IM BLICKPUNKT

Und plötzlich ist der Papst selbst im Spiel

Das Vatikan-Verfahren gegen Kardinal Angelo Becciu wegen der Londoner Immobilien: Vom Maxi-Prozess zur Maxi-Blamage?
Giovanni Angelo Becciu
Foto: Stefano Dal Pozzolo | Kardinal Giovanni Angelo Becciu wird Mitwirkung an der verunglückten Investition des Staatssekretariats in eine Londoner Luxusimmobilie vorgeworfen. Der Prozess darum wird zur Farce.

Kaum noch einer achtet auf den Vatikan-Prozess gegen Kardinal Angelo Becciu und die neun weiteren Angeklagten. Das mag an Corona liegen – oder auch daran, dass man schon sehr geduldig sehr viel lesen muss, um nachzuverfolgen, wie dieses Verfahren von Anfang an im Sande verlaufen ist. Es war ja nicht so, dass die Anklage in Gestalt des vatikanischen Staatsanwalts, des „Promotore di Giustizia“, nach Prozesseröffnung Ende Juli irgendwann mit flammenden Worten die Verbrechen und Missetaten des aller Ämter verlustig gegangenen Kardinals aufgezählt hätte.

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Fehler gemacht

Nein. Genau diese vatikanische Staatsanwaltschaft hat einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie hat bei der Vernehmung eines der Hauptbelastungszeugen, des früher, unter Becciu, in einflussreicher Position im Staatssekretariat arbeitenden Monsignore Alberto Perlasca so viele Video- und Audioaufnahmen gemacht, davon aber keine ordentlichen Abschriften angefertigt, dass die Verteidiger der Angeklagten zu Recht darauf bestehen können, erst die Aussagen des Hauptbelastungszeugen studieren zu müssen, damit man seine Mandanten überhaupt verteidigen kann.

So sieht das auch der Präsident des Vatikantribunals. Auch die letzte Sitzung in der vergangenen Woche verlief ohne Ergebnis. Und Gerichtspräsident Giuseppe Pignatone vertagte ein weiteres Mal auf den kommenden 1. Dezember mit den Worten: „Man kann nicht beginnen, die Fragen dieses Prozesses zu prüfen, wenn die Verteidigung nicht im ganzen Umfang die Akten kennt“. Und fügte fast drohend hinzu: „Es braucht noch Zeit bis zum Beginn, wenn wir überhaupt anfangen können.“

Eine Farce

Um den Prozess jetzt schon zur Farce zu machen, kam beim letzten Verhandlungstag noch ein Detail hinzu. Einer der Verteidiger spielte dem Gericht den Auszug aus einer Vernehmung von Perlasca vor, bei der es um fünfzehn Millionen Euro des Vatikans ging, die italienische Finanzberater und Broker gefordert hätten, um die ominöse Londoner Immobilie ganz unter die Kontrolle des vatikanischen Staatssekretariats zu bringen. Auf diesem Auszug war zu hören, wie der vatikanische Staatsanwalt dem Zeugen Perlasca bei der Vernehmung ins Wort fiel: „Monsignore, das was Sie sagen, spielt keine Rolle. Wir sind zum Heiligen Vater gegangen und haben erfragt, was passiert ist.“ Also eine Aussage des Papstes?

Papst nicht vor Gericht

Und ebenfalls nicht protokolliert? Kein Wunder, dass der Staatsanwalt die Existenz einer solchen Aussage des Papstes verleugnete – und dass die Medien nun fordern, dass auch Franziskus vor Gericht erscheinen müsse. Was das vatikanische Protokoll natürlich nicht kennt. Der Souverän eines Staates tritt nicht in den Zeugenstand, zumindest nicht im Kirchenstaat. Aber alle wissen noch, dass Franziskus im fernen November 2019 während des Flugs von Thailand nach Japan den mitfliegenden Journalisten ziemlich genau erzählt hat, wie er selbst involviert war, als er die Durchsuchung der Räume des Staatssekretariats ins Rollen brachte.

Das alles sind Fragen, die nach Aufklärung drängen. Zumal es um einen Kardinal geht, dessen Schuld bisher nicht bewiesen werden konnte. Seit über einem Jahr führt Angelo Becciu das Leben eines „desaparecido“. Die mag es in Lateinamerika geben. Aber für den Vatikan gehört sich das nicht.

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