IM BLICKPUNKT

Gutes wird daraus nicht mehr erwachsen

Die Protestantisierung der katholischen Kirche in Deutschland schreitet voran. Der Synodale Weg huldigt einem christlichen Relativismus, der tiefe Wurzeln hat.
Zweite Versammlung des Synodalen Weges
Foto: Arne Dedert (dpa) | Dass auf dem Synodalen Weg „nichts mehr katholisch“ ist, wie eine Delegierte schrieb, ist nicht allein jenem Zentralkomitee in die Schuhe zu schieben. Auch Bischöfe müssen sich Fragen stellen lassen.

Kurz vor der Eröffnung des synodalen Prozesses der Weltkirche durch Papst Franziskus am kommenden Samstag und Sonntag hat die Frankfurter Vollversammlung der Synodalen vor einer Woche nochmals deutlich gemacht,wie tief der Graben zwischen der Kirche deutscher Zunge und der Weltkirche inzwischen geworden ist. Während der Weltprozess das Wort „Mission“ – neben „Teilhabe“ und „Gemeinschaft“ – im Titel trägt, will man auf dem Synodalen Weg von Evangelisierung und Mission nichts wissen. Beides hieße ja, dass man eine Botschaft zu den Menschen bringt, genauer gesagt: eine Person, die von sich gesagt hat, dass sie der Weg, die Wahrheit und die Liebe ist und dies durch ihre Auferstehung bezeugt und bewiesen hat.

Zähneknirschen beim Mainstream

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Und dann noch zu sagen, dass die Kirche in ihrer sakramentalen Verfasstheit diesen Auferstandenen repräsentiert und der Ort ist, wo Jesus Christus heute unter den Menschen gegenwärtig ist und wirkt, erzeugt beim akademischen und theologischen Mainstream des deutschen Katholizismus jenes Heulen und Zähneknirschen, mit denen man dem Synodalen Weg das Thema Evangelisierung ausgetrieben hat. Was heute zählt, ist die Vielgestalt, die Diversität, die unendliche Vielfalt der ganz unterschiedlichen Christusbilder, die jeder Einzelne in sich trägt und deren puzzlehafte Zusammenschau die Kirche bildet. Schande über den, der da noch von einer Wahrheit oder gar den Dogmen spricht.

Zeitgeist

Weit ist die Protestantisierung der katholischen Kirche in Deutschland vorangeschritten. Aber nicht im Sinne Luthers. Sondern im Sinne eines im Heute angekommenen Protestantismus, den die Aufklärung zunächst korrigiert und die Postmoderne schließlich auf das Maß des Zeitgemäßen heruntergebrochen hat. Die Radikalität des Evangeliums ist dahin. Der christliche Relativismus, der heute en vogue ist, schreit geradezu danach, ein LGBTQ-Sakrament zu installieren oder den Priester als „alter Christus“ abzuschaffen.

Brauchen wir Priester?

Dass sich die Versammlung mit einer Stimme Mehrheit dafür ausgesprochen hat, die Daseinsberechtigung der Priester auf den Prüfstand zu stellen – auch mancher Bischof muss da mit einem Ja gestimmt haben –, oder die Beschlussunfähigkeit am Ende der Veranstaltung sind natürlich Peinlichkeiten. Aber das alles dem Gremienkatholizismus, papierwütigen Funktionären oder versammlungsflüchtigen Synodalen in die Schuhe zu schieben, greift zu kurz. Dass auf dem Synodalen Weg „nichts mehr katholisch“ ist, wie eine Delegierte schrieb, ist nicht allein jenem Zentralkomitee in die Schuhe zu schieben, dessen Spitze sich jetzt sowieso klanglos verabschiedet, sondern einer geistesgeschichtlichen Entwicklung, die vor 500 Jahren Fahrt aufgenommen und in den letzten Jahrzehnten tief in die Speichen der katholischen Theologie gegriffen hat.

Ende nötig

Die Bischöfe, die das noch durchschauen, müssen sich fragen lassen, ob sie dieses Spiel solange mittragen wollen, bis sich der Synodale Weg entweder in den Sumpf einer schismatischen deutschen Nationalkirche ergießt oder an der Brandmauer der katholischen Communio zum Stillstand kommt. Gutes wird aus diesem Trauerspiel nicht mehr erwachsen. Und die Aussicht auf einen Synodalen Rat, der in Zukunft dauerhaft die Bischofskonferenz kontrolliert, also Macht auf die Hierarchie auszuüben versucht, sollte den berufenen Hirten zusätzlich zu denken geben. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Den gewöhnlichen Kirchgänger interessiert der Synodale Weg ohnehin nur noch weniger als die Bohne. Ein Cut muss her, je eher desto besser.

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