Synodaler Weg

Der synodale Weg ist eine Bastelstube

Pipi Langstrumpf hätte ihre helle Freude. Dorothea Schmidt dokumentiert ihre Erfahrungen als Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Weges. In ein Buch gegossene Erlebnisse.
"Pippi Langstrumpf"
Foto: Frank May (dpa) | Synodaler Weg heißt, Kirche machen wie Pipi Langstrumpf: Ich mache mir die Kirche, wie sie mir gefällt.

Eine kleine Pippi Langstrumpf schaut auf dem Coverbild des jüngst erschienenen Taschenbuchs von Dorothea Schmidt melancholisch in den Altarraum einer Kirche. Pippi, die allein mit Äffchen, Pferd und einem großen Koffer voller Goldstücke in der Villa Kunterbunt lebt, legt die Füße mit den viel zu großen Schuhen respektlos auf die Vorderbank. Im Film singt das neunjährige Mädchen mit den markanten Zöpfen ein Lied mit dem Refrain: „Ich mach mir die Welt – widdewidde – wie sie mir gefällt!“ Eine Ikone des Individualismus – oder ein Bild unbändigen Vertrauens?

Ein Koffer mit Gold

Über einen Koffer voller Goldstücke scheint auch der kirchliche Apparat zu verfügen, dem die Autorin, Journalistin und Mutter zweier Kinder, auf dem Synodalen Weg begegnet. Sie betritt das Reich der Synodalversammlungen und Regionalkonferenzen, Abstimmungen, Plenumsveranstaltungen und Einquartierung im Fünfsternehotel. Mit neugierigem Interesse geht sie an die Sache, fremdelt aber schon recht bald, weil der „Synodale Weg“ eher einem Parteitag als einer geistlichen Veranstaltung gleicht. Sie führt ein Online-Tagebuch und berichtet aus der Perspektive des Glaubens von ihren Begegnungen mit Laien, Priestern, Theologinnen und Bischöfen. Diese Erfahrungen lässt sie jetzt in ein Buch einfließen, das unter dem Titel „Pippi-Langstrumpf-Kirche – Meine Erfahrungen auf dem Synodalen Weg“ erschienen ist.

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Es handelt sich nicht um eine systematische Abhandlung oder gar einen theologischen Gegenentwurf zu den Grundlagentexten der Synodalversammlung. Dorothea Schmidt behält den umgangssprachlichen Tagebuchstil bei und eröffnet so den Lesern ihr persönliches Erleben und Befremden auf sehr unmittelbare Weise. In elf Kapiteln kontrastiert sie Themen und Wunschvorstellungen des Synodalen Wegs mit der Welt des Glaubens, den sie in der Kirche lebt.

Reichlich kreativ

Die unkonventionellen Überschriften bezeugen eine gewisse Geistesverwandtschaft mit Astrid Lindgrens Heldin. „Frauenweihe mit der Genderkeule“, „Frau ist nur die halbe Wahrheit – Mann auch“ oder eine spielerische Wortschöpfung wie „Ich gotte, du gottest, er gottet“ entspringen einem kreativen Geist, der sich jedoch nie in Vordergründigkeiten erschöpft.

In guter apologetischer Tradition wird die Auseinandersetzung mit einer dem Glauben fernen Welt zum werbenden Zeugnis für den Glauben. Die Ablehnung der Evangelisierung, Demokratisierung kirchlicher Entscheidungen, die Gender-Ideologie, die Nivellierung der Geschlechterpolarität und der Griff nach der Priesterweihe sind für sie Anlass, die Inhalte des Glaubens darzustellen. Dabei ist ihr oft das Erstaunen anzumerken, wie jemand sich als Katholik bezeichnen und zugleich so sehr einer orientierungslosen Welt angleichen kann.

"Man spürt das Erschrecken darüber,
dass jede positive Rede von Maria auf dem
Synodalen Weg unter Fundamentalismusverdacht steht"

Maria als Fundi

Es gibt Stellen in ihrem Buch, die in ihrer messerscharfen Analyse an C. S. Lewis erinnern, etwa: „Wenn jemand nicht glauben kann, dass Gott eine Person ist, ein Jemand, der uns persönlich liebt, sondern nur ein Verb ist, also ein lebloses Wort, dann ist Gott weniger als wir, die wir Personen sind – er ist ja nur ein Tätigkeitswort. (…) Wenn dem so wäre, könnten wir tatsächlich nur über Strukturen reden und uns eine Kirche basteln, wie sie uns gefällt, widdewiddewitt.“

Besonders beeindruckt den Leser, wie tief die Autorin das Leben der Gottesmutter nachempfindet. Man spürt das Erschrecken darüber, dass jede positive Rede von Maria auf dem Synodalen Weg unter Fundamentalismusverdacht steht; ja, dass Maria allenfalls von Aktivistinnen als Modell einer vermeintlich überkommenen Kirche vorangetragen wird. Indem Dorothea Schmidt Maria in den Bezug zum Leben einer jungen Mutter und Frau von heute setzt, kratzt sie mächtig am elfenbeinernen Turm der feministischen Theologie.

Nicht dogmatisch

Sehr undogmatisch – aus der Sicht des Synodalen Wegs – stellt sie die Frage, ob es nicht paradox ist, durch eine laxere Moral das Übel des Missbrauchs abstellen zu wollen, oder, ob gerade hier nicht von Interessengruppen der Missbrauch selber instrumentalisiert wird, um alte, längst geklärte Forderungen wieder aufs Tapet zu bringen. Dieses Buch hat es in sich, wenn man es mit Muße liest und zum Herzen reden lässt. Die „Pippi-Langstrumpf-Kirche“ gehört in die Hand jedes Synodalen. Im Plenum gehen zwar die roten Karten der Ablehnung blitzschnell in die Luft, wenn ein Vertreter der sogenannten „Minderheit“ spricht.

Bereitet Gott die Wohnung?

Wer sich jedoch im stillen Kämmerchen mit dem Buch beschäftigt, kann der Frage nicht ausweichen: Baue ich etwa nur an einer Kirche nach meinen Vorlieben? Oder ist da wirklich ein Gott, der mich persönlich liebt und mir eine Wohnung vorbereitet hat?

Ich wünsche das Buch zudem jenen ratlosen Katholiken, die im Widerstreit der Meinungen die Übersicht verloren haben und nach einem geistlichen Leitfaden suchen. Dorothea Schmidt zeigt auf, wie es möglich ist, in einer geistlich angefochtenen Zeit auf den Anruf Christi zu antworten.


Dorothea Schmidt:
Pippi-Langstrumpf-Kirche.
Meine Erfahrungen auf dem Synodalen Weg.
fe-Medienverlag Kisslegg, 2021, 229 Seiten,
ISBN 978-3863573250
EUR 8,95,–

 

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