Mission

Geistliche Renovierung im Bistum Augsburg startet

Gott wird zum Dorfgespräch. Im Bistum Augsburg hat die missionarische Woche Neugier und Erwartungen geweckt. Christen gehen von Haus zu Haus.  
Bischof Meier zelebriert abends die Messe
Foto: Sabine Verspohl-Nitsche | Bischof Meier zelebriert abends die Messe und bleibt anschließend noch für eine Gesprächsrunde mit den Missionaren.

Sie tragen graue Pullis, auf denen Jesus.Life.Style steht. Zu zweit gehen sie von Haus zu Haus. Manche halten sie für Zeugen Jehovas, aber das sind sie nicht   sie sind katholische Missionare. Sie kommen, um über Gott zu sprechen.

Es ist der erste Tag der missionarischen Woche des Bistums Augsburg im Allgäu. Rund 15 Missionare gehen täglich in den Ortschaften der Pfarreiengemeinschaft Oy-Mittelberg-Wertach von Haus zu Haus, um die Leute zu den abendlichen Veranstaltungen einzuladen. "Die Leute kommen nicht mehr von selbst in die Kirche. Deswegen müssen wir zu ihnen gehen", stellt Elisabeth Benkinger fest, die zum ersten Mal dabei ist. Um Personen, die nicht in die Kirche gehen und mit dem Glauben noch nicht viel zu tun hatten, nicht zu verschrecken, legen die Veranstalter Wert darauf, dass die verschiedenen Programmpunkte in neutralen Räumen stattfinden.

Männerabend

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So findet ein Männerabend mit Pater Paulus Maria Tautz CFR beispielsweise in einem Stadel statt, ein Frauenfrühstück mit dem Thema "Frausein   ein Geschenk Gottes" wird in einem Gewächshaus veranstaltet. Katharina Weiß, die in der Abteilung für Evangelisierung des Bistums Augsburg arbeitet und die missionarische Woche mitorganisiert hat, betont zugleich gegenüber der "Tagespost": "Die missionarische Woche soll nicht nur Werbeprogramm sein, sondern Ziel ist es, dass man wirklich ins Gespräch mit den Leuten kommt, es soll in die Tiefe gehen."

Damit sich langfristig etwas in den Pfarreien verändert, werden auch die Leute vor Ort eingeladen, als Missionare mitzugehen. "Es sollen nicht nur Leute von außen kommen, die hier etwas auf die Beine stellen, sondern es soll sich in der Pfarrei selbst etwas verändern", erklärt Weiß. Mit den Besuchern des Basicals, ein christliches Orientierungsjahr der Diözese, fingen die Missionen an. Einige ehemalige Besucher des Basicals laufen immer noch mit und bringen wiederum Freunde und Verwandte mit. Etliche Missionare kommen spontan dazu, andere sind nur einen oder zwei Tage dabei. So zum Beispiel die dreifache Mutter Christine Meichelböck, die mit Baby auf dem Arm und siebenjähriger Tochter an der Hand ankommt. Mit zwei kleinen Kindern bei der Dorfmission mitzugehen sei für sie kein Problem gewesen. Teilweise hätte ein Team, das parallel zu der Mission immer in der Anbetung ist, auf das Baby aufgepasst oder sie habe es im Kinderwagen geschoben. "Wir Missionare kennen uns eigentlich alle nicht, weil jeder woanders herkommt.

Aber vom ersten Moment an hatten wir echt das Gefühl, dass wir alle zusammengehören   so wie Kirche sich gehört", so die 32-jährige Mutter. Außerdem laufe sie nicht den ganzen Tag bei der Mission mit, sondern wechsle sich mit ihrem Mann ab. "Für mich und meinen Mann war es eine Erfüllung, bei der Mission dabei zu sein. So stellen wir uns christliche Familie vor: Auf der einen Seite der Familie und andererseits dem Reich Gottes dienen und das Evangelium verkünden. Dafür schlägt mein Herz." Für Christine ist die Mission außerdem besonders, weil sie keine externe Missionarin ist, sondern sich in ihrer Heimat bewegt: Sie ist in der Region aufgewachsen und lebt noch immer dort. "Als es hieß, dass wir hier eine missionarische Woche haben, habe ich gejubelt, weil ich wusste, dass wir das brauchen. Aber kurz bevor der erste Missionstag kam, hatte ich wirklich Bammel, weil ich jeden hier kenne.

Als es dann los ging, habe ich wirklich gespürt, dass der Herr bei mir ist." Letztendlich habe es sich als Vorteil herausgestellt, dass sie von dort komme: "Es ist ein Bonus, weil ich die Sprache spreche, ich kenne die Leute und ihre Gepflogenheiten, ich weiß, wann sie in den Stall gehen. In die Gespräche noch meinen Lebenssinn, nämlich Jesus Christus, mit reinzubringen, fühlt sich perfekt an." Die Idee ist, dass auch andere Bistümer sich von der Aktion inspirieren lassen. "Die missionarische Woche ist eine gute Möglichkeit, dass das Pfarrleben nach Corona wieder ins Rollen kommt", betont Schwester Mechthild Steiner OP, die ebenfalls der Abteilung für Evangelisierung angehört. Zum Dorfgespräch werde man automatisch, meint Schwester Mechthild. "Es ist erst mal egal, was da gesagt wird. Ich meine: Wie oft geht das Dorfgespräch noch über kirchliche Sachen?"

Mission
Foto: Veronika Wetzel | Gesprächsrunde im Garten.

Innerhalb dieses Tages sind die Missionare auf jeden Fall schon zum Dorfgespräch geworden. Als die Missionare mit einer Horde Jungen, die sie im Dorf aufgegabelt haben, weil einer sich verletzt hat, auf ein altes dunkles Holzhaus mit großzügigem Garten zulaufen, wartet ein Mann in himmelblauem T-Shirt mit sonnengegerbtem Gesicht lächelnd bereits auf die Missionare am Gartenzaun. "Bei uns gibt s Kaffee", sagt der Hausbewohner freundlich und wirkt damit genauso entspannt wie er aussieht. Die Missionare nehmen dankend an. Die Jungen dürfen auch mit und rennen schon voraus, während die Erwachsenen zu einer kleinen Sitzgruppe unter einem Wallnussbaum geführt werden.

Der Rasen ist schon seit ein paar Tagen nicht mehr gemäht worden, vor dem Haus stehen mehrere Gießkannen, hinter der Sitzgruppe steht ein Wäscheständer. Ein Brunnen plätschert leise und stetig vor sich, das knatternde Geräusch eines alten Traktorenmotors nähert sich und wird dann abgestellt. "Die Gudrun, unsere Nachbarin kommt auch noch dazu, wenn s ok ist", sagt Herbert, der Hausbewohner. Der Kaffee wird von seiner Partnerin gebracht, die Nachbarin kommt dazu und etwas zaghaft, aber mit nicht zu übersehender Neugier fragen die Dorfbewohner Schwester Mechthild und Johanna, die auch schon das Basical absolviert hat, wie es denn bisher läuft bei der Mission. Als die beiden erzählen, dass die Leute teilweise abweisend reagieren, die Tür gleich wieder schließen, wirken sie nicht überrascht. "Bei uns ist der Kirchgang sehr rückgängig.

So wenig wie jetzt waren es noch nie", erzählt die Nachbarin. Am ehesten kämen die Leute noch zu Kirchenfesten, bei denen auch der Trachtenverein auftrete, aber selbst da würden es immer weniger. "Ich war auch schon lange nicht mehr in der Kirche. Nicht erst seit Corona", beichtet der Hausherr mit einem etwas schuldbewusstem Gesichtsausdruck. Die Nachbarin ergänzt: "Es ist eigentlich auch nichts mehr da. Es gibt keine Leute mehr, die in der Pfarrei etwas organisieren wollen." Schwester Mechthild bleibt angesichts der schwierigen Situation, die ihr gerade geschildert wurde, positiv, sie lächelt noch immer, ihre Augen leuchten weiterhin. "Genau dafür ist die missionarische Woche gut. Gott berührt bei den Veranstaltungen wirklich Menschen. Und dann kommt es auch mal vor, dass Personen auf den Priester zugehen und sagen, dass sie sich in der Pfarrei engagieren wollen, von denen der Pfarrer bis dahin noch gar nicht wusste."

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Foto: Veronika Wetzel | Unterwegs im Namen Jesu

Obwohl Schwester Mechthild und Johanna Denkinger nicht davor zurückschrecken, zu sagen, dass Gott erfahrbar ist, dass Jesus einen liebt und für einen da ist, sind sie nicht aufdringlich; sie hören den Leuten größtenteils zu, gehen auf ihre Anliegen ein. Gerade das scheint die Neugier der Leute noch zu verstärken. Darauf legt auch der Augsburger Bischof Bertram Meier Wert. Er zelebriert abends die Messe und bleibt anschließend noch für eine Gesprächsrunde mit den Missionaren. Mit Papst Franziskus  Worten betont er: "Wir brauchen Apostel des Ohres" und fordert die jungen Leute auf, den Menschen zuzuhören, ihre Anliegen und Nöte wahrzunehmen. Letztendlich sei es entscheidend, selbst den Glauben zu leben: "Wir brauchen nicht Informanten über den Glauben, wir brauchen Zeugen des Glaubens." Und bei manchen Menschen verändern die Missionare auch wirklich etwas.

Johanna Kaffarnik, die in der Gesprächsrunde mit dem Bischof dabei ist, erzählt, dass der Pfarrer ihrer Pfarrei sie als Ministrantin vor fünf Jahren eingeladen habe, bei der missionarischen Woche mitzumachen, als sie zu ihnen nach Vöhringen im Landkreis Neu-Ulm gekommen sei. Sie habe damals jedoch abweisend auf die Einladung reagiert. "Aber dann sind drei Busse mit Augsburger Kennzeichen gekommen, und ausgestiegen sind normale Leute   ohne Heiligenschein.

Das hat mich echt beeindruckt." Da einige Missionare bei ihrer Familie übernachtet hätten, habe sie im Laufe der Woche dann aber doch beschlossen, mitzugehen. "Dadurch habe ich die Fähigkeit entwickelt, über meinen Glauben zu sprechen und den Mut gelernt, aus meiner Komfortzone auszubrechen." Nun ist die 23-Jährige bei ihrer achten missionarischen Woche dabei. Der Bischof betont im Gottesdienst aber auch, dass der Wiederaufbau der Kirche nicht allein inmenschlicher Hand liege: "Wir bauen nicht selbst die Kirche. Das hat Jesus schon getan. Aber wir dürfen daran mitwirken, dass die Kirche renoviert wird."

Die missionarische Woche im Allgäu lief von Samstag bis letzten Sonntag und war die zehnte des Bistums Augsburg. Weihbischof Florian Wörner hatte die Idee in die Entstehung des Basicals, ein christliches Orientierungsjahr der Diözese Augsburg, eingebracht. Das Basical ruht aktuell auf unbestimmte Zeit. Der Weihbischof hatte das Missions-Konzept bei der Schönstatt-Bewegung kennengelernt. Die missionarische Woche fand 2015 das erste Mal statt, seit 2018 wird sie zweimal jährlich veranstaltet.

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