IM BLICKPUNKT

Die Stunde der Basis und der Peripherien

Alteingesessene Gremien sollen in der ersten Phase des jetzt beginnenden Weltprozesses synodale Tugenden einüben. Insgesamt zwei Jahre lang hält Rom die Kirche auf Trab.
Kard. Mario Grech,
Foto: Alessia Giuliani/CPP / IPA via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Kardinal Mario Grech, Generalsekretär des Synodensekretariats der Bischofssynode während einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Vorbereitungsdokuments.

Drei Jahre soll die katholische Kirche „gelebte Synodalität“ einüben, wie es im Vorbereitungstext zum zweijährigen synodalen Weltprozess heißt, den das römische Synodensekretariat unter Leitung von Generalsekretär Kardinal Mario Grech am Dienstag in Rom vorgestellt hat. Die erste Phase bis zum kommenden Jahr soll in allen Ortskirchen, bis in die kleinsten Verästelungen hinein, vonstatten gehen. Es soll Aufgabe der bereits bestehenden Gremien, das heißt der diözesanen Priester- und Pastoralräte sein, „synodale Tugenden“ einzuüben.

Zehn Tugenden 

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Das Vorbereitungsdokument nennt derer zehn: Die Weggefährten wahrnehmen, Zuhören, das Wort ergreifen. Sodann Feiern, an der Sendung der Kirche mitwirken, Dialog führen und mit anderen christlichen Konfessionen Kontakt aufnehmen. Schließlich Verantwortung übernehmen, Unterscheiden und entscheiden, sich in der Synodalität bilden. So allgemein, so gut. Programme zur Beschäftigungstherapie in Rehabilitationszentren könnten ähnlich klingen, wenn man dort das Wort „synodal“ etwa durch die Begriffe „sozial“ oder „partnerschaftlich“ ersetzt. Am 9. und 10. Oktober wird der synodale Weltprozess in Rom feierlich eröffnet, am 17. Oktober soll der Start in den Teilkirchen folgen. Dann wird man wieder Vollmundiges hören. Meistens in Frageform. So wie es etwa das Vorbereitungsdokument am Anfang formuliert: „Welche Schritte lädt der Heilige Geist uns ein zu gehen, um als synodale Kirche zu wachsen?“

Postchristliches Umfeld

Interessant ist, was das Vorbereitungsdokument nicht sagt. Es sagt nicht, dass in der westlichen Welt der enorme Säkularisierungsdruck und der Zusammenbruch der Weitergabe des Glaubens an die nachwachsenden Generationen das einst intakte Volk Gottes in einen Flickenteppich von versprengten Gruppen verwandelt hat, die in einem postchristlichen Umfeld wie exotische Blüten wirken. Es sagt nicht, dass in der Welt noch nie so viele Christen verfolgt wurden wie heute. Es sagt nicht, dass die Biowissenschaften die Axt an den Baum des Lebens gelegt haben. Der Mensch selber will den Menschen machen, von der künstlichen Befruchtung bis zum assistierten Suizid ist nicht mehr Gott, sondern sein Geschöpf der Herr über das Leben.

Tiefe Wunden

Bei der Vorstellung des Vorbereitungsdokuments am Dienstag klangen die drei Kleriker und die anwesende Dame so seltsam nostalgisch: Das Volk Gottes wandere durch die Welt und warte, was der Geist den Seinen zu sagen habe. Aber nein: An vielen Orten ist das Volk Gottes über die Missbrauchsverbrechen der Kleriker dermaßen gestolpert, dass nicht mehr der Geist das Sagen hat, sondern Staatsanwälte, Psychotherapeuten und Betroffene den Ton angeben.

Das Vorbereitungsdokument nennt das Leiden der Opfer und spricht von „tiefen Wunden“ und von der „Gnade der Umkehr“. Aber warum ausgerechnet Synodalität das Allerheilmittel sein soll und nicht die Sakramentalität der Kirche, in der sich die göttlichen Gnadenmittel mitteilen, kann der Text nicht erschließen. Zumal er zu den Ländern schweigt, wo schon parallel synodale Prozesse stattfinden: In Italien und Deutschland, in Irland und Lateinamerika, in Australien sogar ein Partikularkonzil. Davon muss ein Vorbereitungstext auch nicht sprechen, aber man ahnt, dass der Weltprozess je nach Land unterschiedlich ablaufen wird.

Fazit ist, dass Rom und damit wohl der Papst eine Synode wollten, die einen Typus von hierarchischem Klerikalismus eliminiert, der in Machtausübung und Erstarrung mündete. Stattdessen soll Bewegung sein: Mobilisierung der Basis und der Peripherien. Und der Heilige Geist soll alles zum Guten führen.

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20.09.2021, 19  Uhr
Martin Baranowski
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