Indult

Ein Ritus als Kunstwerk

Vor 50 Jahren, am fünften November 1971, gewährte Papst Paul VI. den Anhängern der „alten“ Messe in England und Wales das sogenannte „Agatha-Christie-Indult“.
Papst Paul VI. gewährte die Feier der „alten Messe“ unter Auflagen
Foto: - (dpa) | Papst Paul VI. gewährte am 5. November 1971 wegen der Petition britischer Intellektueller die Feier der „alten Messe“ unter Auflagen.

Soll eine Petition zum Erfolg führen, so muss sie Gewicht haben und von gewichtigen Personen vorgebracht werden. Ein solches Ansinnen befand sich im Jahr 1971 auf dem Schreibtisch des Papstes. Ein Monsignore des vatikanischen Staatssekretariates hatte es Paul VI. in einer mit den päpstlichen Insignien versehenen Ledermappe vorgelegt.

Die in englischer Sprache verfasste Petition – „Appeal to preserve the Roman Catholic Mass in its traditional form“ – war am sechsten Juli 1971 in der Londoner Zeitung „The Times“ erschienen und hatte sich an den Heiligen Stuhl mit dem Aufruf gewandt, die traditionelle lateinische Messe weiterhin zur Feier zuzulassen. Im Zuge der nachkonziliaren Liturgiereform war das alte Messbuch Pius' V. abgeschafft und durch ein neues Missale Romanum ersetzt worden.

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Eine illustre Schar

Es war eine illustre Schar gewesen, die mit ihrer Unterschrift die Petition versehen hatte. Aus dem Kreis berühmter Schriftsteller schienen die Namen Agatha Christie, Robert Graves, Graham Greene und Nancy Mitford auf; die Musik war unter anderem durch Vladimir Ashkenazy, Yeduhi Menuhin und Joan Sutherland vertreten, der Adel durch den 17. Duke of Norfolk und den 15. Earl of Oxford and Asquith; zu weiteren Unterzeichnern gehörten die anglikanischen (!) Bischöfe von Exeter und Ripon, Abgeordnete der Labour Party und berühmte Kommunisten Großbritanniens.

Sie alle legten dar: „Der fragliche Ritus hat mit seinem prächtigen lateinischen Text auch eine Vielzahl von unschätzbaren Leistungen in der Kunst inspiriert – nicht nur Werke der Mystik, sondern auch Werke von Dichtern, Philosophen, Musikern, Architekten, Malern und Bildhauern in allen Ländern und Zeiten. Somit gehört er zur universalen Kultur… Es erscheint besonders unmenschlich, die Menschheit um Wortformen in einer ihrer großartigsten Erscheinungsformen zu berauben.“

Offerte an den Papst

Sieben Jahre zuvor, am siebten Mai 1964, war der Papst in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans mit Malern, Bildhauern, Musikern und Dichtern zusammengetroffen. Paul VI. beabsichtigte den Kunstschaffenden eine Botschaft zu verkünden, vor ihnen Worte zu finden, die ihrer Arbeit Anerkennung zollten, die darauf hinzielten, ihnen eine neue, erneuerte Aufmerksamkeit des Papsttums und der Kirche zu schenken.

Den in der Sixtina Versammelten präsentierte der Papst eine Offerte: „Die Freundschaft zwischen Kirche und Künstlern muss wiederhergestellt werden... Schließen wir Frieden? Heute? Wollen wir wieder Freunde sein?“ 1971 zeigte daher der kunstsinnige Pontifex Verständnis für die Petition der britischen Intellektuellen. Im Gespräch mit dem französischen Philosophen Jean Guitton bezeichnete auch Paul VI. die Messe als „das vollkommenste Kunstwerk“.

Für den Papst stand fest: „Sie ist Musik, Dichtung und Architektur. Sie ist ein wirkliches Drama, wirklicher als alle Dramen, weil sie das, was sie bezeichnet, tatsächlich auch bewirkt. Wie in allen Kunstwerken gibt es auch in ihr das Moment des ,Überstiegs', der Ekstase, den Augenblick, der Zeit und Ewigkeit miteinander verbindet.“ Aber für Paul VI. war sie ein „Kunstwerk“, weil sie sich aus der Tiefe des Glaubensvollzugs ergibt – und nicht als Selbstzweck oder aus ästhetischem Verlangen heraus.

Aufgefordert zur Reform

Zur Reform der Messe sah sich der Papst durch die Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, das von 1962 bis 1965 tagte, aufgefordert. Für ihn war die Erneuerung der Liturgie ein Desiderat dieser weltweiten Kirchenversammlung, dem er sich aus pastoralen Gründen nicht verschließen konnte und wollte.

Eingedenk der Liturgie-Enzyklika „Mediator Dei“ Pius? XII. aus dem Jahr 1947, die nur dem Papst das Recht zugesteht, „eine gottesdienstliche Praxis anzuerkennen oder festzulegen, neue Riten einzuführen und gutzuheißen, sowie auch jene zu ändern, die er für änderungsbedürftig hält“ (Nr. 48), sah sich Paul VI. in die Pflicht genommen, auf eine Einhaltung der Reform zu bestehen – auch mit Blick auf den Respekt, der dem Konzil zu schulden war.

Gegenüber dem französischen Philosophen Jean Guitton machte der Papst klar: „Diese Messe (diejenige Pius? V.) wird zum Symbol der Ablehnung des Konzils. Ich werde freilich niemals und unter keinen Umständen akzeptieren, dass man durch ein Symbol das Konzil verurteilt“ (Jean Guitton, Dialog mit Paul VI., München 1978).

Ein Indult

Doch Paul VI. war ein zutiefst pastoraler Papst. Und so entsprach er 1971 einem Bittgesuch Kardinal John Carmel Heenans, des Erzbischofs von Westminster und Vorsitzenden der Bischofskonferenz von England und Wales, die Zelebration der Messe Pius? V. für die Diözesen der beiden Länder unter Auflagen zu erlauben.

Der Papst wählte hierzu die Form eines Indults. Das Kirchenrecht versteht unter einem Indult einen Gnadenerweis der kirchlichen Autorität, auf dessen Gewährung keinerlei Rechtsanspruch besteht. Das Reskript der Gottesdienstkongregation vom fünften November 1971 (Pro. N. 1897/71), ausgefertigt und unterschrieben von dessen Sekretär, Erzbischof Annibale Bugnini, unterwirft die Feier der alten Messe, die Katholiken von England und Wales erbeten hatten, strengen Einschränkungen. Das Schreiben betont ausdrücklich, dass diese Feier „kein Zeichen oder kein Grund für eine Zwietracht unter den Katholiken sein darf“.

Nachhaltiger Eindruck

Es ist unbestritten, dass die Petition der britischen Intellektuellen, unter denen zahlreiche Nichtkatholiken waren, auf den heiligen Paul VI. nachhaltigen Eindruck gemacht hatte. Monsignore Pasquale Macchi, Privatsekretär des Papstes, war aufgefallen, dass der Pontifex bei der Lektüre des Aufrufes innegehalten hatte, als er die Liste der Unterzeichner durchging, und eine Bemerkung machte. Deutlich hatte der Monsignore ein „Ah, Agatha Christie“ vernommen.

Der Papst besaß eine Schwäche für Kriminalromane und war ein „Fan“ der britischen Queen of Crime. Und so dürften im Herbst 1971 Miss Marple und Hercule Poirot zu Schutzpatronen der alten Messe geworden sein.

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