IM BLICKPUNKT

Der Ritus bleibt in der Grauzone

Finstere Signale aus Rom. Zwei Schreiben zur Ausführung des Motu proprio „Traditionis custodes“ beunruhigen die Anhänger der „alten Messe“. Zukunft der alten Form der Liturgie ist unsicher.
Alte Messe
Foto: Traditional Latin Mass Society | Die Signale aus Rom verheißen nichts Gutes für Anhänger der Alten Messe. Andernorts spricht man schon von einem baldigen Ende der Alten Messe.

Zwei Auslegungen des Motu proprio „Traditionis custodes“ aus Rom haben die Anhänger der „alten Messe“ alarmiert. Die Ausführungsbestimmungen der Diözese Rom sind einschneidend, auch wenn  keine Messorte geschlossen werden. Das Schreiben des Generalvikars des Papstes schafft die Feier der Sakramente mit Ausnahme des Messopfers ab.

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Kein Triduum in altem Ritus

Auch die Sakramentalien und das österliche Triduum sollen künftig im neuen Ritus gefeiert werden. Vor allem das Verbot der Feier des höchsten Festes im Kirchenjahr im alten Ritus wirkt durchaus als harte Strafe. Jahrelange herrschte Gezerre zwischen Bischöfen und traditionalistischen Priestern, die die Konzelebration mit dem Ortsbischof am Gründonnerstag ablehnten. Diese Weigerung war auch innerhalb der Tradis selbst durchaus nicht unumstritten. Nun eint der Schock über das Verbot, das höchste Fest des Kirchenjahres in der ewigen Stadt im überlieferten Ritus zu begehen, die unterschiedlichen Lager. Das altrituelle österliche Triduum in Rom zog seit Jahren zahlreiche Pilger an.

Nicht wenige Tradis werden eine Reise auf eine liturgische Insel über die Ostertage einer Feier des Triduums im neuen Ritus vorziehen. Man darf bezweifeln, dass die Verordnung des römischen Generalvikars die Einheit der Kirche nachhaltig stärkt. Möglicherweise sprengt sie bloß für Dauer der Ostertage eine Herde, die sonst zusammengeblieben wäre.

Osterfest als Machtprobe?

Ob das Osterfest nun zur kirchenpolitischen Macht- und Gehorsamsprobe wird lässt sich derzeit nicht sagen. Nach wie vor sind die Ausführungsbestimmungen für Weltpriester, die den alten Ritus feiern und die traditionalistischen Gemeinschaften nicht klar. Die Religiosenkongregation und die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung sind nun an der Reihe. Letztere sorgte für den medialen Aufreger der Woche, als im Netz ein dreiseitiges Schreiben des Präfekten an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz von England und Wales, Kardinal Vincent Nichols bekannt wurde. Der englische Erzbischof Arthur Roche, erläutert seinem Landsmann darin eine Lesart von „Traditionis custodes“, die durch der Wortlaut des Dokumentes nicht gedeckt ist.

Mehr noch: Glaubt man Erzbischof Roche, so wäre das Ende der „alten Messe“ nur noch eine Frage der Zeit. Soll, was gestern galt, morgen schon obsolet sein? Der Brief des Präfekten zufolge ist die Abschaffung aller bisherigen Ausnahmen und Zugeständnisse an die altrituellen Gläubigen vorgesehen. Nur für eine „sehr begrenzte Zeit“ bis zur vollen Umsetzung „pastorale Besonnenheit“ an den Tag gelegt werde. Auch wenn der Brief natürlich keinen Bischof verpflichtet, verschärft er die Spannung in traditionalistischen Kreisen.

Gefahr neuer Verwerfungen 

Das Motu proprio selbst setzt keine Fristen. Der im Begleitschreiben des Papstes geäußerte Wunsch, die Gläubigen mögen zum neuen Ritus „zurückkehren“, kann so verstanden werden, dass sie gelegentlich die heilige Messe nach dem Missale Pauls VI. mitfeiern. Das dürfte bei den meisten schon aus praktischen Gründen ohnehin der Fall sein. Doch beinhaltet das Dokument mitnichten die Abschaffung der Feier des alten Ritus. Auch würde die Spiritualität der Petrusbrüder, der altrituellen Ordensleute und anderer Institute damit grundlegend in Frage gestellt.

Die Abschaffung der alten Messe würde ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und neue Verwerfungen in Klerus, Episkopat und unter den Laien nach sich ziehen. Der Ritus wäre dann endgültig ein Spielball episkopaler Beliebigkeit. Das Warten auf die Ausführungsbestimmungen verdüstert die Grauzone um Traditionis custodes, weil der Geist der Spaltung wieder aus der Flasche ist.

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