Klosterleben

Atheisten erleben im Kloster eine neue Welt

Ein Weg in die Stille. Wie nichtreligiöse Schriftsteller den Aufenthalt hinter Klostermauern erleben. Die Geschichte einer gewonnenen Wette.
Abtei Lagrasse
Foto: Julien Coquentin via imago-images.de | Das Leben der Regularkanoniker in der Abtei Lagrasse fasziniert auch Menschen, die keine Beziehung zum christlichen Glauben haben.

Einzutauchen in ein Leben im Kloster, an den Gebeten von Mönchen oder Nonnen teilzuhaben, dem strukturierten Ablauf des klösterlichen Alltags zu folgen und sei es auch nur für ein paar Tage – eine Sehnsucht, die wohl so manch ein Katholik tief in seinem Innern verspürt.

Schon lange ist es üblich, von ihrer Arbeit gestressten Menschen eine „Auszeit“ im Kloster anzubieten – zur Besänftigung der ausgelaugten und nach spirituellen Erfahrungen dürstenden Seele. Was aber geschieht, wenn sich überzeugte Atheisten und Agnostiker für einen dreitägigen Aufenthalt hinter Klostermauern entscheiden? Werden sie eines Besseren belehrt, lassen sie sich von Gesprächen mit jungen Ordensmännern zum Glauben an Gott bewegen?

Lesen Sie auch:

Klösterliches Leben

Dieses Experiment hat eine Gruppe erklärter Nicht-Gläubiger gewagt, von denen jeder in seiner Jugend eine andere religiöse oder auch nicht-religiöse Sozialisierung erfuhr. 14 französische Schriftsteller – darunter auch der in Deutschland bekannte katholisch aufgewachsene Pascal Bruckner, der in einer muslimischen Umgebung sozialisierte Boualem Sansal sowie Sylvain Tesson und Frédéric Beigbeder – begaben sich ab Februar 2021 nacheinander „drei Tage und drei Nächte“ in die Abtei Sainte-Marie de Lagrasse, ein reguliertes Chorherrenstift der Regularkanoniker in Südfrankreich – gelegen im Languedoc zwischen Carcassonne und Narbonne. Ihre Erfahrungen in der so noch nie erlebten Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, eingehüllt in den abgeschlossenen Kosmos einer katholischen Ordensgemeinschaft, verarbeiteten die Dichter zu einem bei Fayard soeben erschienenen 360-seitigen literarischen Kunstwerk mit dem Titel „Trois jours et trois nuits – Le grand voyage des écrivains à l?bbaye de Lagrasse“.

Das Vorwort verfasste Nicolas Diat, der durch seine Interviewbände mit Kardinal Robert Sarah sowie seine ausführlichen Schilderungen des spirituellen Reichtums klösterlichen Lebens auch einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland bekannt wurde.

Lange Geschichte

In seinem Vorwort, in dem sich Diat den Wesenszügen des Ordens der Regularkanoniker widmet, schreibt er von der Beschwerlichkeit des Lebens der Ordensbrüder in einem „abtrünnigen und antiklerikalen“ Umfeld, in dem die Kirche fast schon verschwunden ist. Dennoch behaupteten sich die Männer in der weißen Soutane hier in den Gemäuern der Abtei, deren Vorgängerbau im Jahr 779 im Auftrag Karls des Großen über acht Jahrhunderte lang errichtet wurde und in karolingischer Zeit das religiöse Zentrum des Languedoc bildete.

Die wechselvolle Geschichte des Klosters reichte vom „Kreuzzug“ gegen die Katharer und einer Phase des Niedergangs während des Hundertjährigen Krieges bis in die Zeit nach der Französischen Revolution, als die Revolutionäre es schlossen und plünderten, und die Mönche vertrieben wurden. 2004 ließen sich die Regularkanoniker der Mutter Gottes in der Abtei Sainte-Marie de Lagrasse in der Diözese Carcassonne nieder. 42  junge Männer führen hier ein Leben des Gebetes nach der Regel des heiligen Augustinus.

In seinem Geleitwort wundert sich Diat über die „Dualität“ dieser Ordensmänner, „die in der Gemeinschaft leben und jeden Tag siebenmal das Offizium in der Abteikirche beten, ohne sich je von der Pein der Welt zu entfernen. Wie viele Male sind sie in die Krankenhäuser, die Gefängnisse und die Palliativ-Pflegeheime im Departement Aude gegangen, bevor sie ins Kloster zurückkehrten?“

Atemberaubende Schönheit

In diese Umgebung nun begaben sich einige Tage lang die Schriftsteller, um das Leben der Brüder, ihre körperliche Arbeit, ihre Spaziergänge und schweigend ihre Mahlzeiten zu teilen, um in eine Gemeinschaft einzutauchen, „die Welten entfernt“ von unserer eigenen ist, bemerkt der Philosoph und Essayist Pascal Bruckner in „Trois jours et trois nuits“: „die Stille anstelle des Lärms, die Genügsamkeit statt des Überflusses, das Abschalten statt des Anschlusses“. Bruckner schreibt über die „Männer, die sich dazu entschieden hatten, sich inmitten der Natur im Rahmen einer atemberaubenden Schönheit zu isolieren und nach der Regel des heiligen Augustinus zu leben“, und er fragt, was die 14 Klostergäste an den Mönchen wohl „begeistern oder ins Wanken bringen könnte, obwohl diese dem Rückzug und der Keuschheit den Vorzug geben? Sie haben sich entschieden, dem abzusterben, was nicht wesentlich ist, wir leben für das, was sie für oberflächlich halten. Für unseren prosaischen Kosmos bleibt diese Entscheidung zur Reklusion ein Rätsel.“

Gläubig ist Bruckner nicht geworden. Er kehrte als Agnostiker zurück, er sei Gott nicht begegnet, dafür „aber außergewöhnlichen Männern, die an ihn glauben. Das genügt mir“. Von seinem kurzen Aufenthalt behalte er zurück, „die extreme Jugend der Brüder und ihre innere Ruhe, oder auch ihre gute Laune, ihre ständige Verfügbarkeit“. Ihre Jugendlichkeit sei, so Bruckner, „ein Zeichen der Hoffnung, wenn so viele Kirchen in Frankreich und Westeuropa von alten Menschen voll sind“. Wenn es den Christen nicht gelänge, „die neuen Generationen zu überzeugen, werden sie aus der Landschaft verschwinden. Die religiösen Gebäude werden an die Zuständigkeit des Ministeriums für Tourismus fallen und ebenso besichtigt werden, wie wir die römischen Ruinen oder griechischen Tempel durchschreiten“.

Atheist aus Verzweiflung

In Lagrasse hat Bruckner indes etwas wiedergefunden, was ihn seit „den weit entfernten Exerzitien“ seiner Jugend schon immer faszinierte: „die Organisation des täglichen Lebens. Es ist das klösterliche Leben mit seiner zeitlichen Aufteilung, seinen Gottesdiensten, seinen dem Gebet, der Meditation und der Arbeit reservierten Zeiten“. Der Essayist bleibe „ein Kulturchrist, und ich werde nie die Religion meiner Kindheit leugnen. Ich verharre an der Schwelle des Mysteriums, ich begebe mich nicht hinein. Die Debatte zwischen der Philosophie und der Theologie, zwischen Zweifel und Glauben, darf nicht aufhören. Selbst ein Atheist glaubt noch an die Nicht-Existenz Gottes, er glaubt felsenfest, dass er nicht glaubt“.

Der algerischstämmige Boualem Sansal, der aufgrund der Corona-Situation und politischen Lage seines Heimatlandes nicht aus Algerien ausreisen konnte, folgte dem Klosterleben per Videokonferenz, wird den Besuch der Abtei aber nachholen. Gleich zu Anfang seines Essays bekennt er: „Ich bin Atheist und ich bedauere es. Ich bin nicht Atheist, weil ich Gott ablehne, ich bin es, weil ich ihn nicht erreichen kann, weil ich nicht die Mittel habe, ihn in meinem Geist und meinem Fleisch aufzunehmen.“

Er sei „Atheist aus Verzweiflung, aus Unvermögen, aus Fatalismus, würde ich sagen, wenn ich aus dem alten islamischen Hintergrund meines Landes schöpfen müsste“. Dennoch setzt sich Sansal mit der Religion, auch der katholischen, auseinander, wenn er feststellt: „Die Globalisierung und ihr verheerender Relativismus haben das Abdriften verstärkt. Das Zweite Vatikanum hat den Wokismus und die Cancel Culture im Abendland verbreitet, und als Folge hat die Kultur der Viktimisierung und der Vergeltung in der orientalischen Welt den Rest dazu beigetragen.“ Das Resümee aus den Erfahrungen der Dichter zieht Nicolas Diat, wenn er anmerkt: „Die Schriftsteller mochten Lagrasse. Dort fanden sie Freunde, Ratgeber, Führer, vor allem aber einfache Menschen. Niemand war dort, um den anderen zu überzeugen. Doch die Wette war nicht von vornherein gewonnen.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
„Wie orientalische Muster“: Gerhard Richters Kirchenfenster sind die Hauptattraktion eines der ältesten Klöster auf deutschem Boden, der frisch herausgeputzten Abtei Tholey.
27.09.2020, 19  Uhr
Veit-Mario Thiede
Exerzitien in Oklahoma. Kardinal Müller predigt einem jungen Benediktinerkonvent Exerzitien über die Gegenwart Gottes in der Schöpfung. Die Tage waren eine Gnadenzeit.
10.12.2021, 18  Uhr
Gerhard Kardinal Müller
Themen & Autoren
Katrin Krips-Schmidt Abteien Agnostiker Carolus Magnus Exerzitien Französische Schriftstellerinnen und Schriftsteller Frédéric Beigbeder Mönche

Kirche

In dieser Woche wird das Münchner Missbrauchs-Gutachtens veröffentlicht. Isabella Lütz warnt vor einer Vorverurteilung Benedikts XVI. Wenn einer kein Vertuscher gewesen sei, dann er.
17.01.2022, 14 Uhr
Isabella Lütz
Im Bistum Limburg setzt man auf die Pfarreien neuen Typs. Trotz eines durchdachten Ansatzes liegt ein steiniger Weg vor dem Bistum.
16.01.2022, 15 Uhr
Heinrich Wullhorst
Thomas von Aquin, Dominikaner und Schüler des heiligen Albert des Großen, schuf eine einzigartige theologische Synthese, die das Zusammenwirken von Glaube und Vernunft, Seele und Körper, ...
16.01.2022, 09 Uhr
Benedikta Rickmann OP