IM BLICKPUNKT 

Die Orthodoxie befindet sich im Würgegriff der Politik

Geistliches und Politisches vermischt. In Russland wie in Serbien stützen Politik und orthodoxe Kirche wechselseitig ihren Anspruch auf bestimmte Nachbarländer. Cäsaropapismus gibt es noch immer.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow
Foto: - (Russian Foreign Ministry/Press Service/AP) | Patriarch Bartholomaios sei direkt von den Vereinigten Staaten abhängig, unterstellt der russische Außenminister Sergej Lawrow.

Was dem katholischen Teil Europas durch den leidvollen Investiturstreit und mittlerweile weitgehend sogar den protestantischen Staatskirchen Skandinaviens gelang, will Teilen der Orthodoxie einfach nicht gelingen: die Trennung des Geistlichen vom Politischen, die Befreiung der Kirche aus der Umklammerung durch die Staatsmacht. Als hätte es dafür noch eines Beweises bedurft, attackierte der Außenminister Russlands, Sergej Lawrow, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, den ersten und ranghöchsten unter den Patriarchen der weltweiten Orthodoxie: „Patriarch Bartholomaios ist direkt von den Vereinigten Staaten abhängig“, so Putins Außenminister. Das habe auch eine finanzielle Dimension.

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Kritik an Autokephalie

Lawrow kritisierte, dass Bartholomaios die Autokephalie, die volle Unabhängigkeit der ukrainischen Orthodoxie vom Moskauer Patriarchat, verfügte. Dabei gehe es darum, sich das Eigentum der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche anzueignen. Ähnliches sei auch in Belarus geplant, so Lawrow.

Nicht nur aus katholischer Perspektive mutet es befremdlich an, wenn der Außenminister Russlands meint, beurteilen zu können und zu dürfen, welche der orthodoxen Kirchen im Nachbarland Ukraine „kanonisch“, also rechtmäßig und legitim, ist. Das Moskauer Patriarchat repräsentiert die größte orthodoxe Kirche weltweit und bedürfte in ihrem Meinungsstreit mit Bartholomaios um die Jurisdiktion über die Ukraine keiner staatlichen Schützenhilfe – wenn es sich um eine innerkirchliche Streitfrage handelte.

Politische Agenda

Allein das Moskauer Patriarchat verfolgte von Anfang an eine politische Agenda: Indem es auch drei Jahrzehnte nach der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine weiter starr daran festhält, die Ukraine zu ihrem „kanonischen Territorium“ zu rechnen, indem es lieber die Spaltung der dortigen Orthodoxie in Kauf nimmt als die Entscheidungshoheit des Ökumenischen Patriarchen zu akzeptieren. Und indem sie die gleichen Vorwürfe gegen Bartholomaios verbreitet, die nun Lawrow wiederholte: Der Ökumenische Patriarch habe aus finanziellen und politischen, jedenfalls aus nicht-kirchlichen Motiven gehandelt, als er der Ukraine die Autokephalie zugestand. Das Gegenteil ist der Fall. Bartholomaios folgte alter orthodoxer Logik, während das politische wie das kirchliche Moskau den Machtanspruch auf die Ukraine einfach nicht aufgeben will.

Anachronistischer Machtkampf

Ein trauriger Parallelfall ereignete sich Anfang September auf dem Balkan: Der serbisch-orthodoxe Patriarch Porfirije inthronisierte im Nachbarstaat Montenegro einen neuen serbisch-orthodoxen Metropoliten. Beide landeten mit einem Helikopter, umringt von schwerbewaffneten Sicherheitskräften, wie bei einer Invasion. Dabei kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der unabhängigen montenegrinischen Orthodoxie und der Polizei.

Wie der Machtkampf um die Ukraine wirkt auch dieser Streit anachronistisch, denn völkerrechtlich ist die Unabhängigkeit Montenegros besiegelt. Kein Wunder, dass viele auf dem Balkan den Eindruck haben, die serbische Orthodoxie halte länger als die politischen Kräfte an der Fiktion Groß-Serbien fest, da sie sich mit allen Mitteln gegen die Selbstbestimmung der Orthodoxen in Montenegro und Mazedonien wehrt.

Die cäsaropapistische Symbiose von Kirche und Staat war für die Orthodoxie nie eine „Symphonie“ auf Augenhöhe, sondern stets Bevormundung durch die politischen Machthaber, ihre jeweilige Ideologie oder Strategie. Die weltweite Orthodoxie braucht eine Modernisierung ihrer Ekklesiologie, um sich aus dem Würgegriff der Politik zu befreien.

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