-Elias‘ Zeit.

Es gibt nicht nur den Widerspruch zwischen Armut und Reichtum, sondern auch den zwischen Herz und Verstand. Während in Marchegg gemächlich das Kloster entstand, musste Stefan diese Kämpfe in seinem Inneren mehrmals ausfechten: Das erste Mal direkt nach seinem Abitur in Ingolstadt. Sein Verstand entschied sich damals für das Wirtschaftsingenieurswesen-Studium in Karlsruhe, gegen das Herz, das Medizin studieren wollte. „Ordentlich Geld verdienen“ versus „etwas Soziales, für Menschen tun“, so beschreibt der Pater die Situation. Er sei damals recht materialistisch eingestellt gewesen. Gleichzeitig gab es in ihm den Wunsch, auszubrechen und etwas Ungewöhnliches zu machen.

In dem Studenten streiten Vernunft und Abenteuerlust

Mit 22 besuchte der katholisch sozialisierte Student eine Silvester-Jugendfreizeit in dem bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje. Trotz der extremen Kälte dort und den eingefrorenen Heizungen war Stefan von etwas besonders angerührt und angezogen. So wie hier hatte er Kirche davor noch nie erlebt: lebendig, gemeinschaftlich. Zugleich fühlte er sich konfrontiert mit einer Leere, der er sich bis dahin nicht hatte stellen wollen. Jetzt konnte er nicht mehr davonlaufen. Die Erkenntnis, dass er in seinem bisherigen Leben Idealen gefolgt war, die nicht lebenserfüllend sein können, brannte sich in ihm ein. Beim Beobachten der jungen Ordensleute und Priester fragte Stefan sich, was diese antrieb, alles hinter sich zu lassen und Jesus radikal nachzufolgen. Während eines Gebetsmoments in der kalten Kirche hörte er in sich die Frage: „Kannst du dir vorstellen, so zu leben wie sie?“ Ohne Zögern antwortete sein Herz mit „Ja“. Der Verstand fand tausend Gründe für ein „Nein“. Einer war sein nicht beendetes Studium. Zwei zu null für den Verstand.
Zurück in Bayern holten Stefan seine alten Ziele ein: Vergnügen, guter Job, Geld, vielleicht Familie. Das erwartete Glücksgefühl nach dem Abschluss des Studiums blieb aus. Stattdessen fiel er in ein Loch, in dem es ihn zum zweiten Mal wie ein Blitz traf: Seine Ideale entsprachen nicht der Realität, nach der sich sein Herz sehnte. Trotzdem begann er einen Job als Einkäufer von Autositzen in der Ingolstädter Audi-Zentrale, obwohl er sich sicher war: „Da wirst du nicht in Pension gehen“. Das Herz steht, wieder einmal, im patt.

Entscheidung bei Fußball und Gebet

Während der drei Jahre bei Audi verbrachte Stefan jede freie Minute bei der katholischen Gruppe „Jugend 2000“. Im Musikteam spielte er an der Orgel und organisierte Gebetsabende in Kirchen. Im Engagement bei Gebet und Gemeinschaft blühte er auf. Während einer Sommerfreizeit der Jugendgruppe traf er zum ersten Mal auf Brüder der St. Johannes-Gemeinschaft, die 1975 in Frankreich gegründet worden war. Die Bodenständigkeit der Mönche – untertags spielten sie Fußball mit den jungen Menschen, abends fand man sie versunken im Gebet – zog Stefan magisch an. Er fasste den Entschluss, nun endlich, fünf Jahre nach seinen Erlebnissen in dem bosnischen Wallfahrtsort, seinem Herzen zu folgen.

Während der Sonntagsmesse steht ein Mitbruder auf und befestigt ein Smartphone auf einem Stativ, das in Pater Johannes-Elias Richtung zeigt. Bald wird das Video, das Evangelium und Predigt enthält, auf YouTube abrufbar sein. Es ist für die Menschen gedacht, die aufgrund des Coronavirus die Messe nicht besuchen können. Ohne High-Tech, ohne PC, kann man heute nicht mehr missionieren. Dafür verzichten Johannes-Elias und seine fünf Mönchsbrüder auf den Geschirrspüler. Den braucht man schließlich nicht für die Mission.

Armut kann abschreckend sein. Ein abstoßendes Gefühl empfand Stefan Schneider bei seinem ersten Besuch im französischen St. Jodard, wo sich das Ausbildungshaus der St. Johannes Gemeinschaft befindet. Das Gebäude war heruntergekommen, und die Heizungen Anfang Oktober, trotz Kälte, nicht angedreht. Der 27-jährige Stefan fühlte sich ins Mittelalter zurückversetzt. Alles um ihn herum war selbst gemacht: Die ledernen Sandalen an den Füßen der Novizen, das Brot, das zum Frühstück gegessen wurde. Stefan war das nicht gewöhnt.

Er kam aus der luxuriösen Audi High-Tech-Welt. Ihm stellte sich die Frage: War seine Liebe zu Gott stark genug, dass er das ständige Frieren auf sich nehmen konnte? So groß die äußere Kälte auch war, die Herzenswärme war größer.

Danach ging alles recht schnell: Stefan konnte in seiner Firma ein Sabbatjahr nehmen, und ein Jahr im Kloster in Frankreich mitleben. Hier wurde ihm bewusst, dass er am richtigen Ort war. Er kündigte bei Audi und blieb, um Mönch zu werden. Schachmatt für das Herz.

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