Pius XII. und die Juden

Der Vatikan intervenierte gegen die Razzien bei römischen Juden

Der Tag der Razzia im jüdischen Ghetto Roms am 16. Oktober 1943. Bereits in den frühen Morgenstunden griff Papst Pius XII. ein.
Razzia
Foto: IN | Razzia der Nazis im jüdischen Ghetto in Rom am 16. Oktober 1943.

Der 16. Oktober 1943 war der Tag der Nazi-Razzia im Ghetto von Rom. Es war ein Samstag, und im Morgengrauen trieben 365 Nazi-Soldaten 1351 Juden zusammen. Das war ein entscheidender Moment in der Geschichte des römischen Judentums. Abgesehen von dem Entsetzen über das Geschehene und den notwendigen diplomatischen Protesten bedeutete dies für den Heiligen Stuhl kaum eine Änderung: Pius XII. hatte bereits vor und dann auch während der Razzia begonnen, den Juden zu helfen, und würde dies auch danach weiter tun.

Papst setzte sich nicht nur für konvertierte Juden ein

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Was Pius XII. betrifft, so hat die feindselige Öffentlichkeit es vorgezogen, auf sein angebliches „Schweigen“ zum Nationalsozialismus oder auf seine Vorliebe für die Rettung nur der zum Christentum konvertierten Juden hinzuweisen. Die Zahlen zeigen uns, dass alle diese Interpretationen unzuverlässig sind. Diakon Dominiek Oversteyns von der Geistlichen Familie „Das Werk“ hat Daten aus privaten Quellen gesammelt. Er verglich die offiziellen Zahlen mit denen der verschiedenen Untersuchungen und ermittelte auch Daten durch mathematische Extrapolation, die zumindest eine Vorstellung von der genauen Anzahl der betroffenen Personen vermitteln. Diese Daten erlauben es, die „schwarze Legende“ nicht nur des Schweigens, sondern auch der Passivität von Pius XII. zu widerlegen.

Die Razzia der Nazis gegen die römischen Juden begann am 16. Oktober 1943 um 5.00 Uhr und dauerte offiziell bis etwa 14 Uhr. Von den 1 351 Juden, die in ihren Wohnungen verhaftet wurden, konnten 61 fliehen, bevor sie in der Militärakademie eingesperrt wurden. Am Nachmittag des 16. Oktober wurden 258 der 1 290 in der Militärakademie inhaftierten Juden freigelassen. Bevor der Zug am 18. Oktober 1943 um 14.00 Uhr den Bahnhof Roma-Tiburtina in Richtung Auschwitz verließ, wurden zwei weitere Juden befreit.

Befreiung erwirkt

Pius XII. und seine Mitarbeiter – das belegen die Primärquellen zweifelsfrei – sind mitverantwortlich für die Befreiung von 247 römischen Juden an diesem Tag, eine Zahl, die auf 249 römische Juden anstieg, als der Deportationszug Rom verließ. So wirkte Pius XII. an der Befreiung und Rettung von 249 römischen Juden mit, die zwischen dem 16. und 18. Oktober 1943 verhaftet wurden. Das sind etwa ein Fünftel oder 20 Prozent der Juden, die in dieser Zeit in Rom verhaftet wurden. Dies ist eine wenig bekannte Tatsache, die jetzt ans Tageslicht kommt.

Tatsächlich griff Pius XII. am Tag der Razzia in den frühen Morgenstunden mehrmals ein und versuchte, die Razzia zu stoppen und verhaftete Juden vor ihrer Deportation zu befreien – wie Oversteyns dokumentiert.

Kontakt zum Botschafter

Die Interventionen bestanden darin, den Kontakt zum deutschen Botschafter Ernst von Weizsäcker zu suchen, um ihn davon zu überzeugen, in Berlin anzurufen und den Überfall zu stoppen. Der Botschafter hat nichts unternommen. Dann wandte sich Pius XII. über Pater Pancrazio Pfeiffer an General Reiner Stahel, den damaligen Chef der deutschen Besatzungsarmee in Rom, und bat ihn, etwas zu unternehmen, um die Razzia zu beenden. General Stahel rief Himmler direkt an und überzeugte ihn, die Razzia zu stoppen. Um 12 Uhr gab Stahel dann den Befehl, die Razzia abzubrechen. Darüber hinaus erhielt der SS-Kommandant Dannecker aus Berlin die Anweisung, alle Juden aus Mischehen sowie Juden, die bei Ariern beschäftigt waren, freizulassen. Diakon Oversteyns wandte ein mathematisches Simulationsmodell auf die Dynamik der Verhaftungen an. Auf diese Weise konnte er feststellen, dass in der ersten Zone der Razzia, dem Ghetto und dem Zentrum Roms, die Razzia bereits gegen 11 oder 11.20 Uhr endete, während in der zweiten Zone der Razzia, der Peripherie Roms, die Razzia gegen 13 oder 13.20 Uhr hätte enden müssen. Das bedeutet, dass der Angriff im Zentrum bereits beendet war, als General Stahel den Befehl Himmlers in Zone eins weitergab, während in Zone zwei der Peripherie die letzten Geschwader gegen 13 und 13.20 Uhr zurückkehrten.

Nach der Razzia 

Das erklärt, warum Herbert Kappler in seinem offiziellen Bericht schrieb, dass die Razzia um 14 Uhr beendet war. Aber es erklärt auch – so Oversteyns weiter – warum einige Nazis darauf hinweisen, dass sie keine Befehle zur Beendigung der Razzia erhalten haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass Himmler nicht den Befehl zum Abbruch der Razzia gegeben hatte. Dass der Befehl zum Abbruch der Razzia gegeben wurde, geht im Gegenteil aus dem zweiten Teil des Befehls hervor, den Himmler an Dannecker erteilte, um die verhafteten römischen Juden aus Mischehen oder im Dienst der römischen Arier nach Abbruch der Razzia freizulassen.

Dieser Befehl wurde von Himmler gegeben, um einen Aufstand in Rom zu verhindern, wie er in Neapel stattgefunden hatte, und wurde von SS-Kommandant Dannecker am Nachmittag des 16. Oktober 1943 konsequent ausgeführt. Es sei darauf hingewiesen, dass diese Freigabe nur dann Sinn macht, wenn die Razzia beendet ist. Und dies zeigt die Beziehung zwischen den beiden Befehlen, die Himmler um 12 Uhr gab.

Führer der jüdischen Gemeinde in Rom geschwiegen

Von den 1 030 Juden, die am 18. Oktober um 14 Uhr nach Auschwitz deportiert wurden, kehrten nur 16 nach Kriegsende zurück. Es ist statistisch erwiesen, dass, wenn die beiden Führer der jüdischen Gemeinde in Rom, Dante Almansi und Ugo Foa, am zehnten September 1943, dem Beginn der Besetzung Roms durch die Nazis, den Befehl an die jüdische Gemeinde gegeben hätten, unterzutauchen, und zwar auf Anraten von Oberrabbiner Zolli, mindestens 300 der 1 030 römische Juden, die am 16. Oktober 1943 verhaftet und zwei Tage später deportiert wurden, wären sicherlich weder verhaftet, noch deportiert, noch ermordet worden, da man heute statistisch das Verhalten der römischen Juden vor dem 16. Oktober 1943 kennt. „Das bedauerliche Schweigen der beiden Führer kostete 300 römischen Juden den vermeidbaren Tod“, lautet die Schlussfolgerung von Oversteyns.


Zweiter Teil eine Serie in fünf Folgen. 
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