Abtreibung

Eine Abtreibung vergisst eine Mutter nie

In einem schweren Konflikt um das Leben von Mutter und Kind fällt eine weitreichende Entscheidung. Ein Gespräch mit Eva-Maria Knobel über die unterschätzte Tragweite einer Abtreibung.
Vaterunser Textstelle
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Das Gebet des Herrn inspirierte Eva-Maria Knobel zu einer Betrachtung, die am  18. November beim Bußgottesdienst im Kölner Dom vorgetragen wurde.

Der 17. April 1985 hat das Leben von Eva-Maria Knobel (Mädchenname der Betroffenen, A.d.R.) unwiderruflich verändert. An diesem Tag verlor die Mutter eines viereinhalbjährigen Jungen ihr ungeborenes Kind durch einen Schwangerschaftsabbruch. Eigentlich hatte sie sich das Kind gewünscht. Der folgenschweren Entscheidung waren eine Sarkoidose eine seltene, entzündliche Systemerkrankung, die alle Organe, insbesondere das Herz, befallen hatte   und ein fünftägiges Drama vorausgegangen.

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Angst um das Leben der Mutter

Die heute 73-Jährige, die mit körperlichen Beeinträchtigungen zur Welt kam und seit 2019 einem Betroffenenbeirat für sexualisierte Gewalt angehört, lebt heute mit ihrem ebenfalls behinderten Mann in einem lichtdurchfluteten Haus. Sichtlich bewegt berichtet sie, dass bei ihr vor gut 36 Jahren während der Voruntersuchungen für eine Herztransplantation eine Schwangerschaft festgestellt wurde. Für die frühverrentete Mutter eine Überraschung: Obwohl sie die Pille nimmt, wünscht sie sich "sehnsüchtig ein zweites Kind: Ich dachte, es drückt ein bisschen mehr Normalität aus".

Dass die Medikamente, mit denen sie behandelt wird, die Wirkung der chemischen Verhütungsmittel aufheben, erfährt sie erst in der Klinik. Da zur Therapie ein zellzerstörendes Präparat gehört, das auch bei Krebspatienten eingesetzt wird, vermuten die Ärzte, das Kind werde schwer geschädigt zur Welt kommen. Auch um das Leben der Mutter fürchten sie. "Jeder hat mir gesagt: Sie können das Kind nicht austragen. Dann gehen sie beide drauf", erinnert sie sich. Der Frauenarzt rät spontan zur Abtreibung. "Bei uns war ja alles nicht glatt", sagt Eva-Maria Knobel. Der von Geburt an blinde Sohn und ihr Mann brauchen sie. "Ich war doch das Herz der Familie." Mit viel Anstrengung unterstützt sie zum Erstaunen der Ärzte die Therapie ihres Sohnes. Obwohl Eva-Maria Knobel selbst nur wenig Sehkraft besitzt, setzt sie dem Jungen jeden Morgen Kontaktlinsen ein. Heute besitzt der Sohn 70 Prozent Sehkraft für die Mutter ist das "ein Wunder".

Ohne Hilfe

Ein Geistlicher, der weiß, unter welchem Druck die junge Mutter steht, sagt ihr vor dem Eingriff klipp und klar: "In dieser Situation gibt es nur die Gewissensentscheidung. Da kann Ihnen keiner sagen: Das ist falsch oder das ist richtig." Der Zeitdruck ist enorm, und auch Mutter und Schwiegermutter drängen zur Abtreibung. Eva-Maria Knobels Mutter wird massiv: "Stell Dich nicht so an. Das ist nur eine Kleinigkeit."

Fünf Tage, nachdem die Schwangerschaft festgestellt wurde, steht der Termin für den Schwangerschaftsabbruch fest. Doch für Eva-Maria Knobel geht die Auseinandersetzung weiter: "Es war eine Katastrophe. Sie wussten überhaupt nicht, in welchem Konflikt ich war. Sie sahen nur den Schaden. Vor allem hatte ich das Gefühl, mir wird das Recht auf mein eigenes Leben abgesprochen. Ich habe noch im Krankenhaus Gott und die Welt verrückt gemacht", beschreibt sie die Stunden vor dem Eingriff. Der behandelnde Herzspezialist setzt sie mit dem Hinweis, dass er jede weitere Therapie ablehne, wenn sie das Kind austrage   "umbringen können Sie sich ja alleine"   zusätzlich unter Druck. Ein katholischer Oberarzt, den sie zu Rate zieht, meint: "Ich bin gegen Abtreibung, aber in Ihrem Fall weiß ich nicht, was sonst richtig sein könnte."

Sofortige Absolution

Den katholischen Krankenhausseelsorger erreicht sie vor dem Termin nicht, aber der evangelische kommt zu ihr und gibt ihr folgendes Bild als Entscheidungshilfe: "Stellen Sie sich vor, ein Freund säße in einem brennenden Panzer, den er nicht verlassen kann, und Sie erschießen ihn, damit er nicht leiden muss." Bis heute könne sie das Bild nicht recht für ihre Situation deuten, sagt Eva-Maria Knobel.

Am 18. April kommt der katholische Krankenhausseelsorger zur ihr. Der evangelische Pastor hat ihn inzwischen verständigt. Der Geistliche hat morgens für die Mutter und das ungeborene Kind gebetet. Auch er hält die Entscheidung in diesem Fall richtig: "Ich bin froh, dass ich gestern nicht in die Entscheidungsfindung eingebunden gewesen bin, denn ich bin von Haus aus ein Feigling." Eva-Maria Knobel erhält von ihm sofort die Lossprechung: "Sie sind an dieser Situation im eigentlichen Sinn nicht schuldig."

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Monatelang kann sie krankheitsbedingt nicht in die Kirche gehen. Der erste Gottesdienst, den sie mit ihrem Sohn nach dem Krankenhausaufenthalt besucht, ist die Messe mit Kindersegnung am Fest der unschuldigen Kinder. Der Besuch wird zum emotionalen Debakel. "Ich könnte heute noch heulen wie ein Schlosshund. Es lässt einen nicht los", sagt sie rückblickend.

Folgen von Missbrauch

Die Auseinandersetzung mit dem Verlust des ungeborenen Kindes, das nach Auskunft der Ärzte schwerstbehindert war, bekommt durch den Missbrauchsskandal in der Kirche eine neue Richtung. Eva-Maria Knobel war 1969 als Auszubildende nach einer Nachtwache in einem Essener Krankenhaus Opfer einer sexuellen Straftat durch einen katholischen Geistlichen geworden. Danach hatte sie mehrfach versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Im Zuge einer Therapie eröffnete ihr ein Neurologe, dass bei ihren Suizidversuchen schwere Organschäden entstanden seien. Diese stellten zwar nicht die Ursache ihrer eigentlichen Erkrankung dar, hätten aber deren schweren Verlauf bedingt. Rückblickend sieht sie deswegen den Tod des Kindes auch als Langzeitfolge des Missbrauchs von 1969: "Durch den Missbrauch habe ich auch ein Leben verloren. Das hat mich geschockt, und ich bin immer noch nicht damit fertig."

Die Gesellschaft sehe die Tragweite der Abtreibung nicht, sagt  Eva-Maria Knobel. Sie wisse aber aus eigener Erfahrung in der Sterbebegleitung, wie oft die Menschen am Ende des Lebens nicht in Frieden gehen könnten, weil sie unter Schuld litten. "Wenn man wider die Natur handelt, entscheidet man sich gegen das Leben und gegen sich selbst. Das ist eine Konsequenz, die man erst sehr viel später begreift." Sie selbst hat ihre Lebensgeschichte in einer Meditation zum Vaterunser aufgearbeitet, die am 18. November während des Bußgottesdienstes im Kölner Dom verlesen wurde. Am Schluss ihrer Betrachtung heißt es: "Befreie uns von diesen bösen Lasten auf unseren Seelen und schenke deinen Frieden."


TL;DR 
Wie stark eine Mutter unter Druck geraten kann, ihr Kind nicht auszutragen, zeigt die Lebensgeschichte von Eva-Maria Knobel. Das Kind, das sie 1985 durch einen Schwangerschaftsabbruch verlor, hatte sie sich eigentlich gewünscht. Die 73-Jährige warnt mit Nachdruck davor, die Folgen einer Abtreibung zu unterschätzen. Vorige Woche wurde ihre Betrachtung des Vaterunsers bei einem Bußgottesdienst im Kölner Dom vorgetragen.

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