Vatikanstadt

Hadrian VI. wurde vor 500 Jahren zum Papst gewählt

Der „deutschen Wut“ ausgeliefert. Vor 500 Jahren wurde der flandrische Kardinal Adriaan Floriszoon Boeyens nach einem langen politischen Konklave als Hadrian VI. Papst. Er wurde ein Papst der Entweltlichung.
Papst Hadrian VI.
Foto: wikipedia | Der Flame auf dem Stuhl Petri setzte sehr schnell neue Akzente. Hadrian VI. war ein Papst der Entweltlichung.

Der Herr schreibt auf krummen Zeilen gerade – auch bei der Papstwahl. Wie oft mögen die Herren Kardinäle politischen und egoistischen Erwägungen gefolgt sein, statt auf die Stimme des Heiligen Geistes zu hören? Und trotzdem trat am Ende ein Papst vor die Gläubigen, der ein wahrer Hirte und heiligmäßig gewesen ist.

Ein solcher Fall ereignete sich auch genau vor 500 Jahren, als am 9. Januar 1522 der flandrische Kardinal Adriaan Floriszoon Boeyens zum Papst Hadrian VI. gewählt wurde, wie er sich unter Beibehaltung seines Taufnamens fortan nannte. Mit einem Deutschen, wozu man Flandern damals zählte, hatte niemand gerechnet, am wenigsten die Kardinäle selbst. Und doch war bei der Wahlentscheidung handfeste Politik im Spiel.

Denn der am 1. Dezember 1521 verstorbene Leo X. hatte leere Kassen und ein zerstrittenes Kardinalskollegium zurückgelassen, das in eine kaiserliche und eine französische Partei gespalten war. Zugleich gefährdeten die Reformen Luthers zunehmend die Einheit der Kirche. Eile war also geboten, um die ausgesessenen Probleme des Medici-Papstes endlich in Angriff nehmen zu können.

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Als Kardinal war er Lehrer und Berater von Karl V.

Doch der Beginn des Konklaves verzögerte sich. Die französischen Kardinäle waren nicht in Rom. Als an dann auch noch der frankophile Kardinal Ferrero von kaiserlichen Truppen in Pavia aufgehalten wurde, musste die der erste Wahlgang auf Protest des französischen Gesandten bis nach Weihnachten verschoben werden. Am 27. Dezember ertönte endlich das „Extra omnes“. Nur drei Nicht-Italiener waren unter den 39 Kardinälen, zwei Spanier und Kardinal Schiner aus der Schweiz.

Allgemein rechnete man mit der Wahl des Kardinalnepoten Giulio de Medici, der für seinen phlegmatischen Vetter Leo die Regierungsgeschäfte geführt hatte. Seine Wahl hätte eine Fortsetzung der kaisertreuen Politik bedeutet. Doch unter jenen Kardinälen, die Kaiser Karl V. zugetan waren, gab es eine Gruppe, die eines nicht noch einmal wollte: einen Medici. Genug sei es mit florentinischer Politik und Verschwendungssucht. So zeichnete sich schon nach wenigen Wahlgängen die Chancenlosigkeit Giulios mehr als deutlich ab. Auch sein Ersatzkandidat, Alessandro Kardinal Farnese, konnte sich nicht durchsetzen, ebenso wenig wie Kardinal Schiner. Um eine schnelle Wahl zu erzwingen, reduzierten die Römer die Lebensmittelrationen der Kardinäle – auch das änderte an der politisch verfahrenen Situation nichts!

Politisches Geschacher im Vorfeld

Vor der Wahl hatte Giulio de Medici dem Kaiser versprochen, einen franzosenfreundlichen Papst zu verhindern und dabei auch den Namen des flandrischen Kardinals Adriaans Floriszoon Boeyens ins Spiel gebracht. Diese Personalie war so etwas wie ein Super-Gau für Frankreich, denn Adriaan war der Lehrer Karls V. und einer seiner engsten Berater. 1515 hatte man ihn sogar nach Spanien geschickt, um die Regierungsgeschäfte zu führen. Dort war er auch Bischof von Tortosa und zum Kardinal geworden

Ein Mann mit Regierungserfahrung also und nicht nur das: Da er mit den Medicis nichts am Hut hatte, war er auch für deren Gegner unter den Kardinälen akzeptabel. Wohl auch deswegen hielt Giulio diesen Vorschlag lange zurück.

Adriaan von Tortosa, wie er seit seiner Wahl zum Bischof der katalanischen Stadt genannt wurde, hatte am 2. März 1459 in Utrecht das Licht der Welt erblickt und früh seinen Vater, einen Handwerker, verloren. Seine Erziehung wurde den in Flandern weit verbreiteten Kogelherren anvertraut. Adriaans Zukunft war damit vorgezeichnet. Er studierte Theologie, wurde 1490 zum Priester geweiht und schließlich Kanzler und Rektor der Universität Löwen, einer Hochburg der Scholastik und Bollwerk gegen den Humanismus. Adriaan galt somit als konservativer Kirchenmann, und vor allem als fromm, rechtschaffen und bescheiden. Wohl auch deswegen wurde er 1507 von Kaiser Maximilian zum Lehrer seines Enkels Karl bestellt.

Ein Frommer aus Flandern

Adriaan von Tortosa befand sich noch immer in Spanien, als Giulio de Medici am Morgen des 9. Januar 1522 die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkannte. Mehrere Kardinäle hatte er vorgeschlagen, alle waren gescheitert.

Wegen der verfahrenen politischen Lage musste das Konklave nun aber schnell ein Ende finden und so erinnerte er sich an sein Versprechen.: „Nehmt den Kardinal von Tortosa, einen ehrenwerten Mann von dreiundsechzig Jahren, der allgemein für heilig gilt“, rief er den Kardinälen zu. Ob die Sache abgesprochen war oder nicht: Der als Medici-Gegner geltende Kardinal Kajetan – jener, der mit Luther disputiert hatte – sprach sich ebenfalls für diesen Vorschlag aus. Wenige Augenblicke später hatte der noch ahnungslose Adriaan die erforderliche Stimmenmehrheit. Man kann sich heute keine Vorstellung mehr davon machen, wie diese Nachricht einschlug.

Erst nach und nach wurde den Kardinälen bewusst, was die Wahl des Mannes aus dem dunklen Norden bedeutete: Unsicherheit, Ämterverlust, Bedeutungslosigkeit und wer weiß was, denn über die Vorstellungen des frommen flandrischen Kardinals wusste niemand etwas. Und die Römer?

Der letzte deutsche Papst vor Benedikt XVI.

Auf dem Petersplatz herrschte zunächst absolutes Chaos, weil Kardinal Cornaro, der Kardinalprotodiakon, eine sehr schwache Stimme hatte und nicht verstanden wurde, zudem kannte niemand den Namen des neuen Papstes. Schließlich verbreitete sich die Nachricht, dass ein Deutscher, einer aus dem Land Luthers, das Sagen haben sollte. Für die Italiener ein Schlag ins Gesicht! Man empörte sich darüber, dass die Kardinäle Rom der „deutschen Wut ausgeliefert“ hätten, wie es in einem Spruch des Pasquino hieß.

Und in der Tat sollte Hadrian, der erst nach sieben Monaten in Rom einzog, ganz neue Akzente setzen. Obwohl er Luther und seine Lehre früh verurteilt hatte, schätzte der „Deutsche“ die gefährliche Situation richtig ein, indem er die Anliegen der beginnenden Reformation ernst nahm. Das „Schuldbekenntnis“ vom Januar 1523 ist ein beredtes Zeugnis dafür. Der Ablasshandel wurde eingeschränkt. Auch Verschwendungs- und Prunksucht hörten auf. Nepoten wurden erst gar nicht ernannt, dafür behielt Giulio de Medici seine Ämter.

So darf man sagen: Hadrian war der letzte Papst aus Deutschland vor Benedikt XVI. und wie dieser ein Papst der Entweltlichung. Doch nach nur 20 Monaten starb er im September 1523 zu früh, um irgendetwas bewirken zu können. In der Rückschau darf man aber im Ausgang des von politischen Ränkespielen geprägten Konklaves von 1521/22 einen göttlichen Fingerzeig sehen, der leider zunächst nicht weiter befolgt wurde.
Die Kardinäle wählten Giulio de Medici als Clemens VII. zu Hadrians Nachfolger. Aber das ist eine andere Geschichte.

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