IM BLICKPUNKT

Ein erhellender Blick mit der französischen Lupe

Der französische Missbrauchsbericht schürft tiefer als die MHG-Studie. Die Nachbarn grenzen sich auch von radikalen Reformvorstellungen ab.
Beichtstuhl in der Rokokokirche St. Ulrich in Seeg
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Der französische Bericht bestätigt unter anderem die Bedeutung des Beichtsakraments als solchem. Symbolbild: Ein Beichtstuhl in der Rokokokirche St. Ulrich in Seeg (Schwaben).

Die französische Studie über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche CIASE bringt zwar keine grundlegend neuen Erkenntnisse, aber dennoch Klarheit in eine von Verwirrungen geprägten Debatte. Und auf eindeutige Aussagen kommt es insbesondere im Rahmen des Synodalen Weltprozesses wesentlich an, wenn kirchenpolitische Interessen und nationalkirchlich getönte Ambitionen auf der Folie des Missbrauchsskandals Gegenstand der Diskussion werden. Der Anti-Zölibats-Reflex beispielsweise ist kein Alleinstellungsmerkmal dezidierter Kirchengegner mehr.

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Gegen den Zölibat

Er steckt inzwischen in den Reihen der Synodalen selbst. Dass der Studie zufolge kein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Zölibat und sexuellem Missbrauch besteht, ist keine Neuigkeit. Diese wissenschaftlich begründete Feststellung ergab sich bereits aus der Leygrafstudie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz 2012 vorgelegt wurde. Sie scheint im deutschsprachigen Raum inzwischen ebenso tabu zu sein wie die griffige Formel des forensischen Psychiaters Hans-Ludwig Kröber, man werde eher vom Küssen schwanger als durch den Zölibat pädophil. Die Studie CIASE wirkt einem verzerrten Priesterbild insofern durchaus entgegen.

Ebenso wichtig ist das Argument, dass Laien in Leitungsaufgaben keine Selbstläufer sind. Die simple Vorstellung, Laien könnten Priester ersetzen und zugleich die Missbrauchsgefahr senken wird mit dieser Studie ad absurdum geführt. Welche Dynamik in dieser Fehlvorstellung steckt, hat die Entwicklung in Deutschland gezeigt. Ausgehend von der grundsätzlich berechtigten Frage, welche Leitungsämter Laien in der Kirche ausüben können, ist die deutsche Debatte in kurzer Zeit gekippt: Im Zuge der Reformwünsche ploppte unversehens die häretische Idee der Abschaffung des sakramentalen Priesteramts auf – das Weiheamt für Frauen wird als Zwischenziel noch zugestanden.

Unsichtbare Priesteramtskandidaten 

Neben routinemäßigen Empfehlungen an die Priesterausbilder legt der französische Bericht auch Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal für Laien nahe. Das ist das eigentliche Neue. Welches Laienbild in den Gemeinden dominiert, hängt nicht allein vom Klerus oder den Bischöfen ab. Hier können die Gemeinden schier unerschöpfliche Kreativität entwickeln und sich vom Trägheitsprinzip verabschieden, demzufolge etwa für den Priesternachwuchs andere zuständig sind. Letzteres hat in Deutschland nahezu jedes Interesse an mehr Priesteramtskandidaten erstickt: Während die Bistumsleitungen bestrebt sind, die Zahlen der spärlich besetzten Seminare nicht an die große Glocke zu hängen, wissen nicht einmal Kirchgänger, wer gerade für ihre Diözese zum Priester ausgebildet wird.

Gemessen an dem immensen Aufwand, der im Rahmen des Synodalen Wegs betrieben wird, kostet eine formlose Einladung an Seminaristen in eine Gemeinde wenig Mühe, könnte aber atmosphärisch manches bewegen. Gegen die Instrumentalisierung der Missbrauchsdebatte ist der Bericht eine Hilfe, weil er plausibel darlegt, dass sich die Kirche nicht neu zu erfinden braucht.

Beichte bestätigt

Die Forscher empfehlen darum auch keine neue Morallehre, sondern nur deren Ausdifferenzierung. Das setzt voraus, sich mit dem Katechismus zu beschäftigen, um die Grundlagen neu zu vermitteln. Zieht man die Linien von den Beobachtungen zur Auslegung des vielfach tabuisierten sechsten Gebotes aus, wäre ein gründlicherer Beichtspiegel eine logische Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal. Denn entgegen der landläufigen Meinung torpediert der Bericht nicht das Beichtgeheimnis, sondern bestätigt die Bedeutung des Beichtsakraments als solchem.

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