Weltsynode

Die Weltsynode wird ein riesiges Puzzle

In Rom hat die zweijährige Weltsynode begonnen, in den Diözesen startet sie jetzt am Sonntag. Der Papst und seine Mitarbeiter mühen sich zu erklären, worum es dabei überhaupt geht.
Petersdom
Foto: Grzegorz Galazka via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Die Messe im Petersdom zum Start der Weltsynode.

Die Weltsynode ist eröffnet und ab kommenden Sonntag liegt es an den Diözesen auf allen fünf Kontinenten, die erste regionale Phase einzuleiten. Ziel wird es sein, so die Vorstellung des Papstes, den Grundstock zu legen für einen Prozess von zunächst zwei Jahren, bis zur Weltbischofssynode in Rom im Oktober 2023. Diese Zeit „der Begegnung, des Zuhörens und der Reflexion“ soll, so Franziskus am vergangenen Samstag bei der Eröffnung in der Synodenaula des Vatikans, eine Zeit der Gnade sein, „die uns in der Freude des Evangeliums ermöglichen möge, wenigstens drei Chancen zu nutzen“. Die erste bestehe darin, „uns nicht nur gelegentlich, sondern strukturell auf den Weg hin zu einer synodalen Kirche zu machen“.

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Eine hörende Kirche

Die Synode biete sodann die Chance, so Franziskus weiter, „eine hörende Kirche zu werden: eine Pause von unseren Abläufen einzulegen, unsere pastoralen Ängste abzustellen, um beim Zuhören zu verweilen: in der Anbetung und im Gebet auf den Geist zu hören. Wie sehr fehlt uns heute die Anbetung! Viele haben sie sich nicht nur abgewöhnt, sondern wissen gar nicht mehr, was ,anbeten‘ bedeutet.“ Und schließlich gehe es darum, „eine Kirche der Nähe zu werden“: das heißt, eine Kirche, „die sich nicht vom Leben trennt, sondern sich der Zerbrechlichkeit und Armut unserer Zeit annimmt.“ Soweit Papst Franziskus beim Synodenstart am Samstag.

Der Ort des Geschehens, die Synodenaula, bot das gewohnte Bild einer bischöflich und klerikal anmutenden Versammlung – nicht im Stil des von Laien geprägten Kirchenparlaments wie beim deutschen Synodalen Weg. Etwa 250 Kirchenführer aus aller Welt, Vatikanmitarbeiter und theologische Experten waren zusammengekommen. Die Fahne der Kirche in Deutschland hielten Gerhard Müller als in Rom residierender Kardinal hoch, sowie Lukas Schibowski, ein deutscher Mitarbeiter des römischen Synodensekretariats, die als Theologin in Peru wirkende Nonne Birgit Weiler und Frère Alois, der Leiter der Gemeinschaft von Taizé. Eigens aus Deutschland war kein Bischof angereist.

Das Ziel der Synode sei es nicht,
„eine andere Kirche zu schaffen,
sondern eine Kirche, die anders ist“

Eine neue Art Kirche 

Immer wieder haben Papst Franziskus, das römische Synodensekretariat, aber auch Berichterstatter hervorgehoben, dass sich die Weltsynode, die zwar unter den Schlagworten „Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“ steht, dennoch aber keine von vornherein fest definierten Themen aufarbeiten will, sondern den Stil einüben soll, synodal Kirche zu sein. Wer die beiden Ansprachen des Papstes zur Eröffnung liest, das Referat vom Samstag und die Predigt beim Eröffnungsgottesdienst am Sonntag im Petersdom, stößt nicht auf ausdrücklich genannte Notlagen, Herausforderungen, Reformen, sondern auf eine nun zu verändernde Art, Kirche zu sein, sich in die Gemeinschaft der Glaubenden einzufügen und auf die Nöte der Welt zu schauen.

Der Generalrelator des synodalen Weltprozesses, der luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ, verglich deshalb das Synodengeschehen der kommenden beiden Jahre mit einem „riesigen Puzzle“: Der Weg werde sich erst zeigen, wenn auch bisher vernachlässigte Teile zu dem Bild hinzugefügt werden. Damit meinte er die Erfahrungen von Menschen, die bisher nicht gehört wurden oder sich – noch nicht – äußern wollten. Es gebe keine thematische Agenda, meinte Hollerich, auch gehe es nicht darum, „Veränderungen zu schlucken, die bereits entschieden sind“.

Anders sein

Franziskus formulierte es ebenso offen, als er den französischen Konzilstheologen Yves Congar zitierte: Das Ziel der Synode sei es nicht, „eine andere Kirche zu schaffen, sondern eine Kirche, die anders ist“. Dermaßen unbestimmt formuliert, stößt die Weltsynode bisher auf ein verhaltenes Interesse der Gläubigen und ein geringes Echo der Medien. Es ist wie mit dem ökologischen Jahr, das Franziskus der Kirche verordnet hatte, oder der „Ökonomie des Franziskus“, mit der er vor allem junge Menschen ansprechen wollte: Rom organisiert etwas, aber die Gläubigen in aller Welt sehen kaum einen Grund, ihre konkreten Lebensfragen beiseite zu lassen.

Bei der Weltsynode wird es ein Fragebogen sein, der ab dem kommenden Sonntag, wenn der Prozess dann auch in den Diözesen eröffnet ist, die Stimmung an der Basis abgreifen soll. Das Generalssekretariat hat im Vorbereitungsdokument, das inzwischen in allen Bistümern der Welt liegt, zehn Themenkomplexe genannt, zu denen die Diözesen Umfragen starten sollen – in den Pfarreien, den kirchlichen Verbänden und geistlichen Gemeinschaften. In Deutschland ist es nicht die Bischofskonferenz, die zentral einen Fragebogen ausarbeitet, sondern jede einzelne Diözese formuliert diesen selber oder lässt sich auf Grundlage der römischen Vorgabe einen Fragebogen von einer – gut bezahlten – Agentur erstellen.

Keine Forderungen nach Änderungen

Die zehn Themenkomplexe des Synodensekretariats fragen nach den Weggefährten des Einzelnen, nach seiner Fähigkeit, zuzuhören, nach dem Freimut, offen zu sprechen, nach dem Feiern und der Mitverantwortung in der Sendung. Weitere Stichworte sind der Dialog in Kirche und Gesellschaft, oder das Gespräch mit den anderen Konfessionen, sie berühren die synodalen Organismen in den Teilkirchen, die Fähigkeit, auf der Basis eines Konsenses zu unterscheiden und synodal „gemeinsam zu gehen“. Keine der klassischen Forderungen nach möglichen Änderungen – Laiendienste, Zölibat, Sexualmoral, Frauenweihe und so weiter – stehen auf dem Programm der Weltsynode, sondern eben jener synodale Stil, der der lateinischen Kirche dem Papst zufolge allzu sehr fehlt und den sie nun erlernen soll.

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Die bis 2023 dauernde Weltsynode beginnt mit der größten Befragung der Menschheitsgeschichte. Über die Gründe für diesen vom Papst gewollten Prozess kann man nur spekulieren.
16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst