Papst Pius XII.

Papst Pius XII. verteidigte die Fruchtbarkeit

Lange vor „Humanae vitae“: Vor 70 Jahren nahm Papst Pius XII. vor katholischen Hebammen zur natürlichen Empfängnisverhütung Stellung .
Pius XII.
Foto: Archiv | Pius XII. im Jahr 1950. Die Entscheidungen des späteren Papstes Paul VI. zum Gebrauch der Anti-Babypille fußen auf den Gedanken des Pacelli-Papstes.

Unter den Päpsten des 20. Jahrhunderts ragt in besonderer Weise Pius XII. hervor. Überragende Intelligenz, allumfassende Bildung und verstandesmäßiges Denken korrespondiertem mit tiefer Frömmigkeit, beispielhaft gelebtem Glauben und unerschütterlichem Gottvertrauen. Der heilige Paul VI., für viele Jahre eine der engsten Mitarbeiter Pius' XII., nannte seinen Vorgänger den Lehrmeister seines Pontifikates.

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Pius XII. und das zweite Vatikanum

Und wie kein anderer Nachfolger Petri hat der Pacelli-Papst seine Spuren in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils hinterlassen. Seine Ansprachen und Rundschreiben bereitete Pius XII. mit unglaublicher Akribie vor. Bei der Abfassung zog er die Fähigkeiten anerkannter Fachleute unkapriziös heran. Aber vor allem war er bemüht, sich selber bestmöglichst über das jeweilige Thema zu informieren und alle Aspekte gründlichst zu beleuchten. Der Augustinerchorherrenabt Karl Egger, Latinist im Päpstlichen Staatssekretariat und Hauslehrer der Familie Pacelli, berichtete, mit welchem enormen Aufwand sich der Papst auf Ansprachen vorbereitete.

Der Schreibtisch des Pontifex, ja sein ganzes Arbeitszimmer, sei dann von entsprechender Literatur in Beschlag genommen worden. So auch für eine Rede, die der Papst am 29. Oktober 1951 während einer Audienz für den Verband der katholischen Hebammen Italiens halten wollte. Im Apostolischen Palast spottete man, so wie der Apostel Paulus den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche sein wollte, so habe sich Pius XII. mit der Absicht getragen, den Hebammen eine Hebamme zu werden.

Ansprache vor Hebammen

Die Besucherinnen der Audienz hatten an einem in Rom stattfindenden Kongress teilgenommen. Der Papst ergriff bei der Begegnung mit den Hebammen über einen Aufruf zur Erfüllung ihrer Standespflichten hinaus die Gelegenheit, den ganzen Komplex der drängenden Fragen des ehelichen Lebens und der Mutterschaft im Lichte der christlichen Lehre darzulegen. Dem bisherigen katholischen Verständnis fügte er einen neuen Gesichtspunkt hinzu, der auf die inzwischen von der Wissenschaft gemachte Entdeckung der unfruchtbaren Zeiten des weiblichen Organismus einging.

Der Papst gab an, dass sich heutzutage die ernste Frage stelle, „ob und inwieweit die Pflicht der Bereitschaft zum Mutterdienst sich vereinbaren lässt mit der immer mehr sich ausbreitenden Flucht in die Zeiten der natürlichen Unfruchtbarkeit (die so genannten Perioden der Empfängnisunfähigkeit der Frau)“. Er betonte: „Wenn die Anwendung dieser Möglichkeit nichts weiter besagen wolle, als dass die Gatten auch an den Tagen der natürlichen Unfruchtbarkeit von Ihrem Eherecht Gebrauch machen können, so ist dagegen nichts einzuwenden; damit verhindern oder vereiteln sie tatsächlich in keiner Weise den Vollzug des natürlichen Aktes und seine weiteren natürlichen Folgen“.

Vom Papst ernst genommen

Ginge man indessen aber so weit, „indem man nämlich den ehelichen Akt ausschließlich an jenen Tagen zulässt, dann muss das Verhalten der Eheleute genauer geprüft werden“. Klar und deutlich wandte sich der Pontifex gegen eine bewusste „Verkehrung des Aktes selbst“. Die Hebammen hatten der Rede des Papstes aufmerksam gelauscht und konnten seinen Ausführungen folgen. Für sie waren die Worte Pius XII. kein leeres Gefasel. In ihrem Beruf und in ihrem Apostolat sahen sie sich vom Papst ernst genommen.

Papst Paul VI. gegen künstliche Verhütung

Von 1962 bis 1965 fand in Rom das Zweite Vatikanische Konzil statt. In diesen Jahren kam die sogenannte „Antibabypille“ zu ihrer Zulassung als Verhütungsmittel und trat ihren „Siegeszug“ an. Die Kirchenversammlung wurde nun verstärkt mit der Problematik der künstlichen Empfängnisverhütung konfrontiert. Das Konzil wollte die heikle Frage selbst behandeln, doch der damalige Pontifex, Paul VI., sah sich in die Pflicht genommen.

Und so mussten die Väter der Kirchenversammlung feststellen: „Bestimmte Fragen, die noch anderer sorgfältiger Untersuchungen bedürfen, sind auf Anordnung des Heiligen Vaters der Kommission für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit übergeben worden, damit, nachdem diese Kommission ihre Aufgabe erfüllt hat, der Papst eine Entscheidung treffe.“

Paul VI. gegen die Mehrheit

Im Juni 1965 kommt die vom Papst eingesetzte Kommission zu dem Mehrheitsbeschluss, Paul VI. zu empfehlen, den Gläubigen unter bestimmten Voraussetzungen die Nutzung künstlicher Verhütungsmittel zu erlauben. Der Papst beauftragt nun zusätzlich Bischöfe und Theologen mit der Behandlung der Problematik. Kardinäle, Bischöfe, Professoren und die Medien versuchen Einfluss auf den Pontifex zu nehmen.

Am 25. Juli 1968 erfolgt die Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ als Lehrschreiben „über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens“. Dessen Aussage ist eindeutig: Der Papst verbleibt in der Tradition der Kirche. Paul VI. hatte sich die klaren Gedankengänge Pius?XII. zu eigen gemacht.  Für seinen Mut erntete er, inner- wie außerkirchlich, heftige Kritik und wurde als „Pillen-Paul“ verspottet. Im dritten Millennium findet eine Neubesinnung auf „Humanae Vitae“ statt.

Bemerkenswerte Worte

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ sagte Papst Franziskus im Jahr 2014 über Paul VI. und „Humanae Vitae“: „Seine Genialität war prophetisch, er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen... Die Frage ist nicht, ob man die Lehre ändert, sondern, ob man in die Tiefe geht und dafür sorgt, dass die Pastoral die einzelnen Lebenslagen und das, wozu die Menschen jeweils imstande sind, berücksichtigt.“

Kritiker der Ansprache Pius' XII. an den Verband der katholischen Hebammen Italiens und der Enzyklika „Humanae Vitae“ Pauls VI. machen sich eines unentschuldbaren Vergehens schuldig. Sie haben sich nie für die Texte an sich interessiert und immer nur ein, zwei Sätze herausgegriffen und sie bewusst isoliert interpretiert. Pius XII. und Paul VI. haben zur Ehe und ehelichen Liebe bemerkenswerte Worte gefunden, die beachtet und nicht unterschlagen werden sollten.

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